Letztes Update am Do, 10.12.2015 17:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nobelpreis 2015

Friedensnobelpreis an tunesisches Dialog-Quartett verliehen

Tunesien gilt als Musterland des Arabischen Frühlings. Für ihr Bemühen um Demokratie haben vier tunesische Organisationen den Friedensnobelpreis bekommen. Doch nach der Vergabe im Oktober hat sich die Situation in dem nordafrikanischen Land verschlechtert.

Houcine Abassi, Mohamed Fadhel Mahfoudh, Ben Moussa und Wided Bouchamaoui (v.l.) nahmen den Friedensnobelpreis in Oslo entgegen.

© AFP/Odd AndersenHoucine Abassi, Mohamed Fadhel Mahfoudh, Ben Moussa und Wided Bouchamaoui (v.l.) nahmen den Friedensnobelpreis in Oslo entgegen.



Oslo – Das tunesische Quartett für den nationalen Dialog hat am Donnerstag in Norwegens Hauptstadt Oslo den Friedensnobelpreis entgegengenommen. Der Verbund aus vier Organisationen - Gewerkschaftsverband, Arbeitgeberverband, Menschenrechtsliga und Anwaltskammer - wurde für seinen gemeinsamen Einsatz für Demokratie in dem nordafrikanischen Land geehrt. Das Quartett war nach großen sozialen Unruhen im Sommer 2013 gegründet worden und hatte einen friedlichen politischen Prozess in Gang gebracht.

„Im Sommer 2013 stand Tunesien am Rand eines Bürgerkriegs“, sagte Jurychefin Kaci Kullmann Five bei der Verleihung im Rathaus. „Das resolute Eingreifen des Quartetts hat dazu beigetragen, die Spirale der Gewalt zu stoppen und die Entwicklung in eine friedliche Spur zu bringen.“ Ihre Vielfalt habe den Organisationen ermöglicht, die treibende Kraft hinter der Demokratisierung des Landes zu werden.

Rückschläge nach Terroranschlägen

Der norwegische Außenminister Børge Brende sagte: „Ich hoffe, dass das, was man in Tunesien geschafft hat, andere Länder im Mittleren Osten inspiriert, die sich weiter entwickeln wollen.“ Regierungschefin Erna Solberg sagte: „Vielleicht mobilisiert das einen Teil der stummen Kräfte, die sich heute nicht engagieren wollen, weil die Konflikte so scharf sind.“

Doch seit der Zuerkennung Mitte Oktober hat der Friedensprozess in Tunesien nicht zuletzt durch Terroranschläge Rückschläge erlitten. Ein Selbstmordangriff auf die Präsidentengarde führte Ende November dazu, dass der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Tunesien kämpft zudem mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Wegen eines seit Wochen schwelenden Tarifkonflikts reisten die tunesischen Gewerkschafter und der Arbeitgeberverband sogar zerstritten zur Nobelpreisverleihung an.

„Wir werden weiter für unser Land arbeiten“

Dieser Herausforderungen sei sich die Jury bewusst, sagte Kullmann Five. Aber: „Wir hoffen, dass der Friedensnobelpreis dazu beiträgt, dass es keine Rückkehr zu dem Tunesien gibt, das vor der Demokratisierung existiert hat.“ Die internationale Gemeinschaft trage einen Teil der Verantwortung und müsse in Tunesien investieren.

„Wir werden weiter für unser Land arbeiten und auf Dialog und Konsens als einen Weg setzen, um Schwierigkeiten zu überwinden“, schlossen die Preisträger ihre Rede.

2014 hatten sich die Kinderrechts-Aktivisten Malala Yousafzai aus Pakistan und Kailash Satyarthi aus Indien den Friedensnobelpreis geteilt. Die damals erst 17-jährige Yousafzai ist die jüngste Preisträgerin aller Zeiten.

Auch weitere Nobelpreise an Preisträger verliehen

Auch die diesjährigen Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie sind in der schwedischen Hauptstadt Stockholm verliehen worden. Die Preisträger nahmen die Auszeichnungen am Donnerstag aus den Händen von Schwedens König Carl XVI. Gustaf entgegen.

Mit dem Medizin-Nobelpreis wurde auch eine Frau bedacht: Die chinesische Parasitenforscherin Youyou Tu nahm die Auszeichnung gemeinsam mit Satoshi Omura aus Japan und dem gebürtigen Iren William Campbell in Empfang. Sie haben Wirkstoffe entdeckt, die Millionen vor dem Tod durch Tropenkrankheiten wie Malaria bewahrt haben.

In der Physik wurden die Teilchenforscher Takaaki Kajita aus Japan und Arthur McDonald aus Kanada geehrt. Sie haben gezeigt, dass Neutrinos - winzige Teilchen, die etwa bei Kernreaktionen in der Sonne entstehen - Masse haben. Wissenschafter waren lange vom Gegenteil ausgegangen.

Den Chemie-Nobelpreis überreichte der schwedische König an drei Erbgut-Forscher: den Schweden Tomas Lindahl, Paul Modrich aus den USA und den türkisch-amerikanischen Wissenschafter Aziz Sancar. Indem sie lebenswichtige Reparatur-Sets für Erbgutschäden enträtselt haben, lieferten sie Erkenntnisse etwa für die Suche nach Krebsmedikamenten.

Auch die Nobelpreise für Literatur und Wirtschaftswissenschaft sollten am Donnerstagnachmittag in Stockholm verliehen werden. Auf den Festakt sollte am Abend ein feierliches Bankett folgen, an dem auch die schwedische Königsfamilie traditionell teilnimmt. (APA/dpa)


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