Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Landespolitik

Euregio 2019 als Absage an „Nationalismus first“

Gedenken an Teilung Tirols vor 100 Jahren war Bekenntnis zur Überwindung der Brennergrenze – für Begnadigung der Südtirol-Aktivisten.

Felix Mitterer erinnerte an die Schicksalsjahre der Südtiroler und ihren Freiheitskampf.

© AngererFelix Mitterer erinnerte an die Schicksalsjahre der Südtiroler und ihren Freiheitskampf.



Innsbruck – Eine vorwärtsgerichtete Europaregion Tirol blickte gestern im Landtag auf die 100 Jahre seit dem Friedensvertrag von Saint-Germain zurück, der am 10. September 1919 die schmerzliche Teilung Tirols besiegelte. Die Unrechtsgrenze bleibt bestehen, doch Tirol, Südtirol und das Trentino haben sie heute ideell überwunden – ohne die leidvolle Geschichte Südtirols zu vergessen. Den Schritt nach vorne untermauerten die Landeshauptleute Günther Platter und Arno Kompatscher (Südtirol) sowie die Trentiner Landesrätin Giulia Zanotelli. Dass Kompatscher ausdrücklich vom Mutter- und nicht vom Vaterland Österreich redete, war ebenfalls eine feine sprachliche Klinge.

Südtirol im Speziellen und die Euregio als übergeordnetes Gebilde gelten heute als Zukunftsmodell. „Kriege, Totalitarismen, Gegensätze und Zerreißungen wurden in den letzten 50 Jahren durch eine überzeugte Suche nach Lösungen ersetzt, um das Zusammenleben von Sprachgruppen, die Kooperation und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu gewährleisten“, sagte Zanotelli. Kompatscher warnte vor neuen Nationalismen und Abschottung, vor den „Ichlingen“ und „Amerika oder Österreich first“.

LH Günther Platter und Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann wollen als verantwortliche Politiker die Vision eines geeinten Tirols mit Leben erfüllen. „Das ist nicht nur eine politische, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe, der wir uns stellen“, forderte Platter.

Kompatscher und Platter unterstützen auch den Appell des gestrigen Festredners, des Tiroler Autors Felix Mitterer, für die Begnadigung der drei noch lebenden „Pusterer Buam“. In Abwesenheit wurden die Südtirol-Aktivisten Heinrich Oberleitner, Sepp Forer und Siegfried Steger in Italien zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. „Bitte setzen Sie sich dafür ein. Das sind alte Männer, die nicht mehr viel Zeit haben“, beschwor Mitterer.

Für den freiheitlichen Nationalrat Gerald Hauser ist „eine Begnadigung der noch lebenden Freiheitskämpfer“ ein Gebot der Stunde. (pn)