Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.08.2017


Social Bots

Soziale Roboter: Maschine an Mensch

Wie künstliche Profile eingesetzt werden, um Diskussionen in sozialen Netzwerken zu beeinflussen. Und welche Gefahr davon ausgeht.

In sozialen Netwerken tummeln sich nicht nur Menschen. Immer mehr Inhalte und Kommentare werden künstlich erzeugt.

© iStockphotoIn sozialen Netwerken tummeln sich nicht nur Menschen. Immer mehr Inhalte und Kommentare werden künstlich erzeugt.



Von Matthias Sauermann

Innsbruck, München — „Ich unterstütze Präsident Donald Trump und unsere Truppen", kommentiert ein User unter einem kritischen Artikel der New York Times. Binnen Kurzem erhält er etliche Likes — und schießt an die Spitze der angezeigten Kommentare. Die große Mehrzahl der Kommentare, die Trump kritisieren, rutscht nach unten. Facebooks Algorithmus belohnt, wenn viele Nutzer auf einen Beitrag reagieren. Aber was, wenn die vielen „Gefällt mir"-Angaben nicht von Menschen stammen, sondern von Maschinen — oder gar der Beitrag selbst?

„Die Gefahr liegt in der Radikalisierung, weniger in der Manipulation", sagt Jürgen Pfeffer (Sozialwissenschafter).
„Die Gefahr liegt in der Radikalisierung, weniger in der Manipulation", sagt Jürgen Pfeffer (Sozialwissenschafter).
- TUM

So genannte Social Bots sind immer öfter Thema in Wissenschaft und Medienwelt. Dass durch Programme Meinungen gesteuert werden könnten, lässt die Alarmglocken schrillen. Speziell vor den Parlamentswahlen in Deutschland und Österreich. Die Zahlen schrecken tatsächlich auf: So stammten im US-Präsidentschaftswahlkampf fast 20 Prozent der Tweets von Social Bots. 30 bis 35 Millionen Facebook-Accounts könnten Schätzungen zufolge künstlich sein, jede fünfte Aktivität auf Twitter automatisiert.

Der Mechanismus dahinter ist simpel. Um einen Bot zu programmieren, müsse man kein Informatiker sein, erläutert Jürgen Pfeffer von der Hochschule für Politik München: „Das sind nicht mehr als zehn Zeilen Code." Die Mittel, solche Tools zu benützen, stehen also jedem zur Verfügung: von Parteien über andere Interessengruppen bis hin zu ausländischen Akteuren, die versuchen, das Wahlergebnis in einem Land zu beeinflussen. „Die Herausforderung ist keine technische, sondern eine soziale", erläutert Pfeffer. Also: Ich habe die Möglichkeit, Social Bots zu nützen — aber wie manipuliere ich damit tatsächlich Menschen?

Bots werden eingesetzt, um in Debatten einzugreifen. Recht einfach sei es, damit Personen in ihren Meinungen zu bestätigen, meint Pfeffer. Jemand, der eine extreme Meinung vertrete, werde im direkten Kontakt mit Menschen oft Ablehnung erfahren. Das ändere sich in der Online-Welt, wenn extreme Kommentare reichlich „Gefällt mir"-Angaben bekommen. Zuspruch durch Bots könne also Menschen in ihrer extremen Haltung bestärken — was sich im realen Leben auswirke. Schwieriger sei es, tatsächlich Meinungen zu ändern. „Die Gefahr liegt in der Radikalisierung, weniger in der Manipulation", so Pfeffer. Hysterie um „Bot-Armeen" sei deshalb übertrieben. Studien zeigten, dass es schwierig sei, mit traditionellen Mitteln Menschen so zu beeinflussen, dass sie ihre Meinung ändern — das sei mit Social Bots nicht anders. Die Macht von Bots liege nicht darin, Meinung zu machen, sondern sie zu verstärken. Und: Bots seien nur Teil einer Manipulationskampagne. Dahinter stünden Menschen, betont Pfeffer.

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Dennoch: Social Bots können Diskussionen und Inhalte verzerren. Die Zahl der Follower verleiht Gewicht — ob künstlich oder nicht. Bots können nicht nur Diskussionsteilnehmer beeinflussen, sondern auch stille Mitleser. Wahlentscheidungen werden sich deshalb wohl nicht ändern. Aber es gilt, sich dessen bewusst zu sein: Was ich in sozialen Netzwerken lese und sehe, stammt unter Umständen nicht von Menschen — sondern von einer Maschine.

Social Bots

Was sind Bots? Ein Social Bot ist ein Computerprogramm, das vortäuscht, ein Mensch zu sein. Es agiert in den sozialen Netzwerken und wird zu manipulativen Zwecken eingesetzt.

Wie funktioniert das? Einfache Bots können Schlüsselbegriffe erkennen und darauf reagieren – indem sie Fotos posten, Kommentare retweeten oder ein „Like“ vergeben. Komplexere Programme können Kommunikationsinhalte analysieren und sogar selbst Dialoge führen. Im Prinzip ähneln Social Bots digitalen Assistenten, wie man sie manchmal im Internet findet.

Wie erkenne ich einen Bot? Einen Bot zu erkennen ist nicht immer einfach. Auffällige Profilfotos oder die Freundesliste können Hinweise liefern. Oder eine unrealistisch hohe Anzahl an Aktivitäten. Sicherheit gibt es jedoch nicht.