Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.10.2017


Blick von außen

Eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk

Die Balfour-Deklaration – ein Schlüsseldokument des 20. Jahrhunderts.

© Israel Government Press Office, Chaim Weizmann (vorne mit Hut), der entscheidende Mann hinter der Balfour-Deklaration. Hier 1935 in Jerusalem zum zehnjährigen Bestehens der hebräischen Universität. 80 Jahre später ist dies die Universität mit den meisten Nobelpreisträgern weltweit.



Von Rolf Steininger

Die so genannte Balfour-Deklaration ist ein Schlüsseldokument des 20. Jahrhunderts und ein Meilenstein in der Geschichte der zionistischen Bewegung und des Staates Israel. Sie hat die Entwicklung im Nahen Osten bis heute geprägt und hat eine interessante Vorgeschichte.

Der entscheidende Mann

Damals wollten die Briten nach dem Krieg Palästina kontrollieren — nach heutigen Grenzen das südliche Libanon, die syrischen Golanhöhen, Israel, die Westbank, der Gazastreifen und das westliche Jordanien. Eine entsprechende Entscheidung traf das Kriegskabinett am 1. Mai 1917.

Die Zionisten, angeführt von Chaim Weizmann — der 1949 der erste Präsident Israels wurde —, nutzten dies für ihre Ziele: Palästina als Staat für die Juden. Weizmann, 1874 in Russland als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren, war 1892 nach Deutschland gegangen und hatte dort Chemie studiert. 1901 wurde er Professor an der Universität Genf, 1904 wechselte er an die Universität Manchester.

Der Erste Weltkrieg wurde für ihn zum Triumph. Ab 1916 leitete er das Forschungslaboratorium der Britischen Admiralität und entwickelte ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Aceton, einem wichtigen chemischen Bestandteil von Sprengstoffen. Er nutzte seine gesellschaftlichen Kontakte, um wichtige Persönlichkeiten in Großbritannien für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina zu gewinnen. Außenminister Balfour bat Rothschild und Weizmann am 19. Juni 1917 um den Entwurf einer entsprechenden „Formel".

Motive der Briten

Die Gründe auf britischer Seite für diesen Schritt waren vielfältig, wobei es primär um die Kontrolle des Landes zur Absicherung des Suezkanals ging. Wichtig war, die amerikanischen Juden zu gewinnen. Man hoffte, dass jene Juden, die Einfluss auf Präsident Woodrow Wilson hatten, ihn davon überzeugen könnten, die britische Besatzung Palästinas zu akzeptieren.

Einer der führenden amerikanischen Zionisten war ­Louis Brandeis, der 1917 als erster Jude überhaupt Mitglied des Obersten Gerichts in Washington geworden war. Wilson hatte schon damals eine Vorliebe für die Selbstbestimmung der Völker geäußert. Zionismus schien jetzt umso attraktiver, denn dies bedeutete auch jüdische Selbstbestimmung in Palästina, aus britischer Sicht der geeignete Deckmantel für eine britische Kontrolle des Gebiets, die Wilson ansonsten wohl als imperialistische Aktion der Briten nicht akzeptiert hätte. Auch Frankreich befürwortete inzwischen eine „Wiedergeburt der jüdischen Nation" in Palästina, wie Außenminister Jules Cambon klarmachte. Würde man den Zionismus fördern, so eine weitere Überlegung, könnte es möglicherweise auch die russischen Juden dazu bringen, Russland zum Weiterkämpfen zu veranlassen. Möglicherweise wollte man auch einer deutschen Zusage an die Juden Mittel- und Osteuropas zuvorkommen, dort einen eigenen Staat zu errichten.

Unterschiedliche Auffassungen im britischen Kriegskabinett

Weizmann legte einen Entwurf vor, in dem gefordert wurde, dass Großbritannien „die Wiederherstellung Palästinas als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes" unterstützen sollte. Was damit gemeint war, war auch klar: ganz Palästina als jüdischer Staat.

In London stellte sich zunächst der für Indien zuständige Minister, Edwin Montagu, der einzige Jude im Kriegskabinett, gegen eine solche Erklärung. Er fürchtete, dass bei einem möglichen Judenstaat die Auseinandersetzung über die doppelte Loyalität der Juden wieder heraufbeschworen würde und die Stellung der assimilierten Juden gefährdet werden könnte. Eine „nationale Heimstätte" würde die Juden zu Fremden in jenen Ländern machen, in denen sie lebten. Wie solle er, so fragte er, mit den Indern verhandeln, wenn die britische Regierung öffentlich erklären würde, dass seine Heimat irgendwo in der Türkei liege?

Sir Alfred Milner, ebenfalls Mitglied des Kriegskabinetts, war zwar für die Errichtung einer Heimstätte für das jüdische Volk — allerdings nur in Palästina. Es sollte darin mit Blick auf die Araber und die Sicherheit der eigenen politischen Interessen weder die Rede von Staatsbildung sein, noch dass eine solche Heimstätte ganz Palästina umfasse. Er bestand zudem auf Garantien für die in Palästina lebenden Araber. George Curzon, wenig später Außenminister, wollte wissen, wie denn die Moslems in Palästina entfernt werden sollten, damit Juden dort einwandern konnten. Seiner Meinung nach hatte das Land nur für wenige Menschen Platz, und die 500.000 Moslems würden sich nicht damit zufriedengeben, „entweder von den jüdischen Einwanderern enteignet zu werden oder als simple Holzhacker und Wasserträger zu dienen". Mark Sykes, Nahost-Experte im Kabinett, sah das anders. Für ihn war klar, warum Palästina ein so wenig einladendes Land geworden war: Die Araber, „von Natur aus eine faule und träge Rasse", hätten das Land einfach vernachlässigt. Bei entsprechendem Bemühen könne die Bevölkerung in sieben Jahren verdoppelt werden. Curzon widersprach: Seiner Meinung nach konnte Palästina auf diese Weise nicht weiterentwickelt werden.

50.000 Juden gegenüber 500.000 Arabern

Am 31. Oktober genehmigte das Kriegskabinett die oben zitierte Deklaration. Der letzte Halbsatz ging auf die Einwände von Montagu zurück, der vorletzte Absatz nahm Rücksicht auf Milners Einwände mit Blick auf die Zukunft der neunzigprozentigen Mehrheit der Araber in Palästina (zu jenem Zeitpunkt etwa 500.000 gegenüber 50.000 Juden); es ging hier nur noch um ihre bürgerlichen und religiösen Rechte, was implizierte, dass die politischen Rechte für die Juden reserviert waren, sobald sie eine Mehrheit erreicht hatten.

Unerfüllte Hoffnungen

Die Hoffnungen hinsichtlich der Juden in Deutschland und Österreich wurden nicht erfüllt, obwohl über den deutschen und österreichischen Truppen Flugblätter abgeworfen wurden, in denen die Juden aufgefordert wurden, sich den Entente-Mächten zuzuwenden, da diese die jüdische Selbstbestimmung unterstützten. Nichts dergleichen geschah. Und in Russland übernahmen die Bolschewisten am 7. November 1917 die Macht und eröffneten Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich.

Konsequenzen

Auf den Kriegsverlauf hatte das Dokument demnach keine Auswirkungen, aber es wurde 1922 in das britische Völkerbundmandat für Palästina übernommen, wurde damit Völkerrecht und verpflichtete die Briten, bei der Schaffung jener „nationalen Heimstätte in Palästina" für das jüdische Volk „keine Mühe zu scheuen". Dass sie dabei am Ende scheiterten, ist eine andere Frage. Im Februar 1947 gaben sie das Mandat zurück, die Konflikte zwischen Juden und Arabern waren zu groß. Im November 1947 beschloss die UNO als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes die Teilung des Landes in einen arabischen und einen jüdischen Staat. Die Araber lehnten ab.

Am letzten Tag der britischen Präsenz in Palästina, dem 14. Mai 1948, verkündete der Führer der Zionisten, David Ben Gurion, die Unabhängigkeit Israels. Diese trat um Mitternacht in Kraft — elf Minuten später erkannte US-Präsident Harry S. Truman Israel an. Zur gleichen Zeit bereiteten die Armeen Ägyptens, Jordaniens, Syriens, des Iraks und des Libanons ihren Angriff auf Israel vor. Ihr Ziel: die Vernichtung des Judenstaates.