Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.07.2019


Exklusiv

Hitze in den Städten: Pflanzen gegen den Backofen-Effekt

Der Klimawandel lässt die Temperaturen in Europas Städten drastisch ansteigen. Wien hat ein Fördersystem für grüne Fassaden und Dächer. In Innsbruck soll eine Arbeitsgruppe im Herbst Ergebnisse liefern.

Die „48er“, die Zentrale der Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft in Wien im fünften Bezirk, wurde mit 850 Quadratmetern begrünt. Bis zu 3500 Liter Wasser pro Tag brauchen die Pflanzen.

© MA22Die „48er“, die Zentrale der Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft in Wien im fünften Bezirk, wurde mit 850 Quadratmetern begrünt. Bis zu 3500 Liter Wasser pro Tag brauchen die Pflanzen.



Von Anita Heubacher

Innsbruck, Wien – 2800 Pflanzen und 50.000 Euro hat ein Innsbrucker Hotelier in seinen 90 Quadratmeter großen vertikalen Garten investiert. Wie berichtet, kommt die grüne Fassade des Innenstadthotels laut Geschäftsführung bei den Gästen gut an und auch der Kühleffekt ist da. Um Förderungen habe er erst gar nicht angesucht, meinte der Hotelier gegenüber der TT.

In Innsbruck gibt es weder für grüne Dächer noch für Fassaden und Baumpflanzungen Anreizsysteme. „Das könnte sich aber ändern“, meint Innsbrucks Umweltstadträtin Uschi Schwarzl von den Grünen. Der Gemeinderat hat eine Arbeitsgruppe abgesegnet und diese auf das Thema angesetzt. Sie soll erst einmal herausfinden, wo grüne Fassaden geeignet wären, was sie lärmschutzmäßig bringen und wie viel sie zur Abkühlung beitragen. Unterstützung für die Grünen kommt von der SPÖ. Sie fordert eine Green-City-Initiative für Tirol. Ansonsten sind die Maßnahmen gegen den Klimaschutz alles andere als eine g’mahnte Wies’n.

Im Norden Mailands stehen die beiden Hochhaustürme des „Bosco Verticale“ (vertikaler Wald). Sie wurden nach fünf Jahren 2014 fertiggestellt.
Im Norden Mailands stehen die beiden Hochhaustürme des „Bosco Verticale“ (vertikaler Wald). Sie wurden nach fünf Jahren 2014 fertiggestellt.
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Sehr viel weiter ist Wien. Seit zehn Jahren beschäftigt sich die Stadt mit grünen Fassaden und Co., ein Leitfaden über 150 Seiten wurde gerade überarbeitet und liegt demnächst vor. 2,3 Millionen Euro im Jahr stehen wienweit für das Begrünen von Fassaden oder Dächern zur Verfügung. Weitere acht Millionen Euro gibt es für neue Baumstandorte. „Ohne Förderungen und Verpflichtungen tut sich viel zu wenig“, meint Jürgen Preiss von der Wiener Umweltschutzabteilung.

Die Bezirke in der Bundeshauptstadt sind unterschiedlich grün. Bei den innerstädtischen Bezirken ergebe das Biotopmonitoring einen Anteil von zwei bis drei Prozent, sagt Preiss. Neue Stadtteile wie die Seestadt Aspern bringen es auf 60 bis 100 Prozent. „In den Flächenwidmungsplänen sind in der Seestadt Dach- und Fassadenbegrünungen verpflichtend.“ Alle Dächer würden dort begrünt.

Begrünte Fassaden senken die Temperatur gefühlt um zehn Grad. In Innsbruck wird auch wegen des Lärmschutzes über grüne Fassaden diskutiert.
Begrünte Fassaden senken die Temperatur gefühlt um zehn Grad. In Innsbruck wird auch wegen des Lärmschutzes über grüne Fassaden diskutiert.
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Die Dächer wurden durch die Begrünung zur zusätzlich genutzten Fläche. Wenn statt acht Zentimetern 20 Zentimeter Erdmaterial aufgetragen würden, könnten sich Wurzeln besser entfalten. „Das sind Tausende zusätzliche Quadratmeter, die vermietet werden können.“ Selbst Photovoltaik-Anlagen und Dachbegrünungen würden sich nicht ausschließen, sondern positiv aufeinander wirken. „Man muss nur darauf achten, dass die Pflanzen nicht zu hoch werden und die PV-Anlagen beschatten.“

Manchen Wienern sind die grünen Fassaden einiges wert. Früher bekämpft, würden heute manche Leute ihren Nachbarn sogar Miete für die Wand zahlen, damit die Kletterpflanzen sich ausdehnen können. „Es gibt Leute, die zahlen für 200 Quadratmeter Fassade 100 Euro Miete im Monat. Sie schauen lieber auf das Grün als auf Beton“, erzählt Preiss.

“Da kommen dann die Spinnen rein“

Eine grüne Fassade ist kein Kinderspiel. Die Wiener Umweltschutzabteilung hat auf 150 Seiten zusammengefasst, worauf es bei Bepflanzung, Pflege, Planung und Brandschutz ankommt. Auch Erfahrungswerte, wie es sich mit grünen Fassaden lebt, sind in der Abteilung abzufragen. Spinnen und Insekten bleiben demnach bei einer grünen Fassade eher draußen, weil sie sich dort wohlfühlen. Bei kahlen Fassaden verirren sich die Tiere eher auf Nahrungssuche ins Wohnungsinnere. Grüne Fassaden ziehen Insekten und Vögel an, weil die Pflanzen Lebensraum bieten. Sie nützen so wie begrünte Dächer der Biodiversität.

In Wien wurde vor zehn Jahren die Fassade der Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft MA 48 mit 850 Quadratmetern begrünt. Bis zu 3500 Liter Wasser braucht die Anlage an heißen Tagen. Ein Computer steuert den Wasserbedarf über zwölf Kreisläufe. Das verdunstete Wasser sorgt zusätzlich für Kühlung.

Die Kosten für einen vertikalen Garten sind sehr unterschiedlich und reichen von 300 Euro bis zu 500 Euro pro Quadratmeter bei der MA 48. Die billigsten Varianten sind bodengebundene Lösungen mit Kletterpflanzen. Im Idealfall kostet nur die Anschaffung der Pflanzen.

Städte setzen neben Begrünung auch auf hellere Straßenbeläge oder malen Dächer weiß an. Im Kommen sind auch Sprühnebel. 77 Prozent der 520 größten Städte der Welt müssen sich auf eine drastische Erwärmung des Stadtklimas einstellen, zeigt eine Studie der ETH Zürich. In Europa werden die Sommer um 3,5 Grad wärmer, die Winter um 4,7 Grad. (aheu)