Letztes Update am Fr, 02.12.2016 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


US-Wahlen 2016

„Trump hat eigentlich kein Interesse an diesem Job“

Yussi Pick war als Berater für Hillary Clinton tätig. Im TT-Interview spricht er über die Fehler der Clinton-Kampagne und die Rolle, die Donald Trump nun als Präsident einnehmen wird.

© REUTERS US-Präsident Donald Trump.



Der Wahlkampf in den USA wurde als historisch und einzigartig beschrieben. War er das?

Yussi Pick: Ja, das war er auf jeden Fall. Auf unterschiedlichen Ebenen. Einerseits was die Kandidaten und Kandidatinnen angeht. Hillary Clinton aufgrund ihrer Erfahrung, ihrer Rolle und ihres Geschlechts. Donald Trump, weil er noch nie eine gewählte Position innehatte. Zudem hatte er im Wahlkampf einen Stil und eine Persönlichkeit, die nicht wiederholbar sind.

Was die Wahlkampfstrategien angeht, gab es einen riesigen Wachstumsschub 2008 mit Barack Obama. Einen weiteren 2012. Jetzt so etwas wie eine Normalisierung, und trotzdem eine Weiterentwicklung. Wenn 2008 der erste Social-Media-Wahlkampf war und 2012 der „Big-Data-Wahlkampf“, dann war es 2016 auf beiden Seiten der integrierteste Wahlkampf. Zum ersten Mal wurde Online-Kommunikation bewusst und vielfältig eingesetzt, beide Kandidaten haben eigene Inhalte produziert. Hillary Clinton hatte ein eigenes Fernsehstudio. Donald Trump hat am Schluss Facebook-Live-Sendungen produziert. Diese „Newsroomisierung“ war sicherlich die Innovation. Dann gab es weitere Punkte, in denen die Strategie von Obama verfeinert wurde.

Haben Kandidaten damit verstärkt traditionelle Medien umgangen?

Pick: „Umgehen“ ist das falsche Wort. Es ist einfach eine neue Medienlandschaft, in der sich Menschen aussuchen können, wo sie Informationen her bekommen. Und dementsprechend müssen Kampagnen auch Informationen anbieten. Umso mehr liegt es auch an den Konsumenten zu filtern, was guter und was schlechter Inhalt ist. Daran scheitert es oft. Vor 20 bis 30 Jahren erreichte man die meisten Menschen mit den Abendnachrichten. Das ist heute sicher nicht mehr der Fall.

Sie waren als Berater der Kampagne von Hillary Clinton in den entscheidenden Wochen vor der Wahl in den USA. Das Ergebnis hat fast alle überrascht. Wie haben Sie das erlebt?

Pick: Das Ergebnis hat uns tatsächlich auch in der Kampagne überrascht. Am Wahltag selbst bin ich viel hin- und hergelaufen. Irgendwann kamen die ersten Ergebnisse herein. Da dachte man noch, das sind nur Nachwahlbefragungen und noch keine relevanten Zahlen. Um 21 Uhr etwa dachte ich mir, dass doch mehr Jubelschreie hätten sein sollen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass die Stimmung doch gekippt war und es doch knapper wird als erwartet. Bis es endgültig realisiert war, dauerte es bis spät in die Nacht. Erst um 3 Uhr war klar – jetzt ist es endgültig gegessen.

Hillary Clinton hat trotz großer Erfahrung und Dauer-Führung in den Umfragen letztlich den Kürzeren gezogen. Was hat sie falsch gemacht?

Pick: Es ist wie bei einem Flugzeugabsturz. Es geht nicht eine Sache schief, sondern ein paar Kleinigkeiten sehr schief. Hillary Clinton bekam landesweit fast zwei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump, gleichzeitig war das Ergebnis in den entscheidenden Staaten sehr knapp. Daraus kann man unterschiedliche Analysen treffen. Die Kampagne hat auf Basis von schlechten Umfragezahlen eine zu aggressive Expansionsstrategie gefahren und hätte sich mehr auf die Swing States konzentrieren sollen. In Wisconsin etwa wurde die Wahl um 28.000 Stimmen verloren. Die Universität Wisconsin hat 40.000 Studierende. Dort gab es keine einzige Veranstaltung. Dementsprechend hätte man diesen Staat mit etwas mehr Aufwand wohl leicht gewinnen können. Michigan ähnlich. Pennsylvania wäre schwieriger gewesen, wäre aber wohl auch gegangen.

Auch der Brief des FBI-Direktors so kurz vor der Wahl hat dazu beigetragen, Wähler vom Urnengang abzuhalten. Es gibt viele Erklärungsmuster für die Niederlage, alle davon stimmen ein bisschen. Den großen Fehler gibt es nicht.

Die Niederlage Hillary Clintons ist also nicht nur dem ungewöhnlichen Gegenkandidaten Trump geschuldet, sondern auch eigenen Fehlern.

Pick: Ja. Auf Basis von falschen Zahlen wurden falsche Entscheidungen getroffen – rückblickend betrachtet. Bei Trump gilt allerdings auch, was bei allen Rechtspopulisten bzw. Rechtsextremen gilt: Diese Regeln gelten nur für sie. Wenn ein anderer republikanischer Kandidat versucht, das Wahlkampfrezept von Donald Trump zu kopieren, wird das nicht funktionieren. Genauso wie es in Österreich als ÖVP oder SPÖ nicht möglich ist, die Strategie der FPÖ zu kopieren.

Kommen wir zum Präsidenten Trump. Im Wahlkampf hat Donald Trump einiges angekündigt. Nun rätselt die Welt, was er davon umsetzen wird. Wie wird sich Präsident Trump vom Wahlkämpfer Trump unterscheiden?

Pick: Bis jetzt sieht man, dass sie sich nicht besonders unterscheiden. Im Gegenteil. Alle Befürchtungen scheinen wahr zu werden. Man kann ihn extrem leicht ablenken und reizen. Nun hat er wieder einen Tweet-Storm losgelassen. Der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten behauptet darin, Millionen Stimmen seien gefälscht worden. Nur, weil die Clinton-Kampagne Anwälte zu der von den Grünen verlangten Nachzählung schickt, um sicherzugehen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Einerseits also dieses erratische Verhalten.

Andererseits seine Faulheit und seine Unfähigkeit, zu fokussieren. So hat er angekündigt, nur wenig Zeit in Washington, DC, zu verbringen und jedes Wochenende nach New York zu fliegen. Was auch Unmengen an Geld kosten und dort den Verkehr lahmlegen wird.

Die Tatsache, dass sein Transitions-Team sich noch nicht mit dem Pentagon getroffen hat. Dass er keine Sicherheits-Briefings annimmt. An all diesen Dingen merkt man: Er hat eigentlich kein Interesse an diesem Job.

Kann man das tatsächlich als Faulheit bezeichnen?

Pick: Ich denke schon. Er hat definitiv Interesse am Siegen. Aber an den Mühen der Ebene nicht. Durch sein Desinteresse und seine rechtsradikale Plattform fühlen sich die extremsten Flügel der Republikaner bestärkt. Dieses Inhaltsvakuum wird einerseits ausgefüllt durch rechtsextreme Berater wie Steve Bannon und andererseits durch die Tea Party. Diese war eigentlich kein Fan von Trump, wird aber jetzt dieses Inhaltsvakuum wohl ausnützen, um etwa die Privatisierung der Altersvorsorge voranzutreiben, oder die Privatisierung des öffentlichen Schulsystems. Genauso wie eine radikale Neubesetzung des Supreme Court.

Was Menschen zudem vom Präsidenten mitbekommen ist die Tonart des täglichen Diskurses. Und hier merkt man das erratische Verhalten von Trump besonders stark im Kontrast zu Barack Obama. Der Diskurs ist rauer geworden. Das sieht man bei Übergriffen, die schon stattgefunden haben. Wenn sich der Präsident so verhält, glauben Menschen, sich auch so verhalten zu können.

Zu den wichtigsten Wahlkampfversprechen Trumps zählen die Rücknahme der Gesundheitsreform Obamacare und der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Was wird er davon umsetzen?

Zur Person: Yussi Pick ist Wahlkampfexperte bei „Pick & Barth Digital Strategies“ in Wien. Für die Kampagne von Hillary Clinton war er als Digitalberater tätig.
- Florian Albert

Pick: Das faszinierende ist: Ich glaube nicht dass es eine Rolle spielt, was er davon umsetzt. Er wird trotzdem behaupten, Dinge getan zu haben. Das tut er schon jetzt, wenn er behauptet, mit einem Firmenboss gesprochen und ihn überzeugt zu haben, seine Fabrik in den USA zu behalten. Was zum Teil nicht wahr ist und zum Teil diese Entscheidung schon lange getroffen wurde.

Vielleicht wird er ein Stück Zaun bauen. Bereits jetzt steht stellenweise ja bereits ein recht heftiger Grenzzaun. Ich kann mir gut vorstellen, dass er behaupten wird, dass das auf seine Initiative hin passiert ist. Auch die Arbeitslosenzahlen sind nicht so schlimm, wie Trump sie darstellt. Auch hier wird er sich vielleicht den Erfolg von Barack Obama auf die Kappe schreiben.

Man wird unterscheiden müssen zwischen dem, was er tut, und dem, was er behaupten wird getan zu haben. In vielen Bereichen wird er Kleinigkeiten umsetzen. Bei Obamacare etwa rudert er zurück. Weil sonst 20 Millionen Menschen versicherungslos wären.

Beide Kandidaten, jedoch deutlich stärker Donald Trump, sind im Wahlkampf mit Unwahrheiten aufgefallen…

Pick: Warum sagen Sie „beide Kandidaten“?

„Fact-Checker“ haben beide Kandidaten Unwahrheiten überführt. Donald Trump jedoch in weitaus höherem Ausmaß.

Pick: Genau. Das ist eine immense Schwierigkeit und wohl ein Grund, warum Trump gewonnen hat. Weil Medien immer Äquivalente zeigen. Aber Sie hatten eine Frage.

Richtig. Gerade Donald Trump ist im Wahlkampf mit Unwahrheiten und teilweise glatten Lügen aufgefallen. Nun ist immer wieder von einem Zeitalter die Rede, in dem Fakten nicht mehr zählen. Können Politiker im Wahlkampf jetzt alles behaupten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen?

Pick: Hier gilt wieder die Regel: Für Rechtspopulisten gelten die Regeln nicht. Ich glaube, für keinen anderen Kandidaten wäre es möglich gewesen, so viele Unwahrheiten zu verbreiten. Die Medienwelt, in der sich die Leser aussuchen können, ob sie die Informationen direkt von der Quelle beziehen oder durch Medien, wo Journalisten Fakten prüfen, führt auch dazu, dass diese Filterlast beim Konsumenten selbst liegt. Die Tatsache, dass viele Menschen diese Medienkompetenz noch nicht haben, nützen rechte Politiker momentan aus.

Auch in Österreich haben wir derzeit einen sehr langen Wahlkampf hinter uns. Auch hier stehen in der Stichwahl zwei Kandidaten auf dem Wahlzettel. Sehen Sie Parallelen bei den beiden Kampagnen?

Pick: Sehr viele sogar. Eines ist das postfaktische, was Sie angesprochen haben. Auch um Norbert Hofer kursieren Mythen, er verbreitet sie auch. Seien das die Kosten von einem Flüchtling oder Van der Bellens Gesundheitsgeschichte. Eine andere Parallele ist, dass auf der einen Seite ein extremer Kandidat ist wie Norbert Hofer, auf der anderen Seite ein relativ moderater bis progressiver Kandidat wie Alexander Van der Bellen. Wie bei Hillary Clinton kann sich eine relevante Gruppe der Konservativen, die nichts mit Hofer bzw. Trump zu tun haben wollen, nicht dazu durchringen, das „kleinere Übel“ zu wählen. Drittens ist es, wie in den USA, auch hier eine Frage zwischen Stadt und Land – und zwar immer polarisierter. Schlussendlich mussten sowohl Van der Bellen als auch Hillary Clinton eine weitaus breitere Koalition zusammenhalten und mobilisieren.

Auch im Slogan sieht man eine Parallele. Clinton hatte „Stronger Together“. Van der Bellen hat „Wir alle zusammen“. Irgendwer hat sich wohl bei irgendwem was abgeschaut. (lacht)

Das Interview führte Matthias Sauermann