Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.10.2019


Bezirk Schwaz

Podiumsdiskussion in Schwaz: „Feinstaub verkürzt Leben um 2,1 Jahre“

Die Luftverschmutzung, ihre Ursachen und Auswirkungen auf die Gesundheit waren in Schwaz Thema einer Podiumsdiskussion.

Im Knappensaal im SZentrum ging es am Montag um schlechte Luft und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit. Moderiert von Martin Wex, diskutierten und informierten Fritz Gurgiser, Professor Thomas Münzel, Michael Mingler, Christoph Walser und Martin Piringer

© DählingIm Knappensaal im SZentrum ging es am Montag um schlechte Luft und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit. Moderiert von Martin Wex, diskutierten und informierten Fritz Gurgiser, Professor Thomas Münzel, Michael Mingler, Christoph Walser und Martin Piringer



Von Angela Dähling

Schwaz – Er sind erschreckende Zahlen, mit denen Thomas Münzel, Professor für Kardiologie und Leiter der Universitätsmedizin Mainz, sowie Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie, im Frühjahr aufhorchen ließen. Ihren Forschungen zufolge sind die Auswirkungen von Feinstaub auf die Gesundheit dramatischer als bisher angenommen. Demnach sterben jährlich 8,8 Mio. Menschen weltweit frühzeitig an den Folgen von Feinstaub. Montagabend informierte der Mediziner und Forscher Thomas Münzel dazu im SZentrum.

„Rauben uns Luftschadstoffe den Atem“ war der Titel, unter dem „Frundsberg Quer – das Nachdenkforum“ zudem zur Podiumsdiskussion geladen hatte: mit Professor Münzel, Transitforum-Obmann Fritz Gurgiser, Tirols WK-Präsident Christoph Walser, Martin Piringer (ZAMG, Leitung Umwelttechnologie) und LA Michael Mingler (Verkehrssprecher der Grünen).

„Jährlich gibt es 800.000 vorzeitige Todesfälle in Europa durch Feinstaub. Im Schnitt wird die Lebensdauer hier durch Feinstaub um 2,1 Jahre reduziert“, informierte Thomas Münzel über seine Forschungsergebnisse. Der Feinstaub gelange über die Lunge ins Blut. Dadurch könnten sich Stress- und Entzündungsreaktionen im Körper verstärken, der Blutdruck steigen, sich der Gefäßverkalkungsprozess beschleunigen und Herzinfarkte ausgelöst werden. Besonders gefährlich sei Ultrafeinstaub (PM 2,5). Fossile Energien und landwirtschaftliche Großbetriebe seien Hauptverursacher der Luftverschmutzung durch Feinstaub. „Dieselfahrzeuge haben Feinstaubfilter, Benziner nicht. Sie müssten daher verboten werden“, ließ Münzel aufhorchen.

„Weltweit könnte man jährlich zwei Millionen Menschenleben retten, wenn überall die Feinstaubgrenzwerte, wie von der WHO empfohlen, bei zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft lägen“, prognostiziert Münzel. In den USA liegt der Grenzwert bei 12 µg/m³, in der Schweiz bei 10 µg/m³, in Aus­tralien bei 8 µg/m³. In den EU-Ländern bei 25 µg/m³. „Diese bei uns bis 2025 auf 20 µg/m³ zu senken, ist absoluter Kokolores“, meint Münzel. 80 Prozent der Belastungen in Europa seien laut ihm vermeidbar.

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In Österreich hat die Feinstaubbelastung in den letzten Jahren abgenommen. Laut Martin Piringer (ZAMG) werden die Grenzwerte nur noch in Graz überschritten. Anders sieht es mit Stickstoffdioxid NO2 aus – an der Messstelle in Vomp lag der Jahresmittelwert laut Piringer bei 50 µg/m³. Der Grenzwert liegt bei 30 µg/m³. „Stickstoffdioxid macht krank. Aber beim Land sind sie zu feig, die Gesundheit vor den Verkehr zustellen“, wetterte Gurgiser. Tirols Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser wies in der von VBM Martin Wex moderierten Diskussion darauf hin, dass die NO2-Werte einzig im Pkw-Verkehr gestiegen seien. Und er ließ mit der Forderung aufhorchen, dass der Transitverkehr auf die Schiene verlagert werden müsse. „Das geht aber nur, wenn in ganz Europa dafür alle 350 km Terminals gebaut werden“, betonte er. Er warnte im Hinblick auf notwendige Logistikzentren an Bahnhöfen davor, Areale dort mit Wohnungen zu verbauen.

„2,5 Mio. Lkw am Brenner sind zu viel. Bei 1,5 Mio. müsste die Grenze sein“, sagte Walser, Gurgiser und Mingler sahen das ähnlich. „Es braucht alpenweit die gleichen Maßnahmen bei den Transitrouten“, so Gurgiser mit Hinweis auf die Korridormaut. Nur bei gleichen Kosten über alle Grenzübergänge ändere sich am Brenner etwas. LA Mingler nahm die Politik in die Pflicht: „Wir fördern falsch. Nämlich durch Dieselprivilege und dort, wo in der Landwirtschaft im großen Stil Feinstaub erzeugt wird.“

Etliche Bürger brachten sich mit ihren Ansichten ein. Dass jeder Bürger durch sein Konsum- und Kaufverhalten auf Entwicklungen einwirken kann, war dabei nur eine, die viele teilten.