Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.12.2015


Weltpolitik

Heiß-kalte Dusche beim Weltklimagipfel in Paris

Positive Signale wechselten sich gestern mit Botschaften über beharrliche Bremser ab. Der Klimagipfel in Paris, der heute enden sollte, wird wohl in die Verlängerung gehen.

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© EPA



Von Gabriele Starck

Paris – Schlaf – derzeit ein Fremdwort für Minister und Delegierte in Paris. Eigentlich sollte der 21. Weltklimagipfel in Paris ja heute zu Ende gehen. Doch kaum jemand zweifelte gestern daran, dass die Verhandlungen in die Verlängerung gehen werden.

Bis 4 Uhr bzw. 6 Uhr Früh hatten gestern zwei Gruppen diskutiert und um jede Formulierung für ein globales und verbindliches Klimaschutzabkommen gerungen. Denn: „Jedes Wort wird Konsequenzen für die Zukunft haben“, betonte Österreichs Umweltminister Andrä Rupprechter, der über Nacht für die EU an der Verhandlungsgruppe über die Anpassungsstrategien teilnahm.

Ein Knackpunkt ist nach wie vor, wie das große Klimaschutz-Ziel formuliert wird, heißt es aus Paris. Soll die globale Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit auf „unter zwei Grad“, auf „deutlich unter zwei Grad“ oder auf „1,5 Grad“ bzw. sogar „unter 1,5 Grad“ beschränkt werden? 1,5 Grad wäre laut Experten notwendig, um die Klimawandelfolgen halbwegs im Zaum zu halten.

Der nächste damit verbundene Streitpunkt: Die im Vorfeld der COP21 bereits auf den Tisch gelegten Ziele der Staaten würden gerade einmal für eine Beschränkung der Erwärmung auf 2,7 Grad reichen. Deshalb will das Gastgeberland Frankreich – unterstützt von der EU – die Ziele alle fünf Jahre nachbessern lassen. Dagegen sträubt sich China vehement. Viele andere Regierungen jedoch sprächen sich dafür aus, berichtet der Glaziologe Georg Kaser von der Uni Innsbruck, der vor Ort in Paris ist.

„Natürlich laufen auch unter den Experten die Diskussionen darüber, ob all diese Ziele überhaupt erreichbar sind“, sagt Kaser. Oder dass sie vielleicht gar nicht ausreichen. Vielen Verhandlern scheine nicht bewusst zu sein, dass die Klimaerwärmung schon jetzt unwiderrufliche Veränderungen initiiert habe, die nicht mehr zu stoppen seien – im Gegenteil, dass diese sich noch verstärken würden.

Etwas kurios: Inzwischen werde zwar immer mehr Geld für die Unterstützung von Entwicklungsländern zugesagt, aber wie die Zuteilung im Abkommen genannt werden soll, darüber stritt man gestern nach wie vor. Der Hintergrund: Die OECD-Länder wollen vermeiden, dass die Formulierung einer Schuldzuweisung gleichkommt. Unklar ist auch noch, wie man die Geldempfänger zu Zahlern macht, sobald sie den Status eines Entwicklungslands los sind.

Die österreichische Delegation wiederum beunruhigte gestern, dass nur 50 der 190 Staaten vorhaben sollen, ein Abkommen auch tatsächlich zu ratifizieren. „Auch wenn die größten Staaten bei den 50 dabei sind: Wir wollen ein globales Abkommen“, betont Rupprechter.

Gestern am Abend legte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius einen neuen Entwurf für das angestrebte Abkommen vor, in der Nacht sollte dann weiter diskutiert werden. Aber selbst wenn sich der Gipfel ins Wochenende hineinzieht: „Nach Paris fängt die Arbeit erst richtig an“, meint Rupprechter. „Ein Abkommen mag zwar das Ende des Klimagipfels sein, aber es ist zugleich der Startpunkt für dessen Umsetzung.“