Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Bezirk Reutte

„Wir sind gegen diese monströse Maßnahme“

Hochwasserschutz in der Lüss: Mit 113 von 118 Grundeigentümern ist bereits Einigung erzielt worden. Mit den Gstreins wird es schwer.

Adi und Heide Gstrein vor einem Biotop, das laut ihren Angaben ausgebaggert und künftig offenes Fließgewässer werden soll.

© Mittermayr HelmutAdi und Heide Gstrein vor einem Biotop, das laut ihren Angaben ausgebaggert und künftig offenes Fließgewässer werden soll.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Beim 2005er-Hochwasser war die Reuttener Lüss großflächig überschwemmt. 15 Jahre später sind die Pläne für Schutzmaßnahmen – von Dämmen über Pumpwerke bis hin zu Retentionsbecken – so weit gediehen, dass im Frühjahr 2020 gestartet werden könnte – wenn die Grundbesitzer mitspielen. Einige der 118 Grundeigentümer haben gemischte Gefühle: einerseits bald effektiv geschützt, andererseits ihre Grundstücke von Schutzwerken devalviert.

Dies trifft auch auf Heide und Adi Gstrein zu. Die Familie verfügt über einen großen Grundstücksstreifen von zwei Hektar, der sich quer durch die Lüss zieht und betreibt dort ein kleines Haflingergestüt. Die Gstreins sprechen sich gegen die Maßnahmen aus, die ihnen einen Damm quer über das Anwesen und eine Brücke über ein Brunnenwasser bringen würden. Der Damm sei aber nicht der Grund, warum sie protestieren würden: „Wir sind selbstverständlich nicht gegen einen vernünftig konzipierten Hochwasserschutz und waren 2005 selbst schwer betroffen. Aber wir wünschen uns mehr Sensibilität.“ Für sie sind die geplanten Schritte „monströs und bombastisch“.

Als Hauptgrund für ihren Widerstand verweisen sie auf ein Brunnenwasser, das idyllisch verwachsen ist. „Ein wahres Biotop. Und nun will man es auf seiner ganzen Länge aufbaggern und frei fließend machen. Hier wird Natur mutwillig zerstört. Wenn sie die Brücke über das Bächlein, das hier als Quelle aus dem Boden kommt, wirklich bauen, dann kann sie nur Seufzerbrücke heißen“, sagt Heide Gstrein. Sie fordert eine zweite Planung eines anderen technischen Büros mit Erfahrung in alpiner Retention für die gesamte Lüss.

Überhaupt ist Familie ­Gstrein der Meinung, dass das Wasser dort zurückgehalten werden müsse, wo es herkommt. „Also nicht erst durch Schleusen, Becken, Pumpstationen und Umleitungen in der ganzen Lüss zu bändigen versuchen, sondern von der Lechaschauer Brücke beginnend am Lech einen Damm herunterziehen. Da bliebe genug Platz für Retention.“

Reuttes Bürgermeister Alois Oberer nimmt die Kritik zur Kenntnis: „Noch ist ja nichts fixiert. Wir reden hier über Pläne. Am 21. August findet die nächste Verhandlungsrunde statt.“ Wenn notwendig, werde es auch weitere Gesprächstermine geben. Mit 113 von 118 Grundeigentümern habe ja bereits Einigung erzielt werden können. „Wir sind natürlich an Einigung mit allen interessiert. Sonst können wir den Termin im Frühjahr 2020 vergessen.“

Luis Oberer hofft nur, dass auch wirklich „alle einen Hochwasserschutz wollen“. Sollte überhaupt keine Übereinkunft möglich sein, dann sei die Bezirkshauptmannschaft als Behörde am Zug, um abzuwägen, ob öffentliches Interesse vorliege.