Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.08.2019


Forum Alpbach

Gemeinsames Öffi-Ticket für Tirol und Südtirol in Planung

Steuern, Klima, Verkehr: Während und abseits der Eröffnung des Europäischen Forum Alpbach wurde in die nahe Zukunft geblickt. In der Transitfrage läutet der Korridormaut bereits in zehn Tagen die Stunde der Wahrheit.

Das Forum ruft und alle kommen: Das Europäische Forum Alpbach wurde gestern im Rahmen der Tirol-Tage eröffnet.

© Vanessa RachléDas Forum ruft und alle kommen: Das Europäische Forum Alpbach wurde gestern im Rahmen der Tirol-Tage eröffnet.



Von Manfred Mitterwachauer

Alpbach — Kaiserwetter, ein landesüblicher Empfang mit Schützen, Musikkapelle und Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft: Alpbach und mit ihm das Europäische Forum präsentierten sich bei der gestrigen Eröffnung an den traditionellen „Tirol-Tagen" wie aus dem Bilderbuch.

Abschreiten der Ehrenformation: die drei LH Maurizio Fugatti (Trentino), Arno Kompatscher (Südtirol) und Günther Platter (v. l.). Im Bildhintergrund: der Salzburger Erzbischof Franz Lackner.
Abschreiten der Ehrenformation: die drei LH Maurizio Fugatti (Trentino), Arno Kompatscher (Südtirol) und Günther Platter (v. l.). Im Bildhintergrund: der Salzburger Erzbischof Franz Lackner.
- Vanessa Rachle / TT

Freiheit und Sicherheit — das diesjährige Forumsmotto beschäftigt auch die Euregio und deren drei Landeshauptleute Günther Platter, Arno Kompatscher (Südtirol) und Maurizio Fugatti (Trentino). So forderte Platter die noch im September zu wählende neue österreichische Bundesregierung auf, die bereits von Türkis-Blau paktierte Steuerreform auch zu Ende zu bringen — sprich: endlich umzusetzen.

Doch danach gelte es schon eine ökosoziale Steuerreform vorzubereiten: „Wir dürfen unseren Wohlstand nicht auf Kosten der nächsten Generation erweitern. Auf die Kostenwahrheit muss Rücksicht genommen werden: Umweltschädliches Verhalten muss steuerlich belastet, umweltfreundliches entlastet werden." Ob das die ÖVP, respektive Türkis, im Bund mit den Grünen im Koalitionsboot leichter und schneller machen könnte? Auf solche Spekulationen wollte sich Platter dann gestern freilich nicht einlassen: „Da braucht es ein durchdachtes System. Das kann man nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln."

Philosoph Josef Mitterer verlas die Worte der als Festrednerin geplanten, aber kürzlich verstorbenen Ágnes Heller.
Philosoph Josef Mitterer verlas die Worte der als Festrednerin geplanten, aber kürzlich verstorbenen Ágnes Heller.
- Vanessa Rachle / TT

Beim gestern auch in Alp­bach omnipräsenten Them­a Transit schlägt der Lkw-­Korridormaut bereits in zehn Tagen die Stunde der Wahrheit. Dann werden sich Experten der EU, Österreichs, Deutschlands und Italiens treffen, um Lösungsmodelle zu erarbeiten. LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) ortet nach den ersten Arbeitstreffen auf Beamtenebene noch „viel Überzeugungsarbeit" bei den nördlichen Nachbarn.

Forum-Präsident Franz Fischler mahnte in seiner Ansprache.
Forum-Präsident Franz Fischler mahnte in seiner Ansprache.
- Vanessa Rachle/ TT

Da gehe es etwa um Fragen, auf welchem Abschnitt die Bayern denn die Lkw-Maut anheben sollten: bereits ab München, oder doch erst ab Rosenheim (bis Kiefersfelden)? Platter geht davon aus, dass es Ende Oktober einen gemeinsamen Dreiländervorschlag an die Europäische Kommission geben wird, das sei in Berlin so ausgemacht. Grünes Licht dafür will er aber aus heutiger Sicht noch keines geben.

Kompatscher rechnet ohne­dies damit, dass solch ein Vorschlag nur einen „Minimalkonsens" darstellen dürfte.

Einen großen Wurf erwartet sich Kompatscher indes von einem gemeinsamen Öffi-Ticket zwischen Tirol und Südtirol: „Das ist mein erklärtes Ziel für die Europaregion. Erst dann wird sie richtig spürbar." Die Verhandlungen mit Tirol seien weit fortgeschritten, die technischen Voraussetzungen für die Umsetzung gegeben. Zeitlich nimmt Kompatscher den Oktober ins Visier. Dann übernimmt Tirol die Euregio-Präsidentschaft. Spätestens soll es im Frühjahr 2020 so weit sein.

Felipe gibt sich noch zurückhaltender, wenngleich solch ein Ticket auch ihr Ziel wäre. Aus ihrer Sicht stelle die technische Kompatibilität noch ein Problem dar, auch datenschutzrechtlich gelte es offene Fragen zu klären. „Vielleicht schaffen wir eine Annäherung. Es ist halt auch eine Systemfrage und nicht nur eine des Wollens."

Szenario für den Klimawandel

Alpbach in hundert Jahren: ausgetrocknete Böden, Autobahnen durch das Alpbachtal, von Sonnenkollektoren bedeckte Flächen. Diese Bilder zeigt die „IG Future", eine dem politischen Aktivismus verschriebene Gruppe junger Forumsteilnehmer, in der Fotoausstellung „Alpbach 2119". Auf großformatigen Bildern, die mit der Expertise des WWF erstellt wurden, sehen Forumsbesucher ein stark vom Klimawandel in Mitleidenschaft gezogenes Dorf. „Wir zeigen Szenarien, der tatsächliche Verlauf ist davon abhängig, wie der Mensch handelt", betont Max Schnürer, einer der Mitinitiatoren des Projekts. Ziel sei es, zu verdeutlichen, dass die schwerwiegenden Folgen hoher Emissionen selbst vor einem Naturparadies wie Alpbach nicht Halt machen würden. „Wir arbeiten nun mit der Gemeinde daran, den Klimanotstand auszurufen", sagt Schnürer. Bundespräsident Alexander Van der Bellen unterstützt das Projekt: „Denn es sind junge Leute wie die Macherinnen und Macher dieser Ausstellung, die mit Nachdruck Entscheidungen und Taten fordern." Eine Vernissage und Diskussion zu den Folgen der Klimakrise für Alpbach findet am 26. August um 12 Uhr in der Forums-Loggia statt.

Auch das hat Tradition: das Schnapserl.
Auch das hat Tradition: das Schnapserl.
- Vanessa Rachle / TT