Letztes Update am Fr, 19.07.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Das Häuschen im Grünen kann zur teuren Last werden

Rund die Hälfte aller Gebäude in Tirol sind klassische Einfamilienhäuser mit einer Wohneinheit. Das verbraucht nicht nur viel Fläche und Energie, sondern ist im Alter genau die verkehrte Behausung.

Tausche Haus gegen Wohnung: Das Häuschen im Grünen ist in jungen Jahren ein Traum, kommen Haus und Besitzer in die Jahre, sieht es anders aus. Anreizsysteme oder Konzepte zum Wohnungstausch fehlen in Tirol.

© iStockTausche Haus gegen Wohnung: Das Häuschen im Grünen ist in jungen Jahren ein Traum, kommen Haus und Besitzer in die Jahre, sieht es anders aus. Anreizsysteme oder Konzepte zum Wohnungstausch fehlen in Tirol.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Das einst so schmucke Tiroler Haus mit den Geranien am Balkon ist zur „altmodischen Hütten“ verkommen. In vielen Dörfern stehen solche Einfamilienhäuser leer. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Aber man kann sich ausrechnen, dass das Problem größer werden wird. 35 Prozent des gesamten Gebäudebestandes in Tirol stammen aus der Bauzeit von 1945 bis 1980, das Datenmaterial von der Landesstatistik und der Statistik Austria.

„Der Flächenverbrauch pro Person ist enorm gestiegen, der Baustil mit großen, offenen Räumen: Das alles braucht mehr Energie.“
Bruno Oberhuber 
(Energie Tirol)
„Der Flächenverbrauch pro Person ist enorm gestiegen, der Baustil mit großen, offenen Räumen: Das alles braucht mehr Energie.“ Bruno Oberhuber 
(Energie Tirol)
- RC Schwaz

„In jungen Jahren ist das Einfamilienhaus am Land ein Traum. Im Alter kann es sehr schnell zur Last werden“, sagt Bruno Oberhuber, Geschäftsführer von Energie Tirol, der Energieberatungsstelle des Landes. „Haus und Garten werden zu groß, ziehen die Kinder aus, steht das große Haus zur Hälfte leer.“ Oberhuber vermisst Tauschkonzepte à la tausche Einfamilienhaus gegen altersgerechte Wohnung. „Es braucht viel mehr Unterstützung und Anreizsysteme für einen Wohnungstausch.“ Bei den vielen leeren und halbleeren Häusern stellt er sich die Frage: „Ist der Wohnbedarf nicht schon lange durch bereits vorhandene Wohnflächen in den meisten Dörfern gedeckt?“

Oberhuber hat in seiner hauseigenen Publikation Energie Perspektiven Beiträge zum Thema Haus-Tausch und Grundverbrauch verfassen lassen. Die Fakten sind alarmierend. Im Jahr 1971 begnügten sich die Tiroler noch mit 23 m2 pro Kopf, heute braucht es pro Nase 43,4 m2. „Je größer man baut, desto mehr Energie wird verbraucht.“ Die immer größer werdenden Häuser hätten oft gar nicht mehr Nutzfläche, sondern mehr „nutzlose“ Flächen wie Galerien und viel zu große Räume.

„Der Erschließungskostenbeitrag ist viel zu gering. Wer disloziert auf der grünen Wiese baut, sollte mehr bezahlen müssen.“
Andreas Lotz
 (Raumplanung)
„Der Erschließungskostenbeitrag ist viel zu gering. Wer disloziert auf der grünen Wiese baut, sollte mehr bezahlen müssen.“ Andreas Lotz
 (Raumplanung)
- Lotz&Ortner

Die Tiroler Landesregierung will bis 2050 energieautonom werden. Das hieße nicht nur, dass Wasserkraft und Sonnenenergie rasant ausgebaut werden müssten, sondern auch, dass nur noch halb so viel Energie verbraucht werden dürfte. „40 Prozent des Energieeinsatzes in Tirol fallen auf den Sektor Gebäude“, sagt Oberhuber. Für ihn ist klar: „Wir müssen näher zusammenrücken und die Zersiedelung beenden.“ Jeder Meter bei der Erschließung koste: Mehr Aufwand für den Straßenbau und -erhalt, mehr Beleuchtung, mehr Kanal, mehr Transportkosten, mehr Verkehr, wenn Kinder zur Betreuung oder das Essen auf Rädern gebracht werden müsse. Dem Energiefachmann ist klar, wie sensibel das Thema ist, sieht aber enormen Handlungsbedarf.

Damit spricht er einem anderen Fachmann aus der Seele: Andreas Lotz ist Konsulent für Raumordnung und Raumplanung. Auch ihm schlägt der „Häuserbrei“, wie er die unkoordinierte Ansammlung von Einfamilienhäusern in Tirols Dörfern und Städten nennt, auf den Magen. „Es fehlen Plätze für die Allgemeinheit. Plätze, wo man sich trifft und nicht hinter der Thujenhecke vereinsamt.“

„Der Wunsch nach einem Einfamilienhaus, der stark ausgeprägt war, ist rückläufig, bleibt aber am Land bestehen.“
Johannes Tratter 
(ÖVP-Landesrat
„Der Wunsch nach einem Einfamilienhaus, der stark ausgeprägt war, ist rückläufig, bleibt aber am Land bestehen.“ Johannes Tratter 
(ÖVP-Landesrat
- Foto TT/Rudy De Moor

Lotz sieht die Zersiedelung des Landes als ein großes Problem, aus volkswirtschaftlicher und sozialer Perspektive. Der Traum vom Eigenheim werde leider immer noch mit dem Häuschen im Grünen illustriert. Dabei gelte es, diese Entwicklung einzudämmen. „Der Erschließungskostenbeitrag ist viel zu gering. Wer disloziert auf der grünen Wiese baut, sollte mehr bezahlen müssen.“ Der Erschließungskostenbeitrag sei eben ein Beitrag, bringe aber keine Kostenwahrheit. „Das ist in ganz Österreich so, nicht nur in Tirol.“ In anderen Bundesländern gebe es zumindest einen Klima- und Infrastrukturkostenrechner, wo man seinen Wunschbauplatz eingeben könne. Für diesen Standort würden dann die Mobilitätskosten berechnet. „Dann wird klar, dass Gebäude in Siedlungsgebieten mit kurzen Wegen große Vorteile haben.“

Obwohl Tirols Gemeinden auf 3500 Hektar Bauland sitzen, sind zwischen 2013 und 2017 weitere 1200 Hektar neu gewidmet worden. Umgerechnet wurde in Tirol also jeden Tag ein Fußballfeld in Bauland umgewidmet. Wieder drängt sich die Frage nach dem tatsächlichen Wohnbedarf der Einheimischen und den Gelüsten von Investoren auf. Denn allein auf den 3500 Hektar gehorteten Baulands hätten laut Abteilung Raumordnung und Statistik 200.000 Menschen untergebracht werden können. 200.000 Menschen ist weit mehr als das prognostizierte Bevölkerungswachstum. Das liegt bei 50.000 Menschen bis zum Jahr 2030.

Die Zahlen lassen den Ruf nach einem Verbot von Neuwidmungen oder Beschränkungen für Bauplätze laut werden. Mitarbeiter der Abteilung Raumordnung fordern, pro Einfamilienhaus maximal 300 m2 zu erlauben. Dazu brauche es Bebauungspläne mit besonderer oder geschlossener Bauweise. Zusammen mit Vorgaben zu maximalen Gebäudehöhen sehen die Experten im Landhaus die Häuslbauer und ihre Architekten gefordert. Beispiele für Gartenstädte mit gekonnter Reihenhausbebauung gebe es genug.

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Was man als Beamter sagen darf, ist politischer Selbstmord. Gefragt nach der 300-Quadratmeter-Grenze antwortet der zuständige ÖVP-Landesrat Johannes Tratter so: „Ressourcensparende Nutzung des sehr begrenzt vorhandenen Siedlungsraumes zählt bereits vielerorts zu den selbst definierten Prioritäten, ohne dass das Land in die Gemeindeautonomie eingreifen muss.“ Ob eine Widmung erfolge oder nicht, hänge sehr stark von der bodensparenden Bauweise ab.

Tratter verweist darauf, dass die Baulandreserven abnehmen. „Die Gemeinden setzen mit immer größerem Engagement und ganz gezielt die Steuerungsmittel Vertragsraumordnung, Widmung von Vorbehaltsflächen für geförderten Wohnbau in ihrem eigenen Wirkungsbereich ein.“ Die Bedarfsprüfung spiele seit jeher bei der Genehmigung von Neuwidmungen eine wesentliche Rolle. Und die Leerstände? Das Land setze finanzielle Anreize, um Objekte zu revitalisieren, und stehe unterstützend und beratend bei der Renovierung von geschützten Objekten zur Seite.

Raumplaner Lotz würde sich mehr wünschen, nicht nur von der Landespolitik, sondern auch von den Gemeinden. „Es fehlt der Wille, mehr zu tun und nicht nur in Einzelprojekten zu denken. Das ist ein Aufwand, aber der lohnt sich.“

Wohngebäude und Wohnfläche

Wohngebäude

2017 gab es in Tirol rund 199.000 Gebäude und 402.000 Wohnungen.

Rund 85 % der Gebäude sind Wohngebäude, der Großteil davon mit einer oder zwei Wohneinheiten.

Wohnfläche

Seit Beginn der 70er-Jahre hat die Wohnfläche, die wir pro Person in Anspruch nehmen, stetig zugenommen. Lag die Wohnfläche 1971 noch bei 22,9 m2 pro Person, lag sie 2017 in Tirol bei 43,4 m2.