Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 31.05.2019


Exklusiv

ARGE Altenheime: Ruf nach einem Pflegegipfel in Tirol

Die Arbeit in Altenheimen müsse neu und konkreter definiert werden, fordert die ARGE Altenheime. Das Drehen am umstrittenen Minutenschlüssel sei der falsche Ansatz.

Wie viel Unterhaltung und Programm braucht es im Altenheim? Auch das gelte es laut ARGE zu klären.

© Thomas BöhmWie viel Unterhaltung und Programm braucht es im Altenheim? Auch das gelte es laut ARGE zu klären.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Was braucht ein Bewohner im Altenheim? Wie viel Pflege, wie viel Zeit für Gespräche, wie viel Entertainment und wie viel Ruhe? Diese Fragen müssten zum Dreh- und Angelpunkt werden, fordert der Obmann der ARGE Altenheime, Robert Kaufmann. Unterstützt wird er in seiner Forderung von seinem Stellvertreter Reinhard Griener und Pflegedienstleiterin Martina Laner.

Die drei wollen einen breiten Diskussionsprozess anstoßen, denn jener über den Minutenschlüssel sei schon lange überholt und der falsche Ansatz. „Erstens wird der Minutenschlüssel falsch ausgelegt und damit zum Totschlagargument und zweitens geht die Diskussion an der Sache vorbei.“ Der Minutenschlüssel legt nicht fest, wie viel Minuten für die Essenseingabe oder das Verbandwechseln vorgesehen sind, sondern wie viel Zeit pro Pflegestufe pauschal einzurechnen ist, damit die Altenheime eine Grundlage zur Personalplanung haben.

„Es gibt zu wenig Personal in den Altenheimen. Das ist der Grund, warum gejammert und der Minutenschlüssel vorgeschoben wird“, erklären Laner und Griener. Tirols Altenheime haben sich in den letzten Jahren von Wohn- in Richtung Pflegeheime entwickelt. Die Schwere der Pflegefälle habe aufgrund der Altersstruktur zugenommen, dazu kommt, dass der Bedarf an psychosozialer Betreuung enorm gestiegen sei. Die Zahl der Demenzkranken, die zwar weniger Pflege im eigentlichen Sinn brauchen, dafür aber mehr Aufmerksamkeit, wird in den nächsten Jahren weiter deutlich steigen. „Die Anforderungen an die Pflege haben zugenommen. Dafür ist die Personaldecke in den Altenheimen zu dünn“, kritisiert Kaufmann.

Die Aufgabe sei komplex und nur schwammig definiert. „Wie zu pflegen ist, normiert aber das Tiroler Heimgesetz nur sehr allgemein“, kritisiert Kaufmann. Der Heimträger hat dafür zu sorgen, dass für die angemessene Betreuung und Pflege der Heimbewohner genügend geeignetes Personal zur Verfügung steht, zitiert Griener den entsprechenden Passus im Gesetz. „Das Gesetz überlässt es den Heimträgern selbst, den Personalbedarf festzulegen, der an die Grenzen der Finanzierbarkeit stößt.“ Griener, Laner und Kaufmann fordern eine Art Pflegegipfel mit Experten, Vertretern des Landes und der Gemeinden und Arbeitsrechtsexperten, um die Pflege auf ganz neue Beine zu stellen.

ÖVP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg kann die Forderung nicht ganz nachvollziehen. Es gebe bereits einen regen Austausch und er verweist auf die derzeit laufende Tarifreform, wo auch die Thematik Minutenschlüssel bearbeitet würde. Tilg verweist darauf, dass in einer Pilotphase rein administrative Tätigkeiten herausgerechnet werden. Das könnte den Heimen mehr Personal und den Pflegern mehr Zeit für die Pflege bringen.

„In 30 von 91 Heimen läuft diese Pilotphase. 2020 soll sie flächendeckend umgesetzt sein“, bestätigt auch Kaufmann. Ihm geht das Ganze aber zu wenig weit. „Wichtig ist, nicht wieder mit der Stoppuhr anzufangen, sondern festzuhalten, was für die Bewohner gut ist.“ Kaufmann und Laner sprechen auch das Unterhaltungsprogramm in Altenheimen an. „Auch da muss man fragen, ob es Tanz mit Musik und Singen und Co. jeden Tag braucht oder ob es nicht besser wäre, mehr Zeit für Gespräche oder einen Spaziergang zu investieren.“

Kaufmann verweist darauf, dass der durchschnittliche Heimbewohner bereits Pflegestufe 4 erreicht hat. „Die Bewohner sind abends zum Teil einfach nur müde. Das ist so bei alten Menschen.“ Ein tägliches Programm werde in den Häusern oft nur erstellt, um Angehörige und die Kontrolleure zu befriedigen.