Letztes Update am So, 21.07.2019 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Schöpf: „Ein Bürgermeister kann sich nicht beim AMS melden“

Ernst Schöpf, Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes, fordert bessere soziale Absicherung, mehr Respekt, Mittel und eine Minimierung der Gesetzesflut ein.

Ernst Schöpf, Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes, fordert bessere soziale Absicherung, mehr Respekt, Mittel und eine Minimierung der Gesetzesflut ein.

© RottensteinerErnst Schöpf, Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes, fordert bessere soziale Absicherung, mehr Respekt, Mittel und eine Minimierung der Gesetzesflut ein.



Innsbruck – Drei Viertel der Tiroler Ortschefs wurden bereits Opfer von Gewalt, über die Hälfte erhielt Droh- oder Schmähbriefe. Eine kürzlich von der TT durchgeführte Umfrage zeigte: Bürgermeister ist ein schwieriger Beruf und wohl oft Berufung. Ernst Schöpf, Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes und Bürgermeister von Sölden, spricht über Verbesserungen.

Die Belastung für Bürgermeister ist sehr hoch. Welche Maßnahmen bringen Entlastung?

Ernst Schöpf: Weniger Rechtsvorschriften und weniger Aufgabenübertragung an die Gemeinden. Wenn zu den übertragenen Aufgaben nicht entsprechende finanzielle Mittel mitgeliefert werden, etwa bei der Kinderbetreuung, erleichtert das die Bürgermeisterarbeit nicht.

Wäre bessere Bezahlung hilfreich?

Schöpf: Auf jeden Fall, auch die soziale Absicherung ist eine Punkt. Wenn ein Bürgermeister nach zwei Perioden im Alter von 40 Jahren ausscheidet, steht er auf der Straße, er kann sich nicht beim Arbeitsmarktservice melden.

Vor allem der rechtliche Bereich wird immer komplexer. Wäre es sinnvoll, Gesetze auf ihre Praxistauglichkeit abzuklopfen?

Schöpf: Das sollte schon so sein. Auch die Frage, ob jedes Lebensdetail der Menschen öffentlich geregelt werden muss, wird kaum gestellt. Eigenverantwortung verkommt zum reinen Schlagwort. Eine Bevölkerungs- oder Interessengruppe artikuliert Wünsche und schon kommt ein Regelwerk, dem dann alle unterworfen sind. Das beginnt in Brüssel und setzt sich in Gesetzen und Verordnungen im Nationalrat und in den Landtagen fort. Die jährliche Gesetzesflut ist für jeden beobachtbar.

Der Bürgermeister ist wie der Gendarm an der Front, das macht ihn auch angreifbar, wie sehen Sie hier die Rolle der sozialen Medien?

Schöpf: Der direkte Kontakt mit den Bürgern, auch mit den kritischen, macht das Amt ja spannend. Die sozialen Medien ermöglichen es jedoch, aus der Distanz, oft auch anonym, Flegeleien abzusondern.

Tätlichkeiten kommen vor, was wäre zur Prävention denkbar?

Schöpf: Allzu oft passiert das noch nicht, aber dass die Bürger ihre Anliegen zusehends aggressiver vortragen, ist Fakt. Mehr Respekt ist gefordert. Ein Bürgermeister hat nicht immer Recht, das gilt aber auch für den Bürger. Darum sollte man Dinge mit einem Mindestmaß an Stil besprechen können.

Sie sind kein Freund von Fusionen, was spricht dennoch dafür?

Schöpf: Fusionen gehen am Problem vorbei. Die behaupteten Kosteneinsparungen sind eine Schimäre, das soziale Gefüge in aufgelösten Gemeinden könnte in eine Schieflage geraten. Das Ehrenamt, die Freiwilligkeit, das funktionierende Vereinsleben, das sind keine Selbstläufer. Durch gemeindeübergreifende Zusammenarbeit ist effizienteres und professionelleres Arbeiten auch möglich, wie Beispiele schon zeigen.

In Südtirol müssen alle Amtsleiter ein Studium und einen Spezialkurs aufweisen, wäre das auch bei uns sinnvoll?

Schöpf: Es ist in Tirol nicht zwingend vorgesehen, aber die Anstellungen der letzten Jahre nehmen darauf Rücksicht. Ein Amtsleiterjob ist inzwischen eine komplexe Managementaufgabe, eine fundierte Ausbildung Grundvoraussetzung.

Das Interview führte Alexandra Plank

Vom wildwachsenden Gras bis zu verwirrenden Gesetzen

Paul Hauser, BM von Matrei: "Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat gesagt, Bürgermeister ist der wildeste Job. Da bist du 365 Tage 24 Stunden im Einsatz. Das stimmt. Die Leute rufen mich tatsächlich in der Nacht an, dass Gras unter dem Bankl herauswächst, auf dem sie so gerne sitzen."

Benedikt Erhart, BM von Lans: "Ich mache das freiwillig, noch nicht besonders lange und würde es jederzeit wieder machen. Natürlich ist es inzwischen auch am Land nicht mehr so, dass man jeden kennt, und Anonymität fördert Aggression. Am ärgerlichsten sind unglaublich verwirrende Gesetze, die alle narrisch machen und streiten lassen."