Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 29.05.2019


Bezirk Kufstein

Bahnbau zum Brenner lehrt Anrainer das Fürchten

Der geplante Bahnzulauf zum Brenner treibt die Betroffenen auf die Barrikaden: In Angath fürchtet man Staub, Lärm und Abgase durch die „Monster-Baustelle“, in Kufstein will die Bürgerinitiative auf die Straße gehen.

Siegfried Dillersberger referierte im Bürgersaal.

© OtterSiegfried Dillersberger referierte im Bürgersaal.



Von Wolfgang Otter

Angath, Kufstein – Die Zukunft verspricht für Georg Decristoforo und Markus Schrettl nichts Gutes. Nur knapp zehn Meter werden sie künftig von einer der größten Baustellen in der Geschichte des Bezirks Kufstein trennen. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) benötigen in Angath nicht weniger als acht Hektar Grund für die Abwicklung des geplanten Tunnelbaus zwischen Kundl und Angath für den zweiten Bauabschnitt der Bahnzulaufstrecke zum Brennerbasistunnel. Auch wenn der Bau rund zwölf Kilometer bergmännisch unter Tage vorangetrieben wird, zwischen Inn und Autobahn im Westen des Dorfes sind auf dem Areal „Wohn-/Bürocontainer, Tiefbrunnen, eine E-Trafoanlage, eine Gesteinsbrechanlage und ein Spritzbetonwerk vorgesehen. Damit wird landwirtschaftlich genutzter, unmittelbar an Wohnobjekte angrenzender Grund in eine hochbelastete Industriezone umgewandelt“, kritisieren die beiden.

Die Aussichten für das Dorf sind nicht rosig, wenn die Zahlen stimmen, die Schrettl und Decristoforo nach einer ersten ÖBB-Information parat haben. Erwartet werden während der Bauphase bis zu 500.000 Lkw-Fahrten. An die zwei Millionen Kubikmeter Material für Haupt- und Rettungstunnel werden vermutlich abgebaut. Die geplante Bauzeit ab 2028 soll zwischen fünf und zehn Jahre dauern. „Wir sind nicht gegen den Bahntunnel, aber das hält niemand aus“, verweisen die Anrainer auf Staub, Lärm und Abgase. Und die Baustelle laufe 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Bezeichnend sei der Spruch eines Technikers bei der Vorstellung der Pläne, „der sagte, dass der Lärm von der Autobahn für uns kein Thema mehr ist. Der wird von der Baustelle überlagert.“

Markus Schrettl und Georg Decristoforo (v. l.) sehen mit Schaudern der Großbaustelle für den Bahntunnel entgegen.
Markus Schrettl und Georg Decristoforo (v. l.) sehen mit Schaudern der Großbaustelle für den Bahntunnel entgegen.
- Otter

Durch den Transport des Materials über die Landesstraße Richtung Angerberg in das so genannte Ochsental, wo aufgeschüttet werden soll, dürfte das gesamte Dorf eine ordentliche Portion Lärm abbekommen. Was die Anrainer nicht verstehen, ist der Umstand, dass der gesamte Bau über Angath abgewickelt wird. „Man könnte das Ganze ja kleiner gestalten, wenn man auch über Kundl abtransportiert“, glauben sie. Und der bergmännisch vorangetriebene Tunnel ist nur ein Teil. Der weitere Verlauf zwischen Angath und Niederbreitenbach-Langkampfen wird in offener Bauweise als Wanne errichtet, die später zugeschüttet wird. Also wird es auch im Osten Angaths eine Großbaustelle geben. Decristoforo und Schrettl wollen jetzt zumindest 200 Unterschriften sammeln, um mit einer Bürgerinitiative in der Umweltverträglichkeitsprüfung ein gewichtiges Wörtchen mitreden zu können.

Bei den ÖBB betont man, dass „eine größere zentrale Logistikfläche unumgänglich ist, die aber durch eine Schutzwand zum besiedelten Gebiet abgetrennt wird“. Zugleich werde ein Autobahnanschluss errichtet. Die Lkw-Transporte zu den Aufschüttungsflächen seien überdies im Regelbetrieb auf die Zeit von 6-19 Uhr von Montag bis Freitag beschränkt. Die Gemeindeführung habe bereits bei den ÖBB auf eine umweltverträgliche Gestaltung der Baustelleneinrichtungsfläche gedrängt. „Details können allerdings erst im Zuge des weiteren Verfahrens verhandelt bzw. erst bis hin zum Baubeginn festgelegt werden“, erklärt Pressesprecher Christoph Gasser-Mair.

Für die Großbaustelle werden acht Hektar Grund benötigt.
Für die Großbaustelle werden acht Hektar Grund benötigt.
- Repro: Otter

Zumindest bekommen die Angather etwas, was man in Kufstein noch lautstark fordert. Dort will man auf alle Fälle ebenfalls einen Tunnel. Kufstein wird im Zuge des dritten Bauabschnittes von Schaftenau bis nach Rosenheim tangiert. Die Bürgerinitiative „KeineTrasseOhneTunnel“ lud in den Bürgersaal, um für ihre Sache die Werbetrommel zu rühren. Prominenter Vortragender und Unterstützer war Altbürgermeister Siegfried Dillersberger.

Er referierte über Fehler und Initiativen in der Transitfrage. Sein Rat an die Zuhörer: Die Politiker sollte man zwar einbinden, aber deren Versprechen nicht trauen. Dillersberger erinnerte an die Vignettendiskussion, wo alle eine Befreiung ab Kufstein Süd in Aussicht gestellt hatten. Er stärkte aber den Anrainern den Rücken, „wenn sie hart bleiben und das verlangen, was andere haben, nämlich eine unterirdische Bahntrasse, wird man nicht drüberfahren können“. Hart bleiben will man bei der Initiative ohnedies. „Wenn notwendig, gehen wir auf die Straße“, verspricht Sprecherin Tanja Votteler. Ein Vertreter der Stadt war nicht gekommen. BM Martin Krumschnabel hatte sich krankheitsbedingt entschuldigt.

Zahlreiche Zuhörer lauschten Dillersberger.
Zahlreiche Zuhörer lauschten Dillersberger.
- Otter