Letztes Update am Do, 28.11.2019 15:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Touristen fahren künftig gratis mit Innsbrucker Öffis: Kritik und Lob

Mit der „Welcome Card“ ab zwei Übernachtungen in Innsbruck können Touristen künftig kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Die Fahrten werden von Innsbruck Tourismus an VVT und IVB vergütet. Lob kommt von den Grünen und NEOS, Kritik von der Liste ALI. Die Liste Fritz findet den Schritt nicht falsch, will jedoch Gratis-Öffis für alle. Die ÖH spricht von einem „Schlag ins Gesicht“.

(Symbolfoto)

© Michael Kristen(Symbolfoto)



Innsbruck – In den Innsbrucker Öffis werden künftig wohl mehr Touristen sitzen als bisher. Denn ab 1. Mai 2020 können Gäste mit der „Welcome Card“ ab einer Aufenthaltsdauer von zwei Übernachtungen kostenlos mit den städtischen Öffis fahren, teilte Innsbruck Tourismus mit. Damit ist die Alpenstadt nach eigenen Angaben die erste Landeshauptstadt Österreichs, in der Touristen gratis den öffentlichen Verkehr nützen können.

„Durch die Integration des gesamten öffentlichen Verkehrs, das heißt ab Mai 2020 inklusive auch aller Linien der Innsbrucker Verkehrsbetriebe, steigt die Erlebnisqualität für unsere Gäste deutlich. Sie können einfach und unkompliziert aus der Angebotsfülle der ganzen Destination schöpfen. Und dies macht Lust darauf, den Urlaub zu verlängern, was unserer strategischen Zielsetzung entspricht“, freut sich Karin Seiler-Lall, Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus.

Während Touristen keine eigenen Gebühren für die Nutzung zahlen, werde Innsbruck Tourismus diese Fahrten an IVB und VVT vergüten. „Die Beförderungsleistungen werden also durch die Wertschöpfung, die durch die Gästenächtigungen in Innsbruck entsteht, finanziert“, so Seiler-Lall. Die Fahrten seien also „nicht kostenlos“.

„Für uns sind Gäste neben den Einheimischen eine weitere wichtige Zielgruppe. Urlauber nutzen den öffentlichen Verkehr meist zu anderen Zeiten als Einheimische“, meint IVB-Geschäftsführer Martin Baltes. „Mit der Welcome Card, die der Gast bei der Ankunft vom Vermieter erhält, kann die Entdeckungsreise sofort starten“, meint Obmann Karl Gostner (Innsbruck Tourismus).

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Felipe und Willi loben Entscheidung

„Die Tiroler Verkehrssituation kann nicht nur mit Fahrverboten verbessert werden. Es braucht auch attraktive Alternativen und Angebote im öffentlichen Verkehrsnetz, um den Umstieg, vor allem für Touristinnen und Touristen, zu erleichtern“, begründete LHStv. und Verkehrslandesrätin Ingrid Felipe (Grüne) die Initiative. Schon bisher konnten Inhaber der „Welcome Card“ den öffentlichen Verkehr in Tirol gratis nützen, nun schlossen sich auch die Innsbrucker Verkehrsbetriebe (IVB) an.

Dass damit die städtischen Öffis überlastet werden, denkt IVB-Geschäftsführer Martin Baltes nicht: „Urlauber nutzen den öffentlichen Verkehr meist zu anderen Zeiten als Einheimische, die zur Arbeit oder zur Schule fahren“, argumentierte er. Innsbruck werde so zum „Vorreiter in Sachen nachhaltiger Mobilität“, meinte Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi (Grüne).

Kritik von Liste ALI: „Rücksichtlosigkeit“

Scharfe Kritik kommt von der Alternativen Liste Innsbruck (ALI). Gemeinderat Mesut Onay bezeichnet die Maßnahme als „Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Stadtbevölkerung“. „Während in Innsbruck die Löhne kaum steigen, die Lebenshaltungskosten immer teurer werden und ständig Gebühren erhöht werden, kutschiert die IVB Tourist*innen gratis durch die Stadt. Das kann doch niemand mehr verstehen“, empört sich Mesut Onay über den Vorstoß von Innsbruck Tourismus.

Unverständlich sei dieser Schritt vor allem, weil die Stadtregierung immer damit argumentiere, dass ohnehin niemand in der Stadt Einzeltickets kaufe und diese eigentlich für die Touristen vorgesehen seien, um Mehreinnahmen für die IVB zu generieren. Seine Gemeinderatsratsfraktion mache sich stattdessen für kostenlose, ticketfreie Öffis für alle Innsbrucker stark, schreibt Onay in einer Aussendung.

Um den ÖPNV zu refinanzieren schlägt Onay eine höhere Bepreisung für Tourist*innen vor. „Tallinn macht es bereits vor. Personen mit Erstwohnsitz zahlen eine einmalige Gebühr von 2€ und können die öffentlichen Verkehrsmittel dort ohne Ticket nutzen. Die Tourist*innen bezahlen mehr“, schlägt Onay vor.

Liste Fritz will Gratis-Öffis für alle

„Ich halte es nicht für falsch, dass Touristen gratis mit den Öffis fahren, es ist nur falsch, dass wir Einheimischen unsere Öffis nicht gratis benützen dürfen“, sagte indes Liste Fritz-Gemeinderat Tom Mayer. „Wenn es der grün-geführten Stadtregierung mit dem Klimaschutz ernst ist, dann sind die Öffis in Innsbruck für alle Bürger gratis anzubieten und nicht nur für die Touristen“, argumentierte Mayer weiter.

„Höchst erfreut“ über die Maßnahme ist Stadträtin Christine Oppitz Plörer (Für Innsbruck). „Vor einigen Jahren haben TVB Obmann Karl Gostner, IVB Geschäftsführer Martin Baltes und ich gemeinsam die Idee forciert, dass die Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs über die Ortstaxe einfach und unkompliziert inkludiert ist“, erzählt Oppitz-Plörer. Es freue sie, dass dieses „lang gehegte Projekt“ nun umgesetzt werde.

„Viele kennen das aus eigenen Besuchen in anderen Städten: Man will einen Fahrkarte kaufen, aber nicht immer ist das so einfach. Künftig können Besucher ab zwei Übernachtungen automatisch das Öffi-Netz in Innsbruck mitnutzen. Das trägt sicherlich auch maßgeblich dazu bei, unsere Gäste verstärkt für die Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs zu motivieren“, schreibt Oppitz-Plörer in einer Aussendung.

Für NEOS „wichtiges Signal“

Für die NEOS ist das Gratis-Ticket für Touristen „ein wichtiges Signal, um touristische Mobilität in Richtung ÖPNV zu lenken“. Es brauche jedoch auch für die Innsbrucker ein besseres und günstigeres Ticketangebot, argumentieren die NEOS in einer Aussendung.

„Wir legen drei Ideen für neue Tickets auf den Tisch und fordern eine dringend notwendige Diskussion über den Preis des Einzeltickets und über zusätzliche Angebote wie z.B. ein Gruppen-, ein Kurzstrecken- und ein Schlechtwetterticket“, so Julia Seidl.

„Viele Radfahrer_innen besitzen kein Jahresticket, da sie einfach keinen Bedarf an einem Jahresticket haben. Die Staudichte und Länge an Regentagen in Innsbruck ist uns allen schmerzlich bekannt, das liegt auch an Personen, die normalerweise mit dem Rad fahren. Für diese Gruppe ist das Einzelticket auch im 8er Block zu teuer. Und genau für diese Gruppe würden wir ein günstiges Schlechtwetterticket anbieten. Dieses soll bei einer zu definierenden Regenwahrscheinlichkeit bzw. bei Regen und Schneefall gelten und ein Anreiz zum Umstieg sein,“ schlägt die Gemeinderätin vor.

Technisch könnte man die Ticketnutzung über den Infoscreen lösen. An einem Tag, an dem das Schlechtwetterticket gilt, könnte man das am Infoscreen kommunizieren und damit Unsicherheiten bei den Fahrgästen vorbeugen.

ÖH spricht von „Schlag ins Gesicht“

Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) bezeichnete die Initiative als „Schlag ins Gesicht“. „Seit Jahren fordert die ÖH Innsbruck ein günstigeres Öffi-Ticket für Studierende“, hieß es in einer Aussendung. „Jetzt zu hören, dass Touristen künftig vollkommen kostenfrei Innsbrucker Öffis benützen können, macht uns einfach fassungslos“, sagte Johanna Beer (AG), ÖH-Vorsitzende der Uni Innsbruck. „Innsbruck ist bereits die teuerste Uni-Stadt in Österreich. Wir fordern endlich ein klares Bekenntnis von Bürgermeister Georg Willi zu einem günstigeren Öffi-Ticket für uns Studierende und die Umsetzung seiner Wahlversprechen“, forderte Beer.

(TT.com, APA)