Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.11.2019


Kinderbetreuung

Studie zu Tiroler Kinderkrippen: Reiche Gemeinde, billige Plätze

In reichen Gemeinden kostet die Eltern die Betreuung ihrer Kinder in Kinderkrippen und Horten weniger. Die durchschnittliche Förderquote liegt bei 15,5 Prozent. Diese Marke schaffen viele Gemeinden nicht.

65 Prozent der Kinderkrippen in Tirol, wo die Kleinsten betreut werden, sind privat organisiert. Bei den Horten sind es 61 Prozent.

© iStock65 Prozent der Kinderkrippen in Tirol, wo die Kleinsten betreut werden, sind privat organisiert. Bei den Horten sind es 61 Prozent.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Ein Platz in einer privaten Kinderkrippe kostet die Eltern für ein null- bis dreijähriges Kind im Schnitt 222 Euro, ohne Mittagessen. Ganztags klettert der Betrag auf 348 Euro. Zahlt die Gemeinde mehr mit, wird es für die Eltern leichter. „Bei einer mittleren Gemeindeförderung sind es halbtags 158 Euro und ganztags 249 Euro, die die Eltern beisteuern müssen“, sagt Birgit Scheidle, Geschäftsführerin des „Dachverbands Selbstorganisierte Kinderbetreuung Tirol“.

Der Dachverband hat 98 Kinderbetreuungseinrichtungen in 56 Gemeinden nach Fördermodellen, Zufriedenheit damit und Verbesserungsvorschlägen abgefragt. Die Studie soll am Freitag, den 8. November, in Vill im Grillhof präsentiert werden. Ansprechpartner sind Tirols Bürgermeister. „Früher versuchten einige, wegen ideologischer Beweggründe den Bedarf an Kinderbetreuung klein zu halten, heute sind es die Kosten, die viele Bürgermeister abschrecken“, sagt Scheidle. Von den 272 Kinderkrippen und den 99 Horten sind mehr als 60 Prozent privat organisiert. Bei den Kindergärten ist es umgekehrt, da stemmt mit 83 Prozent den Löwenanteil die öffentliche Hand.

Knackpunkt in Sachen Kinderbetreuung ist nach wie vor, was zuerst kommt: die Henne oder das Ei. Sprich, ob man zuerst den Bedarf abfragen oder zuerst das Angebot schaffen soll. Letzteres wurde in Maurach am Achensee gemacht. Die Gemeinde ist in der Studie als Positivbeispiel genannt. „Die Nachfrage steigt mit dem Angebot“, sagt Andrea Kohler-Widauer. 2003 kam sie an den Achensee und wollte ihren dreijährigen Sohn betreuen lassen. Allein das Angebot fehlte. Das stellte Kohler-Widauer mit Unterstützung der Gemeinde dann selbst auf die Beine. „Mit neun Kindern haben wir angefangen, heute betreuen wir an die 100 Kinder von null bis 14 Jahren.“ Kohler-Widauer schafft mit 20 Mitarbeitern eine ganztägige und ganzjährige Betreuung. Im Sommer würden sich private und öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen mit Personal aushelfen. „Ich habe unsere Betreuung nie in Konkurrenz zu den öffentlichen Kindergärten gesehen.“

Von der anfänglichen Skepsis, ob es denn überhaupt eine Kinderbetreuung der Kleinsten bräuchte, wo doch in Maurach die Mütter zu Hause bleiben würden, sei nichts mehr übrig. „Die schlechte Stimmung uns gegenüber ist verschwunden.“ Mütter können ihre Kinder betreuen lassen, ob sie nun einen Job haben oder nicht. Voraussetzung für einen Betreuungsplatz sei das keine. „Ich frage nicht, warum Eltern ihre Kinder bringen.“

Im Dachverband hält man die indes vom Land standardisierte Bedarfserhebung für fehleranfällig. „Sie ist auch anfällig für Missbrauch“, meint Birgit Scheidle. Die Studie schlüsselt sehr genau auf, welche Gemeinden bzw. Bezirke viel in die Förderung von privaten Kinderbetreuungseinrichtungen stecken. Die durchschnittliche Förderquote ist zuletzt auf 15,5 Prozent gestiegen. Mehr als die Hälfte der befragten Einrichtungen erreichen diese Marke allerdings nicht. Während 17 Prozent der Kinderkrippen mit einem Fördersatz von nicht einmal fünf Prozent auskommen müssen, gibt es besonders rosige Verhältnisse in drei Prozent der Einrichtungen. Sie erhalten sogar 50 Prozent Förderung. Je mehr die Gemeinde zahlt, desto weniger müssen die Eltern beitragen. Das Fundament legt das Land mit einer durchschnittlichen Förderung von 56 Prozent für private Kinderbetreuungseinrichtungen.

Scheidle hofft, dass die Studie eine fundierte Grundlage liefern wird. „Sie soll den Bürgermeistern zeigen, ob sie mit ihrer Gemeinde Spitzenreiter sind oder die Rote Laterne bei der Kinderbetreuung in der Hand haben.“

Details zur Studie

Beitrag der Gemeinden: 55 Prozent der privaten Kinderbetreuungseinrichtungen werden mit weniger als 15 Prozent seitens der Gemeinde gefördert. 31 Prozent bekommen bis zu 25 Prozent Unterstützung, 14 Prozent mehr als 25 Prozent.

Standortvorteil: Die Eltern müssen dort weniger beisteuern, wo es den Gemeinden finanziell gut geht und sie die Kinderbetreuung stark fördern. Innsbruck-Stadt und Telfs haben ihre Förderung erhöht.

Nach Bezirken: Mit 26 Prozent fällt die Förderung im Bezirk Reutte am höchsten aus, gefolgt von Innsbruck-Stadt mit 24 und Landeck mit 23 Prozent. Im Mittelfeld liegt Innsbruck-Land mit einer Förderquote von 17 Prozent. Am wenigsten Förderung gibt es mit zehn Prozent in Kufstein und je elf Prozent in Imst und Schwaz. Zwölf Prozent sind es in Kitzbühel und Lienz.

Veranstaltung: Am 8. November von 9 bis 17 Uhr rufen der Dach- und der Gemeindeverband zum Infotag in den Grillhof nach Vill.