Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.07.2019


Bezirk Kufstein

Zwischenlager für Asbest in Endach bleibt ein rotes Tuch

Erwartungsgemäß emotional verlief die gestrige Verhandlung zur Kufsteiner Baurestmassenanlage. Gemeinde, BKH und Bürger fahren ihre Geschütze auf.

Etwa 130 Interessierte fanden sich gestern zum behördlichen Lokalaugenschein in Endach ein.

© HrdinaEtwa 130 Interessierte fanden sich gestern zum behördlichen Lokalaugenschein in Endach ein.



Von Jasmine Hrdina

Kufstein – Mit dem Wort „Asbest“ haben die Antragsteller „die Milch ausgeschüttet“, meinte BM Martin Krumschnabel bei der gestrigen behördlichen Verhandlung zur geplanten Baurestmassenaufbereitungsanlage in Kufstein. Und damit lag er nicht falsch. „Ich glaube, dass sich heute einige Zweifel ausräumen lassen“, zeigte sich Projektleiter Karl-Heinz Löderle vor Beginn der Gespräche am Areal in Endach noch zuversichtlich. Doch vor den 130 Erschienenen redete er sich den Mund fusselig.

Befestigte Teilflächen, Reifenwaschanlage, überdachte Lagerboxen, Schallschutzmauern – die geplante Recyclinganlage samt Zwischenlager für asbesthaltige Betonfaserplatten sei auf dem modernsten Stand der Technik, versicherte Löderle, und damit „beispielgebend für die gesamte Region und eine Aufwertung für die Umgebung. Sie wird den künftigen Standard für alle Anlagen dieser Art vorgeben. Wir schütten nicht einfach irgendwo Müll hin.“ Zudem sei Asbest „nur ein Randthema“ bei dem Vorhaben, versuchte der Wirtschaftskammer-Experte für Anlagen dieser Art zu relativieren. Immerhin stehen den 100.000 Tonnen Baurestmassen am Areal „lediglich“ 40 Tonnen asbesthaltiger Stoffe gegenüber. Diese Aussage kommentierte die Menge mit einem kollektiven Raunen. „Wenn ich in zehn Jahren Lungenkrebs habe, dann spielt die Größe keine Rolle“, fauchte ein Mann.

Verfahrensleiterin Regine Hörtnagl (l.) bekam weitere 500 Ansuchen um Parteistellung überreicht.
Verfahrensleiterin Regine Hörtnagl (l.) bekam weitere 500 Ansuchen um Parteistellung überreicht.
- Hrdina

Wieder und wieder setzte Löderle an, das Projekt vorzustellen. Der Abbruch würde vor Ort an den Baustellen verpackt, in Kufstein direkt in den geschlossenen Container verladen – dadurch also keine gesundheitsschädigenden Stoffe an die Luft gelangen. Doch die Argumente fanden in der emotionsgeladenen Menge nur wenig Gehör. Hochwasser, Gift, Luftverschmutzung, Verkehrsaufkommen – die Sorgen der Anrainer und Gemeindevertreter sind breit gestreut (die TT berichtete). Mehr als 700 Personen suchten bisher um Parteistellung an und hatten im Laufe des Tages die Möglichkeit, ihre Stellungnahmen einzubringen.

Projektleiter Karl-Heinz Löderles Versuche, das Vorhaben zu erklären, scheiterten an den vielen verbalen Zwischenmeldungen.
Projektleiter Karl-Heinz Löderles Versuche, das Vorhaben zu erklären, scheiterten an den vielen verbalen Zwischenmeldungen.
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Der Standort, 300 Meter vom Bezirkskrankenhaus entfernt, ist für den ärztlichen Leiter Carl Miller „nicht sehr intelligent“. „Asbest führt zu Lungenkrebs und damit auch zum Tod“, hielt sich der Mediziner kurz und verwies auf die 30.000 stationären und 100.000 ambulanten Aufenthalte im Haus pro Jahr.

BM Martin Krumschnabel versicherte den Anrainern: Die Gemeinde wird sich zur Wehr setzen.
BM Martin Krumschnabel versicherte den Anrainern: Die Gemeinde wird sich zur Wehr setzen.
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Man sollte die Asbestabfälle doch direkt von den Baustellen in das Endlager – wie etwa im Ahrental – bringen, forderten viele. Beim Abriss eines durchschnittlichen Einfamilienhauses fallen vielleicht drei Kubikmeter Betonfaserplatten an, erklärte Löderle und bekam Schützenhilfe von den Besucherrängen. „Und dann regt ihr euch wieder auf, wenn wir so viel unnötigen Lkw-Verkehr in Tirol haben“, schmetterte ein Herr in Richtung Bürgerinitiative.

Immer wieder appellierte Verfahrensleiterin Regine Hörtnagl (Land Tirol, Abtl. Umwelt) an die Disziplin der Anwesenden – doch die Emotionen nahmen überhand. Nach 45 Minuten brach die Behördenvertreterin vor Ort ab, die Gespräche wurden wie geplant in der Kufsteiner Musikschule fortgesetzt.

„Es wird Aufgabe des Landes sein müssen, einen geeigneten Standort zu finden, weg von Siedlungen, Krankenhäusern oder landwirtschaftlichen Nutzflächen“, zeigte sich Schwoichs BM Josef Dillersberger von einer tirolweiten Lösung überzeugter denn je. Auch in seiner Gemeinde ist das Asbestthema noch nicht vom Tisch – ein Verhandlungstermin, wie er von der Rohrdorfer-Gruppe durch Herwig Glössl beim TT-Forum Mitte Mai zugesagt wurde, ist nun für kommende Woche angesetzt. Ziel der Gemeinde sei weiterhin „der Verzicht auf das Asbestkompartiment“, hofft Dillersberger auf einen Konsens.

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