Letztes Update am Sa, 17.08.2019 14:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Rettungsflüge in Tirol vielfach nicht notwendig

In Tirol sind mit bis zu 15 Maschinen zu viele Rettungshubschrauber im Einsatz. Rund 70 Prozent der Flüge bräuchte es medizinisch nicht, so der Alpenverein.

(Symbolfoto)

© Brunner Images | Philipp Brunner(Symbolfoto)



Innsbruck – Vor dem Hubschraubergipfel mit den Betreibern der neun im Sommer und 15 im Winter stationierten Rettungshubschrauber sorgt jetzt eine Statistik des Österreichischen Alpenvereins für Sprengstoff. Im ÖAV-Mitgliedsbeitrag sind bekanntlich die Bergungskosten für den Hubschrauber enthalten. Heuer wurden über die Alpenvereinsversicherung bereits rund 1,5 Millionen Euro an Hubschrauberkosten bezahlt. Aber: Die Anzahl der medizinisch „nicht notwendigen“ Flugeinsätze, weil eine andere Bergemöglichkeit zumutbar sei, steige rasant, heißt es.

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Präsident Andreas Ermacora und Generalsekretär Robert Renzler fordern deshalb mehr Transparenz. Dem Alpenverein geht es dabei generell um Kosten, Tarife für Flugminuten und eine ehrliche Bewertung des Verletzungsgrades. „Klar ist: Es muss nicht immer der Rettungshubschrauber angefordert werden“, sagt Renzler. Was die Schwere der Verletzungen bei den 193 im Vorjahr über ihre Versicherung abgewickelten Bergungs- bzw. Transportflüge betrifft, ortet der Alpenverein massiven Handlungsbedarf. Denn in 144 Fällen habe es sich um keinen akuten Notfall gehandelt. Die Versorgung mit den Rettungshubschraubern in Tirol ist für den ÖAV grundsätzlich ein Segen, die Anzahl der Helis mit dem derzeitigen System jedoch ein Fluch. Dass Roy Knaus jetzt im Sommer einen weiteren Hubschrauber in Osttirol stationiert, macht den Gipfel im Land notwendig. Experten empfehlen ohnehin nur sechs ganzjährige und vier saisonale Rettungs-Helis in Tirol.

Weil der Salzburger Hubschrauber-Unternehmer Roy Knaus seit Juli mit seinem Heli auch im Sommer in Osttirol fliegt, wollen die anderen Flugrettungsbetreiber am 25. August mit dem zuständigen Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) Klartext reden. Ursprünglich wurden nämlich 2015 acht Notarzthubschrauber für Tirol im Sommer und 15 im Winter vereinbart. Sollte es bei dem Heli-Gipfel keine Lösung geben, wollen ÖAMTC, ARA, SHS, Schenk-Air, Wucher und HAT auf eine europaweite Ausschreibung drängen.

Unterversorgt ist Tirol aus der Luft jedenfalls nicht. Dieser Ansicht ist auch der Österreichische Alpenverein. Seine Mitglieder sind für die Bergung durch Rettungshubschrauber versichert, doch das System in Tirol wird mehr denn je kritisch hinterfragt. Auf Basis von Unfällen von Alpenvereinsmitgliedern im heurigen Jahr stellen Präsident Andreas Ermacora und Generalsekretär Robert Renzler fest, dass – siehe Grafik oben – im österreichweiten Vergleich in Tirol überdurchschnittlich oft der Hubschrauber angefordert wird. Der Alpenverein sei jedenfalls seinen Mitgliedern zu Transparenz verpflichtet, „sie zahlen schließlich auch einen Mitgliedsbeitrag, in dem die Versicherung enthalten ist“, wie die beiden Alpenvereinsspitzen betonen.

Trotz der hohen Dichte an Rettungshubschraubern im Land schlägt sich dies laut Renzler und Ermacora nicht auf die Kosten nieder. Im Gegenteil: Die Gesamtkosten für einen Heli-Transport mit einem Ausgangswert von 30 Flugminuten sind von 2011 auf 2019 etwa bei einem Betreiber von 2666 Euro auf 4041 Euro angestiegen. „Das sind 52 Prozent“, kritisiert Renzler. Hinzu kommen noch die Erhöhungen bei den Tarifen pro Flugminute. Hier fällt außerdem auf, dass sich alle Anbieter in einem engen Korridor von nur wenigen Cent bewegen. Als ob die Preise aufeinander abgestimmt wären.

Interessant ist ein Vergleich mit den Tarifen beim Hubschrauber des Innenministeriums. Hier fallen lediglich 53 Euro pro Flugminute an. Nach wie vor gibt es die meisten Hubschraubereinsätze bei Unfällen auf der Skipiste (53 Prozent). Dass dabei stets der Rettungshubschrauber angefordert werden müsse, bezweifeln Ermacora und Renzler. Es gebe schließlich Alternativen und vielfach seien die Verletzungen nicht so gravierend, dass sie sehr wohl mit anderen Transportmitteln durchgeführt werden könnten.

Natürlich weiß der Alpenverein, dass die Versicherung für Berg- und Freizeitunfälle ein wichtiges Argument für eine ÖAV-Mitgliedschaft ist. „Trotzdem braucht es ein nachvollziehbares System“, würden Andreas Ermacora und Robert Renzler insgesamt eine Ausschreibung der Flugrettung in Tirol begrüßen. Dann müssten alle Fakten auf den Tisch gelegt werden. (pn)

Flugminute in Euro

der Privaten:

2011: 78,90 Euro

2012: 80,90 Euro

2013: 83,30 Euro

2014: 85,50 Euro
2015: 88,10 Euro
2016: 89,70 Euro
2017: 91,22 Euro
2018: 92,87 Euro
2019: 94,91 Euro

der Polizei: 53 Euro