Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Bezirk Reutte

Vom Markt zur Stadt Reutte: Ist die Zeit reif dafür?

Stadterhebung: Bürgermeister Oberer hätte sie gerne, verspürt aber keinen Zeitdruck. VP-Fraktionsführer Schimana plädiert für eine Volksbefragung. Für Grünensprecher Hein ginge die Beschaulichkeit verloren.

Der Markt Reutte mit mehr als 7000 Einwohnern ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen.

© Thomas Boehm / TTDer Markt Reutte mit mehr als 7000 Einwohnern ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen.



Von Helmut Mittermayr

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Reutte – Vor 530 Jahren wurde Reutte von Erzherzog Sigmund zum Markt erhoben, 1989 das 500-Jahr-Jubiläum unter Bürgermeister Siegfried Singer groß gefeiert. Sein Nachfolger Helmut Wiesenegg wollte den Bezirkshauptort dann bereits zur Stadt „upgraden“ lassen, scheiterte aber an der Missbilligung der Reuttener und Reuttenerinnen. Eine repräsentative Umfrage der Außerferner Nachrichten Ende der 90er-Jahre hat eine Ablehnung der Stadterhebung von weit über 70 Prozent erbracht. Die Angelegenheit war vom Tisch. Die Jahre gingen ins Land und seit einiger Zeit reißt Bürgermeister Alois Oberer das Thema wie beiläufig an, ohne es aber gleich zur offiziellen Agenda der Gemeinde zu machen. Immerhin erklärte er kürzlich bei einer öffentlichen Veranstaltung: „Wir sind dran.“

Für Josef Hauser von der Abteilung Gemeindeangelegenheiten des Landes Tirol wäre eine Stadterhebung Reuttes aufgrund der zentralörtlichen Rahmenbedingungen eine reine Formsache. Nichts spreche dagegen. Bei einem Antrag Reuttes müsste der Tiroler Landtag darüber befinden.

Hauser erklärt weiter, dass die Bezeichnung Stadtgemeinde, gleich wie Marktgemeinde, ein reiner Ehrentitel sei. Also auch ein Titel ohne Mittel. Steuerliche Vorteile gebe es keine, die Gemeinden Österreichs würden alle gleich behandelt. Und eine Erhebung zur Statutarstadt mit zusätzlichen Behördenaufgaben wie etwa Innsbruck sei mit der Untergrenze von 20.000 Einwohnern außer Reichweite. Auch auf die Abgabenertragsanteile bräuchte Reutte nicht zu schielen, eine Stadterhebung hätte keinerlei Auswirkungen. Diese würden sich nach der Einwohnerzahl richten und im Fall Reuttes erst bei 10.000 ein neuer Schlüssel zur Anwendung kommen. Die Marktgemeinde mit rund 7000 Einwohnern müsste noch eine Weile wachsen. Aus Gemeindeamt würde Stadtamt, aus Gemeindevorständen Stadträte. Mehr Geld würden die politisch Tätigen nicht bekommen. Josef Hauser bringt aber einen Marketingeffekt ins Spiel, der vielen Stadtgemeinden sehr wichtig sei. Weil mit der Bezeichnung Stadt eben schon eine andere Wertigkeit einhergehe.

Österreich hat derzeit 1125 Land-, 770 Markt- und 201 Stadtgemeinden. Jeder zehnte Ort ist Stadt. Reutte und Tamsweg im salzburgischen Lungau sind die einzigen Bezirkshauptorte Österreichs, die „nur“ als Markt firmieren. Die letzten Erhebungen in Tirol: Wörgl 1951 zur Stadt, Fulp­mes 2017 zum Markt. Der größte Markt der Alpenrepublik, Lustenau, zählt 23.000 Einwohner, die kleinste Stadt, Rattenberg, 400, bei einer Fläche von gerade einmal 0,11 km². Reutte nennt über 100,9 km² sein Eigen und würde sich nach Imst (113) und Innsbruck (104) flächenmäßig als drittgrößte Stadt in Tirol einordnen. Landeck bringt es auf 5,9 km². Bei der Einwohnerzahl wären von Tirols Städten nur Rattenberg und Vils (1500) kleiner als Reutte, alle anderen – Imst, Landeck, Innsbruck, Hall, Schwaz, Wörgl, Kufstein, Kitzbühel und Lienz – größer. Mehr als eine Stadt gibt es derzeit nur im Bezirk Kufstein. Vils erhielt 1327 das Stadtrecht und müsste „erdulden“, dass Reutte 629 Jahre später gleichzieht.

Bürgermeister Alois Oberer könnte einer Stadterhebung einiges abgewinnen. „Schön, wenn es noch in dieser Funktionsperiode möglich wäre. Aber es gibt dafür überhaupt keinen Zeitdruck.“ Der Stadt-, pardon, Marktchef kann sich aber die Einleitung einer Stadterhebung nur mit Zustimmung einer großen Mehrheit im Gemeinderat vorstellen. „Mit 10 zu 9 würde hier sicher nichts durchgedrückt.“ Oberer verfügt über die absolute Mehrheit im Gemeindeparlament.

VP-Fraktionsführer Klaus Schimana: „Über meine Position muss ich erst nachdenken, aber ich bin sicherlich offen für jede Form der Diskussion. Eine Volksbefragung wäre für mich das beste Instrument, nachdem die Bevölkerung zuvor über alle Vor- und Nachteile informiert wurde.“ Skeptisch zeigt sich der grüne Fraktionsführer Helmut Hein: „Reutte ist zwar sicher schon mehr Stadt als Markt. Aber ich verbinde mit einer Stadt auch mehr Verkehr, Asphalt und mit Markt noch eine Art Beschaulichkeit.“ Gottfried Strauß deponiert für die SP-Einmannfraktion hingegen ein eindeutiges Ja zur Stadterhebung.




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