Letztes Update am Mi, 02.04.2014 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Landespolitik

„Gemeinden stürzen sich in finanzielles Abenteuer“

Eine neue Studie kommt zum Schluss, dass das Sannakraftwerk unwirtschaftlich sei. Landecks Bürgermeister will Gremien befassen.



Von Helmut Wenzel

Landeck, Pians – Besorgte Anrainer, Fischer, Rafter und Vertreter des Tourismus haben sich wiederholt gegen das geplante Sannakraftwerk ausgesprochen – zuletzt beim TT-Forum am 5. März in Pians.

Jetzt lässt der Tiroler Wirtschaftsprüfer und Steuerexperte Alois Pircher mit einer Studie aufhorchen, die von Wildwassersportlern und Touristikern in Auftrag gegeben worden ist. Sein Resümee lässt wenig Spielraum für Interpretationen. „Nach vorsichtiger Einschätzung kann auf Grund der uns zur Verfügung gestellten Zahlen sowohl kurzfristig als auch langfristig nicht von einem gewinnbringenden Projekt gesprochen werden.“

Der Experte hat, wie er am Dienstag gegenüber der TT erklärte, „aus heutiger Sicht realistische Szenarien“ berechnet. Er geht von einer 30-jährigen Nutzungsdauer des Kraftwerks aus, der Erlös pro Kilowattstunde Strom ist mit vier Cent dotiert, die Jahresproduktion liegt – wie vom Kraftwerksplaner Infra publiziert – bei 83 Gigawattstunden (GWh). Unter diesen Vorzeichen beschert das Kraftwerk einen jährlichen Verlust in Höhe von 2,16 Mio. Euro. Sollte der Strompreis bei 3,50 Euro liegen, würde der Kraftwerksbetrieb gar 2,81 Mio. Euro Verlust schreiben.

Das Kreditvolumen könnte im ersten Fall in 107 Jahren zurückbezahlt werden, im zweiten Fall gar erst in 602 Jahren. „Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen am Energiemarkt, so ist festzustellen, dass die Gewinneinbußen im Jahr 2013 rund 80 Prozent betrungen. Die aktuelle Tendenz scheint eher in Richtung sinkender Strompreise zu gehen.“ In der Studie nicht berücksichtigt habe man die potenzielle Klimaveränderung, die „durchaus Konsequenzen“ auf die zur Verfügung stehende Wassermenge und damit auf die geplante Stromproduktion haben könne.

Den sieben Sannagemeinden, die sich als Gesellschafter beim Kraftwerk beteiligen sollen, habe man schlichtweg „das Blaue vom Himmel versprochen“, stellte Pircher fest: „Die zugesagte Gewinnausschüttung wird nicht möglich sein. Die Gemeinden lassen sich auf ein riskantes finanzielles Abenteuer ein.“ Vielmehr werde der prognostizierte Cashflow nicht einmal ausreichen, um die Darlehen innerhalb eines angemessenen Finanzierungszeitraums zurückzahlen zu können.

„Die Studie ist ernst zu nehmen, da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, erklärte Landecks Bürgermeister Wolfgang Jörg am Dienstag. Die Stadt werde sich in einem erweiterten Gremium unter Beiziehung von Experten mit der Studie befassen. Bis wann sich Land­eck definitiv für oder gegen das Sannakraftwerk entscheidet, könne er derzeit nicht sagen. Voraussetzung für ein „Ja“ sei, dass noch viele offene Fragen positiv beantwortet werden müssten, stellte der Bürgermeister fest.

Auch der Grinner Dorfchef Thomas Lutz, zugleich Planungsverbandsobmann, hat die Studie bekommen: „Wir werden uns eingehend mit der Expertise beschäftigen und darüber beraten. Die Information wird offen und transparent sein.“

Beim Kraftwerksentwickler Infra ist die Studie vorige Woche ebenfalls eingetroffen, wie Projektleiter Hans Bayer gestern bestätigte. Eine inhaltliche Stellungnahme werde es zu einem späteren Zeitpunkt geben, kündigte Bayer an. Vorab ließ er dennoch durchblicken: Die Darstellung des schwer prognostizierbaren Strompreises sei nicht nachvollziehbar.