Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.06.2019


Landespolitik

Wie viel Hubschrauber verträgt der Schlaf?

Nach Nachtflügen wird Kritik am Standort des Rettungshubschraubers von Anrainern und Angehörigen von Pflegeheimbewohnern laut.

Der ARA-Notarzthubschrauberstützpunkt in Ehenbichl liegt direkt beim Bezirkspflegeheim Haus Ehrenberg und Bezirkskrankenhaus Reutte.

© Mittermayr HelmutDer ARA-Notarzthubschrauberstützpunkt in Ehenbichl liegt direkt beim Bezirkspflegeheim Haus Ehrenberg und Bezirkskrankenhaus Reutte.



Von Helmut Mittermayr

Ehenbichl – Die Lage des Stützpunktes des Außerferner Notarzthubschaubers ist sicher einzigartig in Tirol und kennt in Österreich nur einen vergleichbaren Fall in Krems. Nämlich die Stationierung direkt bei einem Krankenhaus, in Ehenbichl sogar im Garten des Bezirkspflegeheims. Trotz des zu erwartenden Konfliktpotenzials war es seit der Etablierung 2005 immer „ruhig“ geblieben. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, waren nun Trainingsflüge nach Mitternacht. Der ARA-Helikopter ist nun nachtflugtauglich und die Besatzung musste – wie berichtet – dafür Trainingsflüge absolvieren. Als die Rotoren weit nach Mitternacht die Schlafenden aus den Betten der Ehenbichler Einfamilienhäuser drehten, war eine rote Linie überschritten. Verärgerte Anrainer sprachen bei Bürgermeister Wolfgang Winkler vor. Die am Bezirkskrankenhaus Reutte arbeitende Oberärztin Sabine Natter, deren Mutter im Pflegeheim untergebracht ist, informierte sogar die Heimanwaltschaft.

Anrainern wie weiteren Angehörigen von Pflegeheim­insassen ist es wichtig zu erklären, dass die Flugrettungseinsätze prinzipiell nicht in Frage gestellt würden. Sehr wohl aber Nachtflüge und damit auch die Lage des Stützpunktes. Denn die Beschwerdeführer vermuten, dass immer mehr Flüge aus wirtschaftlichen Interessen mit dem BKH Reutte nichts zu tun haben. Natter: „Überstellungsflüge von Kempten nach Murnau müssen nicht aus dem Garten des Pflegeheimes starten.“ Und ein weiterer Anrainer: „Auch der akute ,Herzinfarkt‘, der vom Tannheimer Tal ins Krankenhaus Füssen geflogen wird – Gott sei Dank gibt es diese Flüge –, hat nichts mit uns zu tun. Gestartet und gelandet wird aber immer hier.“

Alois Gratl, Leiter des Pflegedienstes im Haus Ehrenberg, sieht eine prinzipielle Belastung gegeben, will sich aber nicht näher auslassen. Er als Angestellter des Hauses sei dazu nicht befugt. Aber jeder könne sich ausmalen, was es heiße, wenn teils demente Menschen, die abends ihre Medikamente erhalten haben und längst im tiefen Schlaf liegen, aus genau diesem herausgerissen werden. Manche glaubten sich in den Krieg zurückversetzt.

Für Ehenbichls Dorfchef Winkler ist das Gespräch mit ARA zu suchen – und die Nachtflüge wie vorgesehen mit 22 Uhr zu begrenzen. Er sieht zudem einen grundsätzlichen Widerspruch, sollte der Gemeindeverband daran denken, das Haus Ehrenberg um 60 Betten quasi rund um einen Hubschrauberstützpunkt zu erweitern. „Das ist auch die Frage, ob es sich hier um ein Geschäftsmodell handelt, das mit Nachtflügen auch im süddeutschen Raum erweitert werden soll. So ein Vogel soll an die neun Millionen kosten. Da geht es dann nicht nur um Nächstenliebe, das muss sich auch rechnen“, sagt der Gemeindechef. Eine ganz entscheidende Frage sei, wie viele Prozent der Flüge das BKH betreffen und wie viele außerhalb anfallen. Würden die externen stark zunehmen, wäre für ihn etwa ein Stützpunkt in Pflach bei der Abfahrt Reutte Nord vorstellbar. Dort würde niemand durch nächtliche Starts und Landungen gestört. Und wenn der Hubschrauber dann das BKH ansteuere, sei zu 100 Prozent ein direkter Bezug gegeben. Aber das müssten sich die Bürgermeister erst einmal alles anschauen und dafür bräuchte es Zahlen, die in dieser Form von ARA noch nie vorgelegt worden seien.

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ARA-Österreich-Flugrettung-Geschäftsführer Thomas Jank räumt ein, dass es zu Flügen nach Mitternacht gekommen sei, nun sei aber mit 22 Uhr vorerst eine Deadline eingezogen worden. Dass der Stützpunkt in die Diskussion gerät, löst bei ihm Kopfschütteln aus: „Will wirklich jemand ernsthaft die Flugrettung in Frage stellen?“ Er weist jegliche Gewinnorientierung von sich: „Wir sind eine gemeinnützige GmbH. Wir können auch gar nicht beeinflussen, wohin unsere Flüge gehen, sondern der zum Einsatzort naheliegendste freie Hubschrauber wird von Leitstellen angefordert.“ Aber natürlich gebe es auch Flüge im Allgäu. Jank erklärt, keine Aufschlüsselung über BKH-Reutte-bezogene Flüge und „die anderen“ zu besitzen. Das Anfertigen einer solchen Aufstellung würde zwei, drei Monate benötigen.

BKH- und Pflegeverbands­obmann Aurel Schmidhofer will zwar die Thematik mit den Bürgermeistern diskutieren, aber es sage für ihn schon viel aus, wenn die Beschwerden von Angehörigen und nicht den Pflegeheimbewohnern selbst kämen.