Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.04.2019


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Pestizide in der Landwirtschaft: Bauern in Tirol fürchten neue Verbote

Im Osten laufen Erdäpfelbauern gegen Pestizid-Verbote Sturm. Die Kartoffel spielt in Tirol eine kleine Rolle, Bauern fürchten aber Auslaufen weiterer Mittel.

Die Anbauflächen auf den Thaurer Feldern. Nur 0,5 Prozent des Ackerbaus in Tirol entfallen auf Kartoffel, bei Radieschen hat Tirol hingegen die Nase vorne.

© Thomas BöhmDie Anbauflächen auf den Thaurer Feldern. Nur 0,5 Prozent des Ackerbaus in Tirol entfallen auf Kartoffel, bei Radieschen hat Tirol hingegen die Nase vorne.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Im Tiroler Handel gibt es seit Februar keine heimischen Kartoffeln mehr, sagt Romed Giner junior, Gemüsebauer in Thaur und einer der größten Erdäpfelproduzenten in Tirol. Auch bei uns habe der Drahtwurm im vergangenen Jahr großen Schaden angerichtet. „Da es aber sehr wenig Kartoffelbauern in Tirol gibt – nur auf 0,5 Prozent der Ackerfläche wachsen Erdäpfel –, war der Aufschrei nicht zu hören.“

Giner schließt sich der Forderung der Bauern im Osten an, die wollen, dass gewisse Pestizide, die zur Bekämpfung des Drahtwurms dienten und deren Zulassung ausgelaufen ist, wieder verwendet werden dürfen. „Ich finde es schlimm, dass wir keine heimischen Produkte liefern können und die Ware aus dem Ausland kommt, wo Mittel, die bei uns verboten sind, verwendet werden dürfen“, hält er fest. Um Chancengleichheit zu erreichen, müsste die Verwendung bestimmter Pestizide in Europa generell untersagt oder erlaubt werden. Derzeit seien die Thaurer Bauern aber vor allem beunruhigt, da nächstes Jahr ein wirksames Pestizid gegen den Schädlingsbefall von Radieschen nicht mehr zur Verfügung stehe. „Radieschen sind unsere Hauptkulturen, wenn wir dort große Ausfälle haben, würde uns das ins Mark treffen“, so Giner.

Der Geschäftsführer des Silzer Erdäpfelkellers, Hannes Schöpf, sieht den Schlagabtausch um Pestizide pragmatischer. „2018 war aus unserer Sicht ein normales Kartoffeljahr, wir waren nur ein wenig verwöhnt, weil die Jahre zuvor Ausnahmeernten verzeichnet wurden“, sagt er. Er kann die Forderung der Bauern nach einer Wiederzulassung bestimmter Stoffe nicht verstehen. „ Dann müssen wir alternative Methoden in der Pflege finden. Was verboten ist, ist verboten, das Verbot ist immer gut begründet.“

Global 2000 hat mit der Uni Innsbruck und mehreren Landwirten die Initiative Drahtwurm gegründet. Sprecherin Claudia Meixner erklärt dazu, dass mittels Pilzen versucht werde, die Schädlinge mit natürlichen Gegenspielern zu bekämpfen. Pestizidexperte Kurt Stockinger gibt an, dass die Landwirte sich bezüglich der Bekämpfung des Drahtwurmes ein Mittel zurückwünschen würden, das keine Zulassung mehr bekomme: „Das Mittel wird nicht verboten, sondern nicht mehr hergestellt, weil es nicht angewandt werden darf“, so Stockinger. „Es ist schade, dass Alternativen erst beforscht werden, wenn die chemische Keule nicht mehr zur Verfügung steht.“

Bei den Radieschen wird die Situation sicher dramatisch. „Die Substanz Chlorpyrifos, die unter anderem für Rettich und Radieschen zugelassen ist, läuft nächstes Jahr aus, es wurden bisher keine alternativen Forschungen betrieben“, so der Experte. Bei der ganzen Diskussion um wirtschaftliche Einbußen durch Schädlinge werde leider meist vergessen, dass die Gesundheit der Konsumenten auf dem Spiel stehe. „Chlorpyrifos steht in Verdacht, für vermehrte ADHS-Fälle (Zappelphilipp-Syndrom) bei Kindern zu sorgen, Demenz zu begünstigen, Krebs zu fördern und hormonelle Funktionen des Körpers zu beeinträchtigen“, so Stockinger. Meixner ergänzt, dass man sich europaweit dieselben Vorgaben für die Verwendung von Pestiziden wünschen würde. „Die Landwirte müssen an einer langfristigen biologischen Bekämpfung Interesse haben, es kann nicht sein, dass chemische Mittel ein paar Jahre zugelassen werden, dann nicht mehr und man ohne Alternativen dasteht.“ Laut Schätzungen von Global 2000 kommt ein Bruchteil der Gelder, der in die Erforschung chemischer Schädlingsbekämpfung fließt, alternativen Methoden zugute.

Im Kampf gegen den Drahtwurm nimmt die Universität Innsbruck eine Vorreiterrolle ein. Das Institut für Ökologie forscht diesbezüglich seit 20 Jahren. „Der Drahtwurm befällt sehr viele Kulturen: Kartoffel, Karotten, aber auch Mais“, erklärt Michael Traugott. „Bei der Kartoffel sind die Schäden, die im Spätstadium entstehen, besonders dramatisch.“

Doch Hoffnung naht: Am Forschungsbauernhof Imst wurde ein Exaktversuch mit Ablenkpflanzen und einem Pilz, der die Larven angreift, gemacht. Das Ergebnis: Der Befall konnte um 35 Prozent reduziert werden. Allerdings brauche es viel mehr Investitionen in die Forschung, zudem müssten die Bauern geschult werden, so Traugott.

Gegen Radieschen-Schädlinge gibt es nur ein Mittel.
Gegen Radieschen-Schädlinge gibt es nur ein Mittel.
- iStockphoto

Die Landwirtschaft in Tirol in Zahlen

Anbaugebiet In Tirol wird jährlich auf rund 1200 ha Gemüse angebaut. Die Gesamtproduktion beläuft sich auf 30.000 Tonnen, was über 40 kg pro Kopf der Tiroler Bevölkerung ergibt. Das sind rund 50 Prozent Selbstversorgungsgrad.

Kulturen Tirol hat das größte zusammenhängende Anbaugebiet von Radieschen in Österreich. Auch bei Porree ist Tirol vorne dabei. Besonders ins Gewicht fallen auch 5 Tonnen Karotten.

Kartoffel Die großen Anbauflächen für Erdäpfel finden sich im Osten. In Tirol sind nur 0,5 % des Ackerbaus auf Erdäpfel ausgerichtet.

Pestizidverbot Der Drahtwurm hat in Österreich 2018 ein Viertel der Kartoffeln so beschädigt, dass sie nicht mehr als Speiseware verkauft werden können. Die Bauern wollen die Wiederzulassung von Pestiziden wie Imidacloprid, Clothianidin oder Thiamethoxam erreichen. Am Donnerstag gab es eine Demo am Heldenplatz.

ARGE Drahtwurm Die Initiative von Global 2000 zielt darauf ab, mit Bauern und Forschern (federführend ist die Uni Innsbruck) umweltschonende Bekämpfungsmethoden zu entwickeln.

Der Drahtwurm verursacht große Schäden.
Der Drahtwurm verursacht große Schäden.
- Global 2000



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