Letztes Update am Mi, 03.06.2015 10:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weltpolitik

Was hinter dem Bilderberg-Treffen steckt

In der kommenden Woche findet nicht nur der G7 Gipfel statt, sondern auch das Bilderberg-Treffen in Telfs. Was für die einen ein transatlantisches Dialogforum ist, sehen andere als heimliche Weltregierung.

Zum zweiten Mal findet nach 1988 im Interalpen-Hotel bei Telfs die Bilderberg Konferenz statt.

© APAZum zweiten Mal findet nach 1988 im Interalpen-Hotel bei Telfs die Bilderberg Konferenz statt.



Telfs – Eigentlich will sie ja nur „den Dialog zwischen Europa und Nordamerika fördern“, die Bilderberg-Gruppe, die sich in der kommenden Woche von Mittwoch bis Sonntag in Telfs trifft, doch für Verschwörungstheoretiker ist sie eine sinistre Weltregierung, die bei ihren alljährlichen Treffen die Weichen für die internationale Politik stellt.

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Genährt wird diese Kritik dadurch, dass von den Beratungen der über 100 Spitzenpolitiker und Wirtschaftskapitäne nichts nach außen dringt. Regierungschefs, Außenminister, Topmanager von multinationalen Unternehmen und Vertreter der „Hochfinanz“ gehören der Gruppe an, die angeblich sogar den Irak-Krieg abgesegnet haben soll. Das würden die Bilderberger natürlich vehement bestreiten, ihren Beitrag zur Entstehung der Gemeinschaftswährung Euro nicht. So berichtete der frühere Bilderberg-Vorsitzende Etienne Davignon im Jahr 2009 in einem Interview, dass bei den Treffen die Euro-Befürworter „erklären konnten, warum es das Risiko wert war, und die anderen, deren formelle Politik es war, nicht (an den Euro) zu glauben, (...) mussten mit richtigen Argumenten dagegenhalten“.

Geheimhaltung führt zu „offenem Meinungsaustausch“

Die strikte Geheimhaltung ist nach Angaben der Veranstalter das Um und Auf der Bilderberg-Treffen. Nur so sei es den Teilnehmern möglich, einen offenen Meinungsaustausch zu pflegen. Die „Bilderberg Meetings“ an sich sind nicht geheim, es gibt sogar eine offizielle Homepage. Darauf finden sich die Tagungsorte, Teilnehmerlisten und eine Aussendung zu den alljährlich besprochenen Themen. Bis in die 1990er Jahre soll es am Vorabend der Konferenz sogar eine Pressekonferenz gegeben haben, doch sei diese wegen „mangelndem Interesse“ abgeschafft worden.

Benannt sind die Treffen nach dem ersten Tagungsort, einem Hotel im niederländischen Oosterbeek. Dort versammelte der niederländische Prinz Bernhard im Jahr 1954 erstmals Politiker und Unternehmer, um vor dem Hintergrund des Kalten Krieges Spaltungstendenzen in der westlichen Hemisphäre entgegenzuwirken. Seitdem trifft sich die Gruppe jedes Jahr in einem anderen Land. Heuer eben in Tirol, wo bereits erhebliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen bzw. geplant wurden.

„Lenkungskomitee“, langjährige Teilnehmer und Neulinge

Heuer machen die „Bilderberger“ im Interalpen Hotel bei Telfs Station, wo sie bereits im Jahr 1988 tagten. Informationen zu den diesjährigen Teilnehmern gab es keine, „gesetzt“ sind die 34 Mitglieder des Lenkungskomitees, dem unter anderem der frühere EZB-Chef Jean-Claude Trichet, der frühere Weltbank-Direkter Robert Zoellick oder Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten angehören.

Andere langjährige Teilnehmer sind etwa der legendäre frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der schwedische Ex-Chefdiplomat Carl Bildt, die Monarchinnen Beatrix (Niederlande) und Sofia (Spanien), Novartis-Chef Daniel Vasella oder der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

Eine Besonderheit der Gruppe ist, dass sich ihre Zusammensetzung ständig ändert. Bei den Einladungen strebt das Lenkungskomitee nämlich eigenen Angaben zufolge danach, dass „höchstmögliche Diversität in Bezug auf den Hintergrund, die Ansichten, Generationen und Geschlecht“ erreicht werde. So fand sich auch schon der deutsche Grünen-Chef Jürgen Trittin oder der Bürgermeister von Atlanta, Reed Kasim, auf der Einladungsliste.

Gespür für politische Aufsteiger

Ein Blick auf die Teilnehmerlisten der vergangenen Jahre zeigt, dass die Veranstalter ein gutes Gespür für die Weltführer von morgen haben. Neben „Elder Statesmen“ wie Joschka Fischer, Hubert Vedrine oder Karel Schwarzenberg wurden nämlich immer wieder Oppositionspolitiker eingeladen, die wenig später Regierungschefs wurden. Etwa Margaret Thatcher (1977), Bill Clinton (1991), Tony Blair (1993), Alfred Gusenbauer (2002), Stephen Harper (2003), Angela Merkel (2005), Fredrik Reinfeldt (2006), Helle Thorning-Schmidt (2009), Erna Solberg (2011) oder Enrico Letta (2012).

Ob dereinst auch der aktuelle österreichische Oppositionsführer Heinz-Christian Strache eingeladen wird - und er eine Einladung annehmen würde? Beides erscheint fraglich, zumal er mit den Verschwörungstheorien rund um Bilderberg („Ist das eine Befehlsausgabe?“) sympathisiert. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hat wegen seiner dreimaligen Teilnahme (2009, 2010, 2012) scharfe Kritik von FPÖ und BZÖ einstecken müssen; er bleibt dem Telfer Treffen vom 10. bis 14. Juni fern.

Beim Bilderberg-Treffen im Vorjahr in Kopenhagen waren drei Österreicher („Standard“-Herausgeber Oscar Bronner, RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner und OeKB-Chef Rudolf Scholten) dabei. Weitere prominente österreichische „Bilderberger“ der vergangenen Jahre sind Bundespräsident Heinz Fischer, Altkanzler Franz Vranitzky (SPÖ), die Ex-Minister Hannes Androsch, Peter Jankowitsch (beide SPÖ) und Martin Bartenstein (ÖVP) sowie die Wirtschaftsführer Gertrude Tumpel-Gugerell (OeNB/EZB), Willibald Cernko (Bank Austria), Andreas Treichl (Erste Bank), Wolfgang Leitner (Andritz), Hans-Peter Haselsteiner (Strabag) und Brigitte Ederer (Siemens). (APA)