Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.08.2019


Exklusiv

Leinenpflicht: Neues Gesetz in Tirol könnte gekippt werden

Die Novelle des Landespolizeigesetzes sieht die Leinenpflicht in allen Orten vor. Die Österreichische Tierärztekammer spricht von einem „unüberlegten Schnellschuss“.

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© TT/Böhm(Symbolbild)



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Die Begutachtungsfrist für die Novelle des Landespolizeigesetzes ist am 5. August abgelaufen. Wie berichtet, sieht das Gesetz vor, dass künftig Hunde in allen Tiroler Ortschaften – in den bewohnten Teilen der Gemeinden – ausnahmslos an die Leine müssen. Renommierte Tiroler Hundetrainer haben bereits massive Bedenken geäußert.

Nun spricht auch die Österreichische Tierärztekammer von einem „unüberlegten Schnellschuss“. In einer Stellungnahme an die zuständige Landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf wird laut Erik Schmid von der Tierärztekammer darauf hingewiesen, dass die umfassende Leinenpflicht ohne Ausweitung der Freilaufzonen (die nicht parallel dazu geplant ist) zu massiven Verhaltensproblemen führen kann. „Hunde müssen frei laufen und sich austoben können. Wenn sie dazu keine Gelegenheit haben, werden sie sozial unverträglich“, erklärt Schmid.

Er rechnet sogar dami­t, dass das Gesetz gekippt werden könnte bzw. Hundehalter erfolgreich klagen könnten. „Das Österreichische Tierschutzgesetz sieht vor, dass Tiere, um artgerecht gehalten werden zu können, Bewegungsmöglichkeiten haben müssen. Das gilt für Rinder wie Hunde. Weil es nicht ausreichend Freilaufzonen gibt, fehlt hier die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme und dieser Punkt ist rechtlich angreifbar“, so Schmid.

„Als Katastrophe“ bezeichnet Hundetrainerin Bettina Specht (Hundeschule Tirol) die generelle Leinenpflicht in einem Brief an Zoller-Frischauf. Natürlich müssten gefährliche und lästige Hunde gesichert werden, „die aber nicht dem repräsentativen Durchschnitt entsprechen“.

Im Tierschutzgesetz sei aber auch formuliert, dass die Bedürfnisse eines Hundes erfüllt sein müssen. „Eines dieser Bedürfnisse ist Freilauf“, so Specht. Sie verweist dazu auf die deutsche Verhaltenswissenschafterin Dorit Feddersen-Petersen, die sagt, dass sich durch ständiges Anleinen Verhaltensfehlentwicklungen ergeben können und der Leinenzwang auch gesundheitliche Folgen habe. „Auch ich schließe mich dem an, dass durch den Leinenzwang Hunden Schäden zugefügt werden, die tierschutzrelevant sind“, sagt Specht. Freilauf ist „absolut notwendig, damit Hunde ihrem Bewegungsbedürfnis nachkommen können“, sagt auch Hundetrainerin Alexandra Schweiger (Martin Rütter Dogs Tirol). Kommen Hunde hier zu kurz, „steigen Verhaltensauffälligkeiten, soziale Unverträglichkeit und Beißvorfälle an“.

Von den in der Regel eingezäunten Freilaufflächen – „die es in den Gemeinden sowieso kaum gibt“ – hält sie wenig. „Viele Hunde haben hier Stress und auf engem Raum kommt es immer wieder zu Mobbingvorfällen.“

Statt der Leinenpflicht fordert sie „eine theoretische Ausbildung für Hundehalter, um Kommunikation und Körpersprache lesen und verstehen zu können“. Die Tierärztekammer spricht sich ebenfalls für einen Sachkundenachweis aus. „Wir plädieren für das ÖTK-Hundezertifikat, eine 12-stündige theo­retische, zertifizierte Wissensvermittlung mit Prüfung. Diese sollten aber nur Tierärzte anbieten dürfen.“

Für Zoller-Frischauf rechtfertigt „die erhöhte Sicherheit und der landesweit einheitliche und damit besser nachvollziehbare Vollzug die Leinenpflicht“. Der Sachkundenachweis sei vorerst nur für „Hundeneueinsteiger“, also erstmalige Hundeanmeldungen, gedacht. Man werde in einem nächsten Schritt „eine Expertenrunde mit Teilnehmern aus den Bereichen Sicherheit, Gemeinden, Hundehaltung und Tierschutz einberufen, bei der wir alle Vorschläge und Problemlagen noch einmal ausführlich besprechen werden“.