Letztes Update am Sa, 12.11.2016 09:48

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


US-Wahl 2016

Nach Sieg von Trump: Die nackte Angst der „Illegalen“

Nach dem Trump-Sieg fürchten viele illegale Einwanderer um ihr Leben in den USA.

Mexikaner sprechen an der Grenze durch einen Zaun mit ihren Angehörigen in den USA.

© APA/AFP/GUILLERMO ARIASMexikaner sprechen an der Grenze durch einen Zaun mit ihren Angehörigen in den USA.



Von Javier Tovar und Said Betanzos/AFP

Los Angeles/Tijuana/Washington – Seit dem Wahlsieg von Donald Trump grassiert unter den Menschen ohne Papiere die nackte Angst. Viele „Illegale“ in den USA befürchten, dass es Razzien an ihren Arbeitsplätzen oder Wohnorten geben wird. Und dass sie schon bald abgeschoben werden könnten – oder dass es zumindest für sie nun wesentlich schwieriger werden dürfte, jemals einen legalen Status zu erlangen.

„Wir sind sehr besorgt, weil wir nicht wissen, was passieren wird“, sagt Libertad Sanchez, eine aus Ecuador stammende und in New York lebende Friseurin. Die 50-Jährige kam als Teenagerin in die USA, ein Aufenthaltsrecht hat sie bis heute nicht.

Angst vor Abschiebung

Elf Millionen „Illegale“ leben Schätzungen zufolge in den USA. Viele von ihnen tragen durch ihre Plackerei in meist schlecht bezahlten Jobs zum Funktionieren der US-Wirtschaft bei. Sie arbeiten als Tellerwäscher, Gärtner oder Kindermädchen, auf dem Bau, am Fließband, viele von ihnen zahlen auch Einkommensteuer.

Doch Trump hat die überwiegend aus Lateinamerika stammenden „Illegalen“ pauschal als Kriminelle beschimpft und die Abschiebung von Millionen von Menschen sowie den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko angekündigt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Zwar gab es bereits unter dem scheidenden Präsidenten Barack Obama massenhafte Abschiebungen – 2,5 Millionen Menschen wurden zwischen 2009 und 2015 über die Grenzen außer Landes gebracht. Doch Obama betrieb zugleich eine Einwanderungsreform, die Millionen von Menschen zu einem dauerhaften Aufenthaltsrecht verhelfen sollte. Das Projekt wurde aber von den Republikanern im Kongress und zuletzt auch vom Obersten Gericht abgeblockt.

Wenn Trump nun mit seinen Wahlkampfparolen ernst macht, wird die Zahl der Abschiebungen nochmals drastisch zunehmen. Selbst seit vielen Jahren im Land lebende Einwanderer, die einst als Kinder illegal die Grenze überquerten, bangen um ihr Leben in den USA.

„Es ist, als ob ich keine Heimat hätte. Ich bin eine Fremde in dem einzigen Land, das ich kenne“, sagt die 21-jährige Samantha Yanez, die Trumps Wahlsieg nach eigener Schilderung um den Schlaf bringt. Die Mexikanerin kam als Sechsjährige illegal über die Grenze.

Abschreckende Wirkung

Bisher wird sie noch durch ein Dekret Obamas zu als Kindern eingewanderten „Illegalen“ vor der Ausweisung geschützt. Doch Trump hat dieses Programm kritisiert und könnte es kippen. „Ich fühle Wut, Traurigkeit, ich fühle mich vom amerikanischen Traum verraten“, sagt Yanez.

Trumps Ankündigungen jagen nicht nur im Land lebenden „Illegalen“ die Furcht in die Knochen. Sie zeigen auch bereits eine abschreckende Wirkung jenseits der Landesgrenzen. Bernardino aus Honduras und Samuel aus El Salvador erzählen in einer Suppenküche im mexikanischen Tijuana, dass sie wegen Trump ihren Plan aufgegeben hätten, über die nahe Grenze zu schlüpfen.

Denn sie fürchten, sollten sie von der US-Grenzpolizei aufgegriffen werden, negative Folgen für ihre in den USA lebenden Angehörigen. „Wenn sie mich aufhalten, dann könnte meine drüben lebende Familie nach einer Weile Probleme bekommen“, sagt der 18-jährige Samuel.

In den USA gibt es allerdings auch manche „Illegale“, die darauf setzen, dass Trump es mit seinen Wahlkampfparolen nicht wirklich ernst meint. „Wer sind denn die, die auf den Feldern ernten, die in den Restaurants die Teller waschen? Was wäre dieser Ort ohne uns?“, sagt der Mexikaner Jose Alejo, der sich als Tagelöhner in Kalifornien durchschlägt.

Der 47-Jährige denkt, dass Trump als Unternehmer sehr wohl um die Bedeutung der „Illegalen“ wisse: Denn nur mit ihnen könne der künftige Präsident seine Versprechungen vom wirtschaftlichen Aufschwung erfüllen. Trump „braucht uns“, ist sich der seit mehr als 20 Jahren im Land lebende Alejo sicher.