Letztes Update am Sa, 04.11.2017 07:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Warum es die Politikwissenschaft gerade derzeit so dringend braucht

Die Bewältigung von Herausforderungen wie das Erstarken von populistischen und anti-demokratischen Bewegungen bedarf einer akademisch exzellenten und gesellschaftlich engagierten Politikwissenschaft.

© istockEin Mikrofon als Sinnbild für ein Fach, das in die Gesellschaft hineinwirkt. Politische Bildung erscheint heute wichtiger denn je.



Von Martin Senn

Das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck begeht heuer das vierzigste Jahr seiner Gründung. Ein solches Jubiläum gibt nicht nur Anlass, die historischen Meilensteine des Instituts Revue passieren zu lassen. Es bietet auch eine Gelegenheit, um über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des akademischen Faches nachzudenken. Vor allem stellt sich angesichts einer Reihe von politischen Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise, dem Brexit oder dem Erstarken anti-demokratischer Strömungen die Frage, welche Rolle die Politikwissenschaft jenseits der Universität wahrnehmen soll.

Missverstandenes Fach

Beschäftigt man sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Faches, so gilt es vorab zu klären, was dessen Wesen ist. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage ist gerade hierzulande wichtig, da die Emanzipation der Politikwissenschaft und ihre Institutionalisierung erst mit der Gründung des Instituts für Höhere Studien in Wien im Jahr 1963 sowie von Lehrstühlen und Instituten an den Universitäten Wien, Salzburg und Innsbruck in den 1970er-Jahren erfolgte. Im internationalen Vergleich ist die Politikwissenschaft in Österreich demnach ein relativ junges und daher manchmal auch missverstandenes Fach.

Regeln der Gemeinschaft

Politikwissenschaft ist die systematische Auseinandersetzung mit Politik. Sie beschäftigt sich im Kern mit der Frage, wie sich menschliche Gemeinschaften durch verbindliche Regeln – etwa in Form von Staaten – organisieren und wie diese Gemeinschaften miteinander interagieren. Die Politikwissenschaft nimmt dabei drei Dimensionen von Politik in den Blick, die man im Englischen als polity, politics und policy bezeichnet. Unter polity versteht man politische Strukturen wie staatliche Verfassungen oder internationale Institutionen. Politics bezeichnet politische Prozesse, in denen Akteure mit unterschiedlichen Interessen und Machtressourcen aufeinandertreffen, während policy politische Inhalte meint, etwa in Form staatlicher Außenpolitik.

Mehr als reine Analyse

Die Bezeichnung einer systematischen Auseinandersetzung verweist auf dreierlei Aktivitäten. Erstens entwickeln PolitikwissenschafterInnen Theorien und Methoden, mittels derer sie politische Phänomene beschreiben und erklären. Sie nehmen dabei von jeher auch Anleihen bei benachbarten Fächern wie der Ökonomie, der Soziologie, der Rechts- und der Kommunikationswissenschaft. Zweitens evaluieren PolitikwissenschafterInnen, inwiefern diese Theorien und Methoden zur Analyse politischer Phänomene geeignet sind. Drittens gehen PolitikwissenschafterInnen nicht selten über die reine Analyse hinaus, indem sie politische Phänomene bewerten und Vorschläge für deren Verbesserung formulieren.

Mehr politische Bildung

Die gesellschaftliche Verantwortung der Politikwissenschaft liegt in drei Bereichen. Ein erster Bereich ist die Vermittlung von fundiertem Wissen über politische Phänomene an Bürgerinnen und Bürger. Diese kann über unterschiedliche Wege erfolgen wie etwa durch Beiträge in Rundfunk und Tageszeitungen, Blogs und Podcasts oder mittels spezifischer Bildungsprogramme für SchülerInnen und Erwachsene, die unter der Bezeichnung „politische Bildung“ geläufig sind. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man die politische Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg als Instrument der Demokratisierung nachhaltig förderte und im Rahmen von Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung institutionalisierte, führt diese in Österreich nach wie vor ein Schattendasein. Heute sind jedoch Maßnahmen der politischen Bildung sowie öffentliche Beiträge mit fundiertem Wissen über Politik notwendiger denn je. Das Vertrauen der Bevölkerung in politische Institutionen und Personen sowie in die Funktionsfähigkeit der Demokratie erodiert ebenso wie das Vertrauen in Expertenwissen und eine herrschaftskontrollierende Funktion der Medien. Populistische und radikale Parteien nutzen und befördern diese Entwicklungen, um vermeintlich einfache Lösungen für die Probleme unserer Zeit anzubieten.

Arbeit mit Datenmengen

Eine zweite gesellschaftliche Verantwortung besteht in einer zeitgemäßen Ausbildung von jungen Menschen, die sich für das Studium der Politikwissenschaft entschieden haben. Diese werden im Rahmen von Bachelor-, Master- und Doktorats-Programmen schrittweise an die Prozesse des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns herangeführt. Gleichzeitig gilt es jedoch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die überwiegende Mehrheit der AbsolventInnen Karrierewege jenseits der Wissenschaft einschlägt. Die Politikwissenschaft hat dementsprechend die Verantwortung, ihre AbsolventInnen bestmöglich auf einen kompetitiven Arbeitsmarkt vorzubereiten. Dies bedarf neben der Vermittlung von Wissen über regionale, nationale, europäische und internationale Politik vor allem auch einer Beschäftigung und Erfahrungen mit der politischen Praxis sowie einer soliden Ausbildung in wissenschaftlicher Methodik. In einer Zeit, in der die Fülle an Daten rasant zunimmt und große Datenmengen immer mehr zu einer Grundlage für politische Entscheidungen werden, gilt es, Absolventinnen und Absolventen auszubilden, die in der systematischen Aufbereitung, Analyse und Interpretation von Daten sowie der kritischen Auseinandersetzung mit entsprechenden Arbeiten geschult sind.

Angewandte Forschung

Die dritte und letzte Verantwortung der Politikwissenschaft liegt schließlich in der Beteiligung an politischen Prozessen, auch wenn dieser Aspekt nicht unumstritten ist. Akzeptiert man jedoch den Grundsatz, dass Wissenschaft dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, dann ist es nicht nachvollziehbar, warum sie in ihrer Wirkung den Bereich des Politischen aussparen sollte. Politikwissenschaft ist in diesem Sinne eine „politische Wissenschaft“, die politische Akteure auf Probleme aufmerksam macht, ihnen Expertenwissen für den Umgang mit Problemen bereitstellt, aber auch Kritik an bestehenden politischen Strukturen, Prozessen und Inhalten übt. Gleichwohl gilt es hierbei, den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens rigoros verbunden zu bleiben, um ein Abdriften in eine „politisierte Wissenschaft“, also durch politische Interessen beeinflusste Erkenntnisse, zu vermeiden.

Zeit der Umwälzungen

Die Politik in Österreich und jenseits Österreichs steht gegenwärtig vor einer Reihe von Umwälzungen. Politikwissenschaftliche Forschung kann und muss einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft und ihre politischen RepräsentantInnen auf diese mit Bedacht reagieren. Das Innsbrucker Institut wird sich in diesem Sinne auch in den kommenden Jahren bemühen, seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und den Transfer politikwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft weiter zu stärken.