Letztes Update am Mi, 17.04.2019 06:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Reform am kritischen Punkt: Hat die Klinik Platz für Natters?

Rund um das geplante Aus für das Landeskrankenhaus Natters baut sich Widerstand gegen die Spitalsreform der schwarz-grünen Landesregierung auf.



Die Tage des Natterer Krankenhauses sind gezählt.

© Thomas Böhm / TTDie Tage des Natterer Krankenhauses sind gezählt.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Die Ansage vom Betriebsratsvorsitzenden der Spitalsholding Tirol Kliniken, Gerhard Hödl, war nicht nur gestern Abend beim TT-Forum in Natters klar: „Wir werden weiter um diesen Spitalsstandort kämpfen, hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“ Schon am Vormittag wurde bei einem Treffen der Betriebsräte der neun Tiroler Krankenhäuser mit Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) Klartext geredet. „Mit Ausnahme von Zams oder Schwaz übten die Personalvertreter heftige Kritik daran, dass sie von den Spitalsverantwortlichen kaum bis gar nicht über die geplanten Maßnahmen in ihren Häusern informiert werden“, betont Hödl. Im Namen des Ärzte- und Pflegepersonals forderte er, dass jetzt alle Fakten auf den Tisch kommen.

Was Natters betrifft, so hält Hödl am Protestmarsch Mitte Mai fest. Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger findet ebenfalls deutliche Worte. Er hegt überdies große Zweifel am Spitalskonzept des steierischen Beratungsunternehmens EPIG. „Scheinbar riskiert man auch in Tirol einen politischen Denkzettel wie jüngst in der Steiermark.“ Wechselberger fordert sogar ein Ausbaukonzept für das LKH Natters.

Wie viel die Verlegung der Lungenheilkunde von Natters in die Klinik Innsbruck kosten wird, darüber gibt es noch kaum verlässliche Zahlen. Jedenfalls dürfte von einem zweistelligen Millionenbetrag auszugehen sein.

Mit der Spitalsreform soll die Errichtung der Primärversorgungszentren einhergehen. Dabei geht es um eine bessere Versorgung durch die niedergelassenen Ärzte.

Beim TT-Forum über die Zukunft des Krankenhauses Natters platzte gestern Abend der Gemeindesaal aus allen Nähten. Die Kritiker der geplanten Spitalsschließung drückten ihren Unmut auch mit Trillerpfeifen aus.
Beim TT-Forum über die Zukunft des Krankenhauses Natters platzte gestern Abend der Gemeindesaal aus allen Nähten. Die Kritiker der geplanten Spitalsschließung drückten ihren Unmut auch mit Trillerpfeifen aus.
- Vanessa Rachlé

Reform am kritischen Punkt

Aus Natters soll eine in Tirol dringend benötigte Pflegeklinik mit 160 Betten für jüngere Pflegebedürftige, betagte Menschen mit Behinderungen und die Übergangspflege werden. So sieht es das Spitalskonzept von Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) vor: Rundherum gruppieren sich dann Leistungsanpassungen in den acht verbleibenden Landes- und Bezirkskrankenhäusern, eine Reduktion der Betten um rund 200 und Schwerpunktverlagerungen. So sollte ursprünglich die Kinder- und Jugendstation in St. Johann aufgelassen und zentral in Kufstein angesiedelt werden. Nach Protesten dürfte aber die Fortführung einer kleineren Abteilung (disloziert) möglich sein.

Vor der nächsten Gesprächsrunde mit den einzelnen Spitalserhaltern ist die Spitalsreform jedoch an einem kritischen Punkt angelangt. Vor allem in Natters. Dort tun sich immer mehr Fragen auf, vor allem die Sinnhaftigkeit der Verlagerung der anerkannten Lungenheilkunde in die Innsbrucker Klinik wird bezweifelt. Ein medizinisches Gutachten spricht sich für die Integration aus, weil eine Konzentration Sinn machen würde.

Für Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger macht das hingegen keinen Sinn, weil die Lungenheilkunde eine funktionierende Organisationseinheit in Natters bildet. Vielmehr plädiert er für ein Ausbaukonzept. Den Vorschlag von Transitforumchef Fritz Gurgiser, das geplante Rehabilitationszentrum für Kinder nicht in Wiesing, sondern in Natters anzusiedeln, bezeichnet er als wertvoll. Vizepräsident Klaus Kapelari sprach schlussendlich Platzprobleme an der Innsbrucker Klinik an. „Wie will man die Natterer Pulmologie, eine Abteilung mit 104 Betten, in der Innsbrucker Klinik unterbringen, wenn man erst kürzlich die Kinder- und Jugendpsy­chiatrie wegen des zusätzlichen Platzbedarfs von 21 Betten von Innsbruck nach Hall verlegen musste?“ Die Kosten von zig Millionen Euro führt wiederum der Betriebsratsvorsitzende der Tirol Kliniken, Gerhard Hödl, ins Treffen.

Die Informations- und Kommunikationsstrategie des Landes sowie in den einzelnen Spitälern sorgen letztlich ebenfalls für harsche Kritik der Personalvertreter und von Ärztechef Wechselberger: „Es kann nicht sein, dass der betroffenen Bevölkerung und den verunsicherten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Organisationskonzept und die Kostenkalkulation vorenthalten werden“, empört sich der Ärztekammerpräsident.