Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.11.2019


Landespolitik

Pflegekräften in Tirol droht ein böses Erwachen

Neues Gehaltsschema führt zu massiven Einbußen für Pflegeassistenz. Liste Fritz fordert Gesetzesänderung.

Liste-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider (r.) unterstützt die Pflegeassistenten Martin Riedmann und Katharina Erharter.

© Liste FritzListe-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider (r.) unterstützt die Pflegeassistenten Martin Riedmann und Katharina Erharter.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – „Die Enttäuschung ist riesengroß.“ Martin Riedmann ist Pflegeassistent im Wohnheim Westendorf. Auch er hat sich vorrechnen lassen, was ihm der Umstieg auf das mit 1. Jänner geltende neue Gehaltsschema – verrechtlicht im Gemeinde-Vertragsbedienstetengesetz – bringen würde. Hochgerechnet auf seine Lebensarbeitszeit käme er auf ein Minus von 30.600 Euro brutto. Kollegin Katharina Erharter geht es nicht anders: „Das sind riesengroße rote Zahlen. Ich bin erschüttert.“ Wo sei da die versprochene Wertschätzung einem Berufsstand gegenüber, der in der Tiroler Wohn- und Pflegeheimlandschaft zu den Systemträgern zähle, fragen beide.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – unter diesem Mott­o sei die Gesetzesnovelle gestanden, sagt Liste-Fritz-Klub­obfrau Andrea Haselwanter-Schneider. Den Mitarbeitern in den Wohn- und Pflegeheimen sei eine Besserstellung versprochen worden: „Stattdessen gibt es eine schlechtere Bezahlung für die Pflegeassistenz.“ Angewendet werden soll das neue Schema für alle Neueinsteiger. Alle anderen können bis Jahresende optieren, müssen aber nicht. Zumindest, wenn sie beim selben Arbeitgeber bleiben. Ansonsten droht nicht nur das schlechtere Schema, sondern auch der Verlust einer besseren Gehaltsstufe ab zehn Dienstjahren. Wobei: Letzteres müsste jede Gemeinde als Heimträger erst noch beschließen. Verpflichtend ist das nicht. Und doch empfehlen nun sogar Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg und Gemeindeverbandschef Ernst Schöpf selbiges den Gemeinden. Dass dieser Brief erst am Montag rausging, sieht Haselwanter-Schneider als Affront. In Summe habe Tilg das Gesetz verbockt: „Tilg ist rücktrittsreif.“ Sie fordert eine Änderung des betreffenden Gemeinde-Vertragsbedienstetengesetzes. Ebenso wie eine Einmalzahlung von 400 €.

Auch ARGE-Altenheime-Obmann Robert Kaufmann rechnet nicht damit, dass es zu vielen Optionen bei den Pflegeassistenten kommen wird: „Profitieren werden die diplomierten Kräfte. Der Großteil der Assistenten sind die Verlierer.“ Angesichts des akuten Personalmangels sei das „kein gutes Zeichen“. Die ARGE war in der Arbeitsgruppe für das Schema vertreten. „Diese Auswirkungen haben wir aber nicht vorausgesehen und tragen sie auch nicht mit“, so Kaufmann.

„Neues Schema bringt Gerechtigkeit“

Das neue Gehaltsschema sei mit Gemeindeverband, der Stadt Innsbruck und der Gewerkschaft paktiert worden, rückte Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) gestern nur wenige Stunden nach der Pressekonferenz der Liste Fritz (siehe Artikel links) von selbst zur Verteidigung aus. Damit, so Tilg, würde der „Wildwuchs" an unterschiedlichen Gehalts- und Lohnsystemen in der Heimlandschaft eingedämmt. Als Basis sei das System der Tirol Kliniken herangezogen worden. „Für die Vereinheitlichung und Lohnanpassungen nehmen Land und Gemeinden jährlich mehrere Millionen Euro in die Hand", so Tilg. Das neue System bringe so auch „mehr Gerechtigkeit".

Mit der Umstellung würde auch eine Chancengleichheit zwischen Krankenhäusern und Heimen hergestellt, was die Attraktivität der Pflegeeinrichtungen der Gemeinden als Arbeitgeber stärken solle. Was mögliche Einbußen durch die Umstellung betrifft, so spricht Tilg lediglich „von Einzelfällen". Und das auch nur bei Wechsel des Arbeitgebers. Die Gemeinden hätten aber die Möglichkeit, abzufedern.

Diesbezüglich appellierte Tilg mit Gemeindever­bands­chef Ernst Schöpf erst am Montag in einem Brief an alle Gemeinden, die „Treueprämie" (Aufrückung nach zehn Dienstjahren) auch umzusetzen. (TT, mami)




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