Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.10.2019


Innsbruck-Land

Analyse und Maßnahmen: Aldrans-Umfahrung bleibt ein heißes Eisen

Mit einer zentrumsnahen Umfahrung von Aldrans plus Öffi- und Radweg-Ausbau wäre laut Verkehrsexperten eine Halbierung der Belastung im Ortskern möglich. Anrainer orten nur eine Verlagerung des Problems.

Zur Entlastung des geplagten Aldranser Ortskerns wurden zwei mögliche Umfahrungsvarianten gegenübergestellt – „Variante 2000“ ganz im Westen (l. o.) und die zentrumsnahe „Variante A“ (r. o.). Diese würde ungefähr im Bereich „Felseneck“ (r. u.) starten.

© Visualisierung: BVR Rauch & SchlZur Entlastung des geplagten Aldranser Ortskerns wurden zwei mögliche Umfahrungsvarianten gegenübergestellt – „Variante 2000“ ganz im Westen (l. o.) und die zentrumsnahe „Variante A“ (r. o.). Diese würde ungefähr im Bereich „Felseneck“ (r. u.) starten.



Von Michael Domanig

Aldrans — Die massive Verkehrsbelastung ist in Aldrans seit vielen Jahren Thema Nummer eins. Kein Wunder also, dass der Gemeindesaal am Donnerstagabend prall gefüllt war, als die Ergebnisse einer umfassenden Verkehrsanalyse und das daraus abgeleitete Maßnahmenkonzept erstmals öffentlich präsentiert wurden. Ein Überblick:

1. Bestandsaufnahme: Rund 15.000 Fahrzeugbewegungen sorgen am Verkehrsknotenpunkt im Aldranser Dorfzentrum täglich für Probleme, vor allem zu Stoßzeiten. Laut der breiten Analyse, mit der Land und Gemeinde das Büro für Verkehrs- und Raumplanung — Rauch & Schlosser beauftragt haben, stammt rund ein Drittel des Verkehrs nach Innsbruck aus Aldrans selbst, zwei Drittel sind Durchgangsverkehr aus den Nachbargemeinden.

Eine zeitgleich von der „Vitalregion über Innsbruck" initiierte Analyse des öffentlichen Verkehrs zeigt großen Aufholbedarf: Während etwa der Öffi-Anteil auf der Igler Straße — wo die Buslinie J im 10-Minuten-Takt verkehrt — fast ein Drittel beträgt, sind es auf der Schlossstraße nur 19 %.

2. Öffis und Rad: Die Verkehrsplaner regen daher u. a. an, bei den Bussen Richtung Aldrans auf einen 15-Minuten-Takt zu verdichten — vor allem am Nachmittag gebe es derzeit „erhebliche Lücken". Großen Verbesserungsbedarf sehen sie auch bei der Öffi-Anbindung an den Osten von Innsbruck mit Dez und Gewerbegebiet Roßau. Die aktuelle Umsteigesituation bei der Olympiaworld sei „äußerst ungünstig", durch die Verlegung von Haltestellen könnten die langen Wege aber deutlich verkürzt werden. Laut BM Hannes Strobl wird man sich in der Vitalregion gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Tirol um weitere Verbesserungen bei Takt, Linienführung und Umsteigemöglichkeiten bemühen.

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Auch eine alltagstaugliche, straßenbegleitende Radweg­anbindung an Innsbruck ist, wie berichtet, in Planung.

3. Umfahrung: Verbesserungen bei den Öffis und neue Radwege sollen also forciert werden, so BM ­Strobl. Doch trotz allen Potenzials sei die Conclusio klar: Das allein sei zu wenig, man müsse auch über eine Umfahrung nachdenken. „Eine spürbare Entlastung für den Dorfkern ist nur möglich, wenn ein erheblicher Teil des Durchzugsverkehrs aus dem Zentrum hinausgebracht wird", betont auch Christian Molzer, Vorstand der Abteilung Verkehr und Straße beim Land. Linienführung und Straßenpläne gebe es noch nicht, sagt Molzer, man wolle die Bevölkerung „nicht mit einem fertigen Plan konfrontieren".

Dennoch wurden bei der Präsentation zwei mögliche Varianten gegenübergestellt: Die „Variante 2000" würde, grob gesagt, nach der Kehre oberhalb von Schloss Ambras abzweigen, im Zickzackkurs über die Felder führen und vor der Ortseinfahrt nach Lans wieder in die Landesstraße einmünden. Für das Aldranser Ortszentrum würde dies eine Reduktion von über 5000 Fahrten bringen. Am wirksamsten für die Entlastung des Ortszentrums wäre laut den Experten aber „Variante A": Hier zweigt die Umfahrung beim Ortseingang Aldrans (ca. Felseneck) ab und mündet im Bereich Feuerwehr wieder in die Landesstraße ein. Von dort würde die Umfahrung weiter bis in den Bereich des Sägewerks Dollinger und somit zur Straße Richtung Rinn führen. Beide Teilabschnitte wären ca. 700 m lang. Möglich wäre damit laut Experten eine Reduktion um ca. 7000 Fahrten durchs Ortszentrum. Zusammen mit der Öffi-Optimierung könnten rund 50 % des Verkehrs aus dem Zentrum heraus verlagert werden.

4. Reaktion der Bevölkerung: Vor allem Bürger, die als Anrainer oder Grundbesitzer betroffen wären, sehen die zentrumsnahe Variante A sehr kritisch: Die Verkehrbelastung werde dadurch nur um ca. 300 Meter verlagert, das Problem bleibe aber in Aldrans. „Für Aldrans gesamt gibt es also 0 Prozent Entlastung", meinte ein Herr. Und Richtung BM Strobl: „Sie sind Bürgermeister von Gesamt-Aldrans." Das Aldranser Dorfzentrum werde sehr wohl entlastet, konterte Strobl, dies verbessere allein im direkten Umkreis die Lebensqualität Hunderter Bürger. Nachbarbürgermeister Benedikt Erhard aus Lans sieht das genauso: Es gehe um jene Menschen in Aldrans, die direkt an der Dorfstraße leben und am stärksten belastet seien — auch durch Lanser Verkehr.

Anrainer wie Gerda Walton oder Peter Kilga warnten vor der Zerstörung der „grünen Lunge von Aldrans" im Bereich Mühl- und Bahnhofweg. Landwirt Hannes Gapp verwies auf den Wertverlust von Baugründen, wenn die neue Straße gebaut werde. Einige Anwesende plädierten daher für die westlichere Variante 2000. Molzer wies jedoch darauf hin, dass diese rund viermal so lang sei wie Variante A: „Das bedeutet auch viermal so viel Flächenversiegelung und Umweltbelastung."

In mehreren Wortmeldungen wurde vorgeschlagen, zuerst Öffis und Radverkehr zu attraktivieren und abzuwarten, wie sich das auswirke, bevor man einen Straßenbau angehe. Doch Verkehrsplaner Rauch dämpfte die Erwarungen am Beispiel Axams: Dort gebe es sogar einen 7,5-Minuten-Bustakt — dennoch habe der Verkehr auf der Götzner Straße weiter zugenommen. Fazit: Öffi-Ausbau sei sehr wichtig, reiche aber nicht.

5. Wie geht es nun weiter? Molzer sieht den Ball in Sachen Umfahrung nun bei Aldrans liegen: „Wenn wir von der Gemeinde den Wunsch hören, weiterzugehen, dann starten wir mit der Planung." Wenn nicht, gebe es für die Abteilung Verkehr und Straße tirolweit viel anderes abzuarbeiten, meinte Molzer pragmatisch.

BM Strobl erklärt im TT-Gespräch, dass man die Lösungsvorschläge nun in Verkehrsausschuss und Gemeinderat intensiv beraten werde. „Wenn wir uns dafür entscheiden, die Umfahrungsvarianten weiter prüfen zu lassen, werden wir ein entsprechendes Ansuchen ans Land stellen." Strobl ortet insgesamt eine „eher positive Grundstimmung". Wer befürchte, von einem neuen Verkehrsweg betroffen zu sein, melde sich aber natürlich lauter zu Wort.