Letztes Update am Mo, 06.05.2019 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Ein Jahr Bürgermeister in Innsbruck: Willi fehlt der große Wurf

Am Montag wird Georg Willi 60 Jahre alt. Ein Geburtstag, der ihm, wie er sagt, nicht viel bedeutet. Heute jährt sich auch Willis Erfolg bei der Bürgermeisterstichwahl 2018. Die Bilanz des Stadtchefs fällt gemischt aus.

Bilanz nach einem Jahr als Bürgermeister: Georg Willi sieht keine größeren Fehler, auch ihm fehlt der politische „Hammer“.

© Jakob GruberBilanz nach einem Jahr als Bürgermeister: Georg Willi sieht keine größeren Fehler, auch ihm fehlt der politische „Hammer“.



Von Marco Witting

Innsbruck – Seit einem Jahr ist Georg Willi Bürgermeister von Innsbruck. Der Jahrestag der erfolgreichen Stichwahl trifft mit dem 60. Geburtstag des Stadtchefs zusammen. Und während dem Grünen-Frontmann der Geburtstag nichts bedeutet, erinnert sich Willi gerne an die Wahl vor einem Jahr zurück. Seine Bilanz nach einem Jahr fällt gemischt aus: zwischen „keine größeren Fehler passiert“ und einem fehlenden „Hammer“.

Sie haben am Montag einen runden Geburtstag.

Georg Willi: Leider. Leider. Ich gebe nichts auf meinen Geburtstag. Ich komme aus einem Elternhaus, in dem Namenstage wichtiger waren. Aber auch die feiere ich nicht.

Also denken Sie beim 6. Mai eher an die Stichwahl vor einem Jahr?

Willi: Inzwischen ja. Manchmal wache ich in der Früh noch auf und denke, ist es wirklich wahr, dass ich Bürgermeister bin? Weil das nicht erwartbar war. Ich habe zwar gewusst, es gibt nach dem „Prinzip Hoffnung“ eine Chance. Aber realistisch betrachtet war die nicht sehr hoch. Insofern bin ich dann erstaunt: Ja, ich bin wirklich Bürgermeister.

Nutzen Sie das Datum dann jetzt, um selber Bilanz zu ziehen?

Willi: Das nehme ich als kleine Zäsur. Auch um mich zu fragen, was ich dazugelernt habe. Es gibt ja drei Lehrjahre – also habe ich bis zur Gesellenprüfung noch zwei Jahre.

Große Feierlichkeiten soll es zum 60er nicht geben, sagt Willi. Der Geburtstag sei ein "ganz normaler Arbeitstag".
Große Feierlichkeiten soll es zum 60er nicht geben, sagt Willi. Der Geburtstag sei ein "ganz normaler Arbeitstag".
- Jakob Gruber

Wie beurteilen Sie selber Ihr erstes Jahr als Bürgermeister?

Willi: Es ist nichts Gröberes passiert (lacht). Ich glaube, es ist ein gewisser Stilwechsel eingetreten rund um das Amt des Bürgermeisters. Ich bin ein sehr „niederschwelliger“ Bürgermeister. Ich bin sehr offen und leicht ansprechbar. Als Symbol dieses neuen Stils würde ich die Bürgermeister-Sprechstunde im Treibhaus nennen. Da kann ich politische Prozesse erklären und auch klarmachen, dass manches, das passiert, nicht mein ureigenstes Interesse ist, sondern Ausdruck der Demokratie. Ich nehme dort auch jedes Mal ein Paket an Aufgaben für mich mit.

Was ist Ihrer Ansicht nach nicht so gut gelaufen?

Willi: Ich bin erstaunt, wie mühsam es ist, das zentrale Thema des „leistbaren Wohnens“ politisch so zwingend zu machen, dass eine Mehrheit sagt: Ich bin zu mutigen Schritten bereit. Diese sehr mutigen Schritte fehlen noch. Die alten Denkmuster in diesem Bereich, speziell was Grund und Boden angeht, sind noch zu sehr verhaftet. Politische Eingriffe bei Grund und Boden werden noch immer sehr kritisch gesehen, sind aber unumgänglich. Die Diskussion, die wir angestoßen haben, ist gut gelaufen. Weil sie richtig heftig war. Es ist aber noch ein langer Weg zu den konkreten Schritten.

Ist Georg Willi in der Realität einer Regierungsverantwortung angekommen? Auch wie schwer es ist, Sachen umzusetzen?

Willi: Klar. Veränderung ist immer mühsam. Da braucht man sich nur die eigenen Neujahrsvorsätze anzuschauen. Und politische Veränderungen sind noch mühsamer.

Sie sind mit Vorbehaltsflächen und der Vier-Prozent-Hürde vorerst gescheitert, konnten ein Alkoholverbot nicht verhindern. Kündigt Georg Willi viele Sachen an und kann dann nichts umsetzen?

Willi: Ich zeige jedem gerne eine Liste von Dingen, die gelungen sind. Da sind viele Puzzlesteine dabei. Es fehlt noch „der große Hammer“. Aber nach einem Jahr kann man sich auch nicht das große politische Ereignis erwarten. Ich möchte aber der Bilanz der Koalition insgesamt nicht vorgreifen. Aber es ist vieles gelungen. Etwa rund um die Rad-WM die Stimmung zu drehen. Oder die Patscherkofelbahn, die nicht ausfinanziert war. Da die Mehrheit zusammenzubringen, war nicht einfach. Solche Dinge haben wir umgesetzt. Oder die Finanzlage. Eine schwarze Null fällt nicht vom Himmel. Da muss man hartnäckig daran arbeiten.

Vor einem Jahr: Siegesfeier nach der Stichwahl.
Vor einem Jahr: Siegesfeier nach der Stichwahl.
- Rudy De Moor

Wie würden Sie die Stimmung in der Koalition beschreiben?

Willi: Gut.

Obwohl manchmal gegen Sie gestimmt wird?

Willi: Mein Vorteil ist, dass ich mich in der Minute schon aufregen kann. Aber nach einmal drüber schlafen relativiert sich das meist.

Wird die Stimmung nach dem Kontrollamtsbericht über die Patscherkofelbahn auch noch so gut sein?

Willi: Das kann ich nicht sagen, weil ich den Bericht noch nicht kenne.

Es soll angeblich ja zwei Berichte dazu geben, die jetzt wohl bald vorliegen werden. Was soll da aus Sicht des Bürgermeisters herauskommen?

Willi: Ein anderer Umgang mit öffentlichen Geldern und Projekten in der Zukunft. Wer mit öffentlichen Geldern arbeitet, hat eine doppelte Verantwortung. Bei allem, was wir mit diesem Geld machen, gehört doppelt hingeschaut. Beim Neubau der Patscherkofelbahn mit fast 80 Millionen Euro Kosten ist viel zu viel Geld ausgegeben worden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht. Damit sich das in Zukunft ändert, sind wir dabei, eine begleitende Kontrolle einzurichten. Die soll auf das jeweilige Projekt abgestimmt sein.

Kann dieser Bericht die Koalition sprengen?

Willi: Nachdem ich ihn nicht kenne, kann ich es nicht sagen. Mein Ziel ist es nicht. Aber die Verantwortungen wird der Bericht hoffentlich aufzeigen.

Sie touren als Vorzeige-Grüner fleißig durch die anderen Bundesländer. Wie sehen Sie die Chance der Grünen bei den EU-Wahlen?

Willi: Ich glaube, viele haben erkannt, dass etwas in Österreich fehlt, seit die Grünen nicht mehr im Nationalrat sind. Wir sind eine Partei, die sich um die Zukunft besonders stark Gedanken macht. Ich erlebe plötzlich auch, dass sich gerade die Jungen auf das urgrüne Thema Umweltschutz draufsetzen – Stichwort Fridays for Future. Die Grünen vertreten das seit Beginn, schaffen es manchmal aber nicht zu vermitteln, wie lebensnotwendig das Thema ist.

Gelingt das jetzt überhaupt besser?

Willi: Ja. Und ein kleines bisschen konnte ich da beitragen. Ich rede noch immer viel zu kompliziert. Aber unter den Grünen rede ich noch eher einfacher. Und am meisten geholfen hat mir da der Burenwirt. Wenn man im Gasthaus sitzt und dem Arbeiter dort Dinge erklären will, muss man verständlich argumentieren.

Noch einmal zurück in den Alltag in der Stadt. Ist für das nächste Jahr der große Hammer dabei?

Willi: Ich möchte, was den Wohnbau betrifft, viel weiterbringen, damit dieses Grundbedürfnis abgedeckt werden kann. Ich möchte Innsbruck gut durch ein Jahr mit vielen Baustellen durchführen. Das sind Verbesserungen, die uns für die Zukunft helfen. Ich glaube, wir kommen jetzt auch bei der Radmobilität einen guten Schritt weiter.

Wird zu viel gebaut in Innsbruck?

Willi: Manche sagen, es wird zu langsam gebaut. Aber auch das stimmt nicht. Wir versuchen, die Stadt auf einem modernen Standard zu halten. Jeder will die beste Versorgung. Wer das will, muss manches neu errichten. Unsere Aufgabe ist es, die Leute früh zu informieren und sie mitreden zu lassen – damit das Neue gut akzeptiert und als Bereicherung empfunden wird, bei allen Mühen der Baustellen.

Wird jetzt der 60er am Montag gar nicht gefeiert?

Willi: Es ist ein ganz normaler Arbeitstag. Der 60er ist für mich kein besonderer Tag. Er endet mit einer Bürgermeister-Sprechstunde.

Das Gespräch führte Marco Witting