Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.12.2015


Interview

„Der Dialog macht den Unterschied“

Abdessatar Ben Mussa, Präsident der tunesischen Liga für Menschenrechte, nimmt morgen den Friedensnobelpreis entgegen.

© Paul LauerAbdessatar Ben Mussa, Präsident der tunesischen Liga für Menschenrechte, nimmt morgen den Friedensnobelpreis entgegen.



Das nationale Dialogquartett erhält am 10. Dezember den Friedensnobelpreis. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Abdessatar Ben Mussa: Der Nobelpreis ist eine große Ehre nicht nur für das Dialogquartett, sondern für die gesamte Zivilgesellschaft. Das ist ein Verdienst der Revolution und auch der tunesischen Frauenbewegung, die maßgeblichen Anteil an den Protesten hatte. Der Nobelpreis setzt auch ein positives Zeichen für unsere Freunde in Libyen und Syrien, die sich jeden Tag im Kampf selbst zerstören. Die Revolution hat uns gezeigt, dass Dialog in allen Phasen von Konflikten der einzig konstruktive Weg ist, während Waffen Zerstörung bringen.

Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen dem tunesischen Weg und jenem anderer arabischer Staaten?

Ben Mussa: Der Dialog macht den Unterschied. Wir haben hier aber auch andere Rahmenbedingungen. Der zivilgesellschaftliche Sektor ist sehr groß und wir haben starke, unabhängige Gewerkschaften. Das findet man sonst kaum wo in der arabischen Welt. Eine weitere Besonderheit ist der Dialog zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, besonders in Krisenzeiten. Der negative Eindruck der gewaltvollen Ereignisse in Kairo hatte einen positiven Einfluss auf das Resultat des tunesischen Dialogs. Dadurch konnten wir ein ägyptisches Szenario in Tunesien verhindern und auch einem Bürgerkrieg, wie in Libyen und in Syrien, entrinnen.

Wie erklären Sie die im arabischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Zahl junger Tunesier in den Reihen des so genannten Islamischen Staates?

Ben Mussa: Das ist eine große Katastrophe. Terrorismus ist aber kein tunesisches Phänomen, sondern genauso auch ein amerikanisches und französisches. Terrorismus lebt in der Armut. Soziale Bedürftigkeit produziert Terroristen. Deshalb fokussieren wir uns als Vertreter der Zivilgesellschaft auf ökonomische und soziale Rechte, denn die Auseinandersetzung damit stand am Anfang der Revolution. Wir müssen uns auf die Zahl der Arbeitslosen konzentrieren und versuchen, diese zu verringern. Es geht um Würde und Arbeit. Die Revolution und der demokratische Übergangsprozess bleiben in Gefahr, solange es nicht auch tiefgreifende ökonomische Veränderungen gibt. Diese sind bislang leider ausgeblieben.

Die Kaufkraft etwa war 2010 viel stärker als heute. Es liegt an der Regierung, Lösungen zu finden, aber sie kann das nicht alleine schaffen. Die tunesische Wirtschaft sollte durch europäische und arabische Investitionen wieder in Schwung gebracht werden. Ohne Investitionen wird die tunesische Demokratie fragil bleiben.

Was bedeutet Frieden für Sie?

Ben Mussa: Frieden ist, wo es keine Diskriminierung, keinen Rassismus und keine Diktatur gibt. Wir sollten nicht in Nationen denken, sondern uns als Teile einer menschlichen Nation sehen. Frieden und Waffen stehen im Widerspruch zueinander. Es gibt Orte auf der Welt, denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit schenken sollten. Zum Beispiel Palästina. Es wäre in unser aller Interesse, diesen Konflikt zu lösen, denn das würde den Extremisten viele ihrer Argumente nehmen.

Das Gespräch führte Adham Hamed