Letztes Update am Mi, 06.11.2019 07:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gleichbehandlung

Einmal Teilzeit, immer Teilzeit: Wenige Tirolerinnen als Chefs

Frauen in der Landesverwaltung bleiben viel zu lange in Teilzeit. Das wirkt sich auf die Karriere aus. Es gibt gerade einmal fünf weibliche Abteilungsvorstände von 52. Das zeigt der Gleichbehandlungsbericht des Landes.

Der Anteil der Frauen, die in der Landesverwaltung Teilzeit arbeiten, hat sich von 2003 auf 2019 verdoppelt. Die Rückkehr in die Vollzeit erfolgt in vielen Fällen gar nicht oder erst nach vielen, vielen Jahren.

© iStockDer Anteil der Frauen, die in der Landesverwaltung Teilzeit arbeiten, hat sich von 2003 auf 2019 verdoppelt. Die Rückkehr in die Vollzeit erfolgt in vielen Fällen gar nicht oder erst nach vielen, vielen Jahren.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – In Tirol hat sich die Landesregierung schon einmal ein moderates Ziel gesetzt: 40 Prozent Frauenanteil in den Führungsetagen in der Landesverwaltung, sprich im Landhaus und in den Bezirkshauptmannschaften, würden reichen. Andere Bundesländer gehen es ambitionierter an und wollen eine Frauenquote von 50 Prozent in ihrer Führungsmannschaft sehen. Das hat Symbolkraft.

So oder so: In Tirol schafft die Landesverwaltung nicht einmal die 40 Prozent. Im Landhaus schon gar nicht, besser sieht es in den Bezirkshauptmannschaften aus. Dort schrammt man mit 38 Prozent knapp an der Zielvorgabe vorbei. Immerhin. Im Landhaus liegt die Quote bei bescheidenen zehn Prozent. Von 52 Abteilungsvorständen sind gerade einmal fünf weiblich. Rechnet man die Führungsebenen breiter, erreichen die Frauen im Landhaus einen Anteil von 23 Prozent. Die Zahlen sind im frisch gedruckten Bericht der Gleichbehandlungsbeauftragten abgebildet. Isolde Kafka, die an Krebs verstorbene Anna Strobl und Angelika Erhart haben die Gleichbehandlung der Geschlechter bei den Tirol Kliniken, den LandarbeiterInnen und der allgemeinen Verwaltung untersucht.

Dort ist der Anteil von gut qualifizierten Frauen, also jener mit Studium, insgesamt gestiegen. Viele Juristinnen sind in der Landesverwaltung zum Zug gekommen. Karriere machen trotzdem zu wenige. Das liegt nicht zuletzt am sehr hohen Anteil an Teilzeitkräften. Teilzeit ist auch in der Landesverwaltung noch primär weiblich. Der Anteil der Frauen, die nur Teilzeit arbeiten, ist von 2003 auf 2019 von 15 auf 30 Prozent gestiegen. Zudem bleiben die Frauen sehr lange in Teilzeit, viele von ihnen kehren gar nicht mehr in die Vollzeit zurück. Sie bestreiten ihr gesamtes Berufsleben ab dem ersten Kind in Teilzeit. Das wirkt sich negativ auf die Karriere, auf das Gehalt und auf die Pension aus.

Insgesamt arbeiten 2589 Mitarbeiter in Vollzeit und 1108 Teilzeit. Von letzteren sind 89 Prozent, also 988, weiblich. Egal auf welcher Hier­archieebene die Frauen arbeiten, der Anteil der Teilzeitbeschäftigten sinkt nie unter 50 Prozent, vielmehr ist er überall deutlich höher. Sogar in der höchsten Gehaltsklasse sind 75 Prozent der Frauen nicht vollzeitbeschäftigt.

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Gleichbehandlungsbeauftragte Isolde Kafka nennt drei Ursachen dafür, dass Frauen so selten in Führungsetagen zu finden sind. 1. Frauen würden sich für Führungspositionen interessieren, im Bewerbungsprozess würden aber Männer bevorzugt. 2. Weniger Frauen als Männer interessieren sich für Chefposten. 3. Frauen trauen sich die Führungsposition nicht zu und bewerben sich nicht.

2017 lagen für die Ausschreibung von drei Chefposten die Daten vor: Keine einzige Frau hatte sich beworben. 2018 bewarben sich für eine der drei Stellen nur Frauen und für eine weitere nur Männer.

Kafka und ihre Mitstreiterinnen regen an, das Ausschreibungssystem in der Landesverwaltung umfassend zu reformieren. Echte Hearings abzuhalten und gereihte Dreiervorschläge zu erstellen. Außerdem solle geprüft werden, ob Leitungsfunktionen nicht auch vermehrt von Teilzeitkräften besetzt werden könnten. Nachholbedarf haben die Männer in der Verwaltung, was die Väterkarenz und die Elternteilzeit angeht. Männer hinken in beiden Bereichen hinterher.

Viel erreicht haben die Gleichbehandlungsbeauftragten für Menschen mit Behinderung. Derzeit müssen Dienstgeber, die in Österreich 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, auf je 25 Beschäftigte einen begünstigten Behinderten einstellen. Verfehlt ein Unternehmen die Quote, ist eine Ausgleichs-taxe fällig. Das Land musste 2011 noch rund 1,3 Millionen Euro Ausgleichstaxe zahlen, 2018 waren es nur noch 15.000 Euro und das obwohl der zu bezahlende Betrag pro Kopf von 336 Euro auf 383 gestiegen ist.

26 Männer und eine Frau

Ziel weit verfehlt, heißt es im Gleichbehandlungsbericht bei den Musikschulen. Sie fassen, was die Führungsfunktionen betrifft, die Rote Laterne aus. Eine einzige Frau steht 26 Männern gegenüber. So ungleich geht es sonst in keinem Verwaltungsbereich zu. Bei den Fachbereichsleitern am Tiroler Landeskonservatorium beträgt der Frauenanteil immerhin schmale 22 Prozent.

Einen 100-prozentigen Frauenanteil findet man in den Musikschulen in der untersten Gehaltsklasse, in der obersten wird die Zielsetzung wie in der gesamten Landesverwaltung und in den Bezirkshauptmannschaften weit verfehlt.

Warum gerade die Musikschulen so schlecht bei der Gleichbehandlung abschneiden, hat viel mit Tradition zu tun. Blasinstrumente dominieren. Aufgrund der vielen Musikkapellen ist ihr Einsatz garantiert. Kapellmeister sind die Regel. Dementsprechend dünn ist die Luft in der Führungsetage. Die einzige Frau, die in Tirol eine Musikschule leitet, bildet daher im doppelten Sinne eine Ausnahme: Sie ist eine Frau und sie ist eine Geigerin.

Was die Musikschulen mit dem Rest der Landesverwaltung eint: Auch hier ist der Frauenanteil in Teilzeit sehr hoch. Gerade einmal 27 Prozent der Lehrerinnen arbeiten Vollzeit.

Männlich, weiblich, divers

115 von 122 Abteilungen im Landhaus sagen, dass der interne und externe Briefverkehr gegendert sei. Was das Berücksichtigen des weiblichen Geschlechts in der Sprache betrifft, ist die Landesverwaltung laut Gleichbehandlungsbericht schon weit. Allerdings war man schon einmal weiter. In der weiblichen Gleichstellung gibt es einen Rückschritt und noch viel zu tun, so das Fazit im Bericht.

Wo es noch ganz große Lücken gibt, ist der Umgang mit dem dritten Geschlecht. Dass es ein solches gibt, geht auf ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes und des Europäischen Gerichtshofes zurück. Menschen, deren Geschlecht nicht männlich oder weiblich ist, haben ein Recht auf entsprechende Urkunden. Ebendie wurden in Österreich im Mai zum ersten Mal ausgestellt. Im entsprechenden Pass findet sich der Eintrag „X“ und in der Geburtsurkunde der Eintrag „divers“.

Im Landhaus wird noch diskutiert. Viele Formulare müssten adaptiert werden. Neben den Kästchen für „W“eiblich oder „M“ännlich müsste sich dann „D“ivers finden. Debattiert wird auch, wie das dritte Geschlecht in der Sprache zu verankern ist. „Sehr geehrte/r“ fällt schon einmal als Anrede weg, „Guten Tag“ böte sich an. (aheu)