Letztes Update am Di, 06.06.2017 11:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eskalation am Golf

Katar will sich mit Kuwaits Hilfe aus der Isolation befreien

Nach dem Bruch Saudi-Arabiens und weiterer arabischer Staaten mit Katar ruhen die Hoffnungen des Emirats auf Kuwaits Scheich Al-Sabah, der zu Gesprächen nach Riad reist. Die Eskalation am Golf hat auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Die Hoffnungen von Katars Emir Al-Thani (Mitte) ruhen auf Kuwaits Scheich Sabah al-Salim al-Sabah (l.). Dieser ist um Vermittlung in der Krise bemüht.

© AFPDie Hoffnungen von Katars Emir Al-Thani (Mitte) ruhen auf Kuwaits Scheich Sabah al-Salim al-Sabah (l.). Dieser ist um Vermittlung in der Krise bemüht.



Washington/Riad - Katar will sich mit Hilfe Kuwaits aus seiner diplomatischen und wirtschaftlichen Isolation in der Golf-Region befreien. Nachdem mehrere arabische Staaten unter Führung Saudi-Arabiens Sanktionen wegen angeblicher Terror-Unterstützung verhängt hatten, erklärte Katars Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al-Thani am Dienstag, sein Land sei bereit zur Beilegung der Krise mit Hilfe der Vermittlung Kuwaits.

Katar „glaubt, solche Differenzen zwischen Schwester-Staaten müssen durch Dialog gelöst werden“, sagte er dem Sender Al-Jazeera. Der wirtschaftliche Druck auf den Golfstaat nimmt unterdessen zu: Die Kurse der Staatsanleihen fielen, die Börse verzeichnete ein weiteres Minus, Qatar Airways schränkte seinen Flugplan ein, internationale Handelspartner sind besorgt.

Auch US-Regierung in Vermittlerrolle

Kuwaits Herrscher Scheich Tamin bin Hamad al-Thani wird nach Aussage von Insidern aus der Golfregion noch am Dienstag nach Saudi-Arabien reisen, um mit dem saudischen König die Krise zu erörtern. Als Zeichen des guten Willens verzichtete Katar zunächst auf Gegenmaßnahmen. Auf die Sanktionen werde nicht reagiert, sagte der Außenminister. Zudem hat nach seinen Worten Katars Herrscher in einem Telefonat mit dem kuwaitischen Regierungschef zugesagt, ein Ansprache an die Bevölkerung seines Landes zu verschieben.

Auch die US-Regierung will sich um Entspannung in der seit Jahren schwersten diplomatischen Krise in der Region bemühen. Präsident Donald Trump werde mit allen Beteiligten sprechen, um die Situation zu beruhigen, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses am Montag. Auch Russland und die Türkei riefen zu einer raschen Lösung der Krise auf.

Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain hatten am Montag ihre diplomatischen Verbindungen zu Katar abgebrochen und alle Verkehrsverbindungen nach Katar gesperrt. Bürger aus dem Land haben zwei Wochen Zeit, die drei anderen Golfstaaten zu verlassen. Das Bündnis wirft Katar vor, Islamisten und den Erzfeind Iran zu unterstützen, was die Regierung in Doha umgehend zurückwies. Jemen, die Regierung in Ost-Libyen und die Malediven schlossen sich der Staatengruppe um Saudi-Arabien an.

Vereinigte Arabische Emirate: Jahre der Provokation

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verteidigten den Abbruch der diplomatischen Kontakte. Die Entscheidung sei nach Jahren der Provokation und nach Jahren der Beratung und Geduld gefällt worden, erklärte der emiratische Außenminister Anwar Karkasch am Montagabend im Kurznachrichtendienst Twitter.

Es gehe um die Ablehnung einer Politik, die die Sicherheit und Stabilität der Region untergrabe. Der Konflikt könne nur gelöst werden, wenn sich die provozierende und schädigende Politik Katars ändere.

Kurseinbrüche auch in EU, Qatar Airways in Turbulenzen

Weltweit wurden Anleger von der Krise in der wegen ihres Ölreichtums für die Weltwirtschaft bedeutenden Golf-Region unvorbereitet getroffen. Die Kurse an europäischen Aktienbörsen gaben nach, während gleichzeitig der Preis für das als krisensicher geltende Gold stieg. Öl-Anleger fürchten nach Experten-Einschätzung, dass die Spannungen die Bemühungen des Förderkartells OPEC untergraben, die Produktionsmenge zu begrenzen und das weltweite Überangebot einzudämmen. In Katar gab der Riyal gegenüber dem Dollar nach. Die Börse in Doha verzeichnete ein leichtes Minus, nachdem die Kurse am Montag deutlich gefallen waren. Mehrere arabische Banken schränkten ihren Geschäftsverkehr mit katarischen Instituten ein.

In Saudi Arabien entzogen die Behörden Qatar Airways am Dienstag die Lizenz. Bereits am Montag hatte das Staatenbündnis Überflugverbote gegen die Airline sowie anderen katarischen Flugzeugen ausgesprochen. Es wird mit erheblichen Störungen im Flugplan gerechnet. Am Hamad-Flughafen in Katar wurden allein im ersten Quartal 2017 knapp zehn Millionen Passagiere abgefertigt. Qatar Airways ist an der Iberia- und British-Airways-Mutter IAG beteiligt.

Die weltweit operierende Fluggesellschaft Qatar Airways gerät durch das diplomatische Zerwürfnis am Golf in schwere Turbulenzen.
Die weltweit operierende Fluggesellschaft Qatar Airways gerät durch das diplomatische Zerwürfnis am Golf in schwere Turbulenzen.
- AFP

Auch in Deutschland wird aufmerksam auf den Machtkampf am Golf geschaut, vor allem aus wirtschaftlichen Gründe. Denn das Emirat ist mit Doha nicht nur ein Drehkreuz für den internationalen Flugverkehr, sondern auch strategischer Investor in Flaggschiffunternehmen wie VW und bei der Deutschen Bank.

Ruf als Vermittler eilt kuwaitischem Emir voraus

Die Hoffnungen der Regierung in Doha ruhen nun auf den kuwaitischen Scheich Sabah Al-Ahmad Al Jaber al-Saba. Der Emir hat Jahrzehnte lang als Diplomat gearbeitet und sich einen Ruf als Vermittler in verschiedenen regionalen Konflikten erworben. Vergangene Woche, als es erste Anzeichen für die Krise gab, hatte er den katarischen Herrscher empfangen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rief die Kontrahenten zur Zurückhaltung auf. Die Spannungen müssten rasch verringert werden, forderte er nach Angaben aus Präsidialamtskreisen vom Dienstag in Telefonaten mit den Staats- und Regierungschefs von Katar, Russland, Kuwait und Saudi-Arabien. Bereits am Montag hatten die Großmächte zur friedlichen Beilegung der Krise appelliert.

Die griechische Botschaft in Doha wird ab sofort die Interessen Ägyptens in Katar vertreten. Einer entsprechenden Anfrage Ägyptens habe Athen zugestimmt, sagte ein Sprecher des griechischen Außenministeriums am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. (TT.com, APA/Reuters)


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