Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 25.06.2019


Eklusiv

Gewalt an Kindern und Kot per Post: Ortschefs in Tirol oft bedroht

Zu den Anforderungen an einen Bürgermeister gehören starke Nerven, wie eine TT-Umfrage zeigt. Drei Viertel der Tiroler Ortschefs wurden Opfer von verbaler Gewalt, über die Hälfte erhielt Droh- oder Schmähbriefe.

Für die Umfrage hat die Tiroler Tageszeitung alle 279 Gemeinden kontaktiert. 109 Bürgermeister haben schließlich geantwortet. (Symbolfoto)

© Thomas BöhmFür die Umfrage hat die Tiroler Tageszeitung alle 279 Gemeinden kontaktiert. 109 Bürgermeister haben schließlich geantwortet. (Symbolfoto)



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Hier und dort ein hartes Wort, Kritik am Tun oder Bleibenlassen – das gehört zum Alltag eines Politikers. Besonders oft und offen bei jenen Volksvertretern, die ganz nah an ihren Wählern arbeiten, wie es Bürgermeister und Bürgermeisterinnen tun. Dass die Tiroler Ortschefs aber mit wüsten und untergriffigen Beschimpfungen, oft sogar Drohungen gegen Leib und Leben umgehen müssen, ist weniger bekannt, aber – wie eine Umfrage der Tiroler Tageszeitung zeigt – durchaus üblich.

Knapp drei Viertel (73,4 Prozent) der heimischen Bürgermeister wurden demnach schon einmal Opfer von verbaler Gewalt – sie wurden persönlich beleidigt oder beschimpft. Etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) hat im Laufe der Amtszeit bereits Schmäh- oder Drohbriefe bzw. -E-Mails erhalten. Die meisten davon sind anonym eingelangt. Und 4,5 Prozent der Befragten gaben an, wegen der Ausübung ihrer Funktion körperlich angegriffen worden zu sein. Für die Erhebung wurden alle 279 Gemeinden angeschrieben, von denen 109 auf die gestellten Fragen geantwortet haben. Das entspricht 39 Prozent.

Noch erschreckender als die nackten Zahlen sind die Geschichten dahinter. Viele Bürgermeister haben angeführt, was sie erleben mussten und womit ihnen gedroht wurde. Das reicht von Sachbeschädigung über Schläge bis hin zum Erschießen. Oder noch perfider: einer Ankündigung, den Kindern des Amtsträger etwas anzutun. Ein Ortschef berichtet davon, Kot in seinem Briefkasten gefunden zu haben – samt Klopapier.

„Es war schwer abzuschätzen, kaum einzuordnen und hat mir ein ziemlich mulmiges Gefühl bereitet“, erzählt ein Bürgermeister, dem per Post verkündet wurde, dass sein Haus bald brennen werde. Namentlich genannt werden möchte er nicht – zu klein sei der Kosmos Dorf. Er habe nach dem Vorfall Anzeige erstattet, die Polizei konnte den Verfasser ausforschen. „Inzwischen habe ich keine Angst mehr“, sagt er. Sorge bereite ihm die in der Bevölkerung steigende „Gleichgültigkeit gegenüber der Öffentlichkeit und ihren Vertretern. Früher war man als Bürgermeister noch jemand, heute belächeln viele diese Aufgabe. Und einige wollen sich mit verbalen Entgleisungen vor anderen Scharfmachern profilieren.“

Ein Phänomen, das auch Ernst Schöpf, Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes, nicht neu ist. Wobei er nicht davon ausgeht, dass die Ortschefs im Land per se um ihre Gesundheit oder mehr fürchten müssen. „Wenn wir aber Flegeleien gröbster Art auch zur Gewalt zählen, dann wurden schon viele zu Opfern“, glaubt Schöpf – samt der psychischen Folgen. „Häufig erzählen Kollegen über Frust und Verdruss wegen der dramatisch schlechten Umgangsformen.“ Besonders mit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke habe sich diese Entwicklung eingestellt.

Die Gesellschaft müsse wieder zu einem „Mindestmaß an Anstand zurückfinden“ in der Art, wie miteinander geredet werde, fordert er. Nur auf die Frage, wie das erreicht werden kann, hat Schöpf – so wie viele andere auch – keine Antwort. Wohl aber weiß er, welche Folgen drohen: „Seit den letzten Wahlen vernehme ich unter den Bürgermeistern, vor allem bei denen, die schon länger im Geschäft sind, den Wunsch, das Handtuch zu schmeißen.“

-