Letztes Update am So, 11.08.2019 07:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bürgermeisterinnen

Ortschefinnen: Tirol ist Schlusslicht in Österreich

Männliche Netzwerke in der Politik, fehlendes Vertrauen in eigene Fähigkeiten: Tirol hat nur 16 Ortschefinnen. Wie man mehr Frauen motiviert, war Thema beim 13. Bürgermeisterinnentreffen.

Von links: Hedi Wechner (BM Wörgl), Monika Wechselberger (BM Mayrhofen) und Sonja Ottenbacher (BM Stuhlfelden und Gemeindebund-Vizepräsidentin).

© Gemeinde Wörgl, Gemeinde MayrhofVon links: Hedi Wechner (BM Wörgl), Monika Wechselberger (BM Mayrhofen) und Sonja Ottenbacher (BM Stuhlfelden und Gemeindebund-Vizepräsidentin).



Von Brigitte Warenski

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Mayrhofen, Wörgl – Hedi Wechner liebt ihr Amt, pflegt täglich den Kontakt zu den Bürgern und schätzt das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird. Im Februar nächsten Jahres feiert sie ihr 10-jähriges Amtsjubiläum als Bürgermeisterin von Wörgl. Sie ist damit eine von nur 16 Ortschefinnen in Tirols 279 Gemeinden. Mit einem Frauenanteil von 5,7 Prozent bei den Ortschefs ist Tirol bundesweites Schlusslicht (Wien ist eine statistische Ausnahme, da ja nur die Stadt Wien als einzige Gemeinde gezählt wird). Wechner wünscht sich, dass „die Frauen mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen und sagen: Ich habe das Recht auf diese Führungsposition als Bürgermeisterin und kann es auch“.

Dass der Einstieg ins Bürgermeisteramt für Frauen kein leichter ist, muss sie immer wieder bei Kolleginnen feststellen. „Frauen bringt man Vorschussmisstrauen entgegen, Männern Vorschussvertrauen.“ Orts­chefinnen müssten auch heute noch „sicher über viele Dinge hinwegsehen. Wenn ein Mann seine Ideen verwirklicht, spricht man von Durchsetzungsfähigkeit, Frauen werden schnell als Bissguren bezeichnet.“ Unterschiede in der Amtsführung gibt es für Wechner: „Frauen legen ihr Bürgermeisteramt nicht besser, aber anders an. Sie sind eher gefühlsbetonter und nehmen die Aufgabe stärker als Verantwortung und nicht in erster Linie als Repräsentation wahr.“ Weil die Politik großteils von Männern gemacht wird, „haben Frauen wenig Chancen, auf Wahllisten in Position eins oder zwei aufgestellt zu werden“, weiß Monika Wechselberger, die seit 2016 als Bürgermeisterin von Mayrhofen im Amt ist.

Die taffe Amtsinhaberin, die ihre Kandidatur „als sportliche Herausforderung“ gesehen hat, weiß viele Geschichten zu erzählen: „Ich musste mir schon anhören, dass gewisse Dinge halt leichter wegen des kurzen Kittels gehen und ob ich für einen kurzfristig anberaumten Termin keine Zeit hatte, weil ich daheim die Waschmaschine einschalten musste.“ Dennoch hat Wechselberger ihre Entscheidung „keinen Tag lang bereut. Ich finde es schön, wenn ich Menschen eine Freude bereiten kann, und werde jeden Tag mit den umfassenden Aufgaben g’scheiter.“ Für Wechselberger haben Frauen als Ortschefs „vielleicht einen leichten Vorteil gegenüber Männern, weil sie früher Konflikte erkennen und ein bisschen länger zuhören können, was an der Rolle in der Evolution liegen mag“. Sie wünscht sich, dass „Frauen von sich überzeugter sind und auch die Courage haben, eigene Listen aufzustellen“.

Mehr Frauen für das Bürgermeisteramt zu motivieren, wünschen sich die beiden Vizepräsidentinnen des Österreichischen Gemeindebundes, Sonja Ottenbacher (BM von Stuhlfelden) und Roswitha Glashüttner (Liezen). Sie haben diese Woche zum 13. Bürgermeisterinnentreffen in Puch bei Weiz geladen. Ottenbacher ist zufrieden, „dass sich in den vergangenen Jahren doch was getan hat“, möchte aber noch mehr Frauen Mut machen, sich an die Aufgabe heranzuwagen. „Es gibt Bereiche, in die man sich erst einarbeiten muss. Das betrifft Männer wie Frauen im Bürgermeisteramt gleich. Aber man bekommt hier überall die notwendige Unterstützung.“

In Tirol sieht die zuständige Landesrätin Gabriele Fischer noch „einen weiten Weg vor uns, wie die geringe Zahl der Bürgermeisterinnen zeigt“. Es sei „ein strukturelles Problem, das wir gemeinsam, auf unterschiedlichen Ebenen, angehen und lösen müssen“, verweist Fischer auf gesellschaftliche Herausforderungen. Für alle politischen Ebenen gelte, „dass Politik durch männliche Netzwerke und Strukturen gekennzeichnet ist, wodurch das Engagement für Frauen erschwert wird“. Mit dem Lehrgang „Nüsse knacken – Früchte ernten“ – der bereits 20-mal stattgefunden hat – wolle man „mehr Frauen in Entscheidungsgremien bringen und aktive Frauen unterstützen“.

EU-Projekt zu Frauenquote

Innsbruck – In Österreichs 2096 Gemeinden sind 173 Frauen als Bürgermeisterinnen im Amt. Österreich liegt mit der Frauenquote von 8,3 Prozent im europäischen Vergleich immer noch im hinteren Feld. In Frankreich etwa gibt es bereits 16 Prozent Bürgermeisterinnen.

Der Österreichische Gemeindebund wirkt unter anderem an einem europäischen Projekt mit, bei dem Mechanismen zur weiteren Steigerung der Frauenquote im Bürgermeisterinnenamt gemeinsam mit Deutschland, Frankreich und Polen erarbeitet werden. Erste Ergebnisse sollen Anfang des Jahres 2021 vorliegen. 70 bis 80 Prozent der weiblichen wie männlichen österreichischen Ortschefs üben ihr Amt neben ihrem zivilen Beruf aus.