Letztes Update am Mo, 11.06.2018 09:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen

„Welt in Verwirrung“: Presse kommentiert Eklat um G7-Gipfel

Nachdem Donald Trump seine Zustimmung zu einem ohnehin die heiklen Punkte aussparenden Text per Tweet zurückzog, brach auch das letzte Vertrauen der restlichen Staaten in die Politik des US-Präsidenten zusammen. Die Presse kommentierte am Tag darauf das Ausscheren der USA.

© REUTERSUS-Präsident Donald Trump zog nach dem Treffen in Kanada nach Singapur weiter.



Ottawa/Washington – Die Zeitungen kommentieren den Eklat beim G-7-Gipfel, ausgelöst durch die Abkehr von US-Präsident Donald Trump von der akkordierten Abschlusserklärung, am Montag wie folgt:

Financial Times (London):

„Indem er sich selbst so gründlich isoliert, hat Trump beschlossen, aus den G-7 ein G-6 plus eins zu machen. Ein Forum, das bisher als Steuerungsinstrument der Weltwirtschaft agiert hat, ist nun lediglich ein Schauplatz für den törichten Handelskrieg des Präsidenten.(...)

Die G-6 und andere gleichgesinnte Länder müssen sich nun zusammentun, um dem Protektionismus zu widerstehen. Sie sollten versuchen, Trump durch Handelsabkommen zu umgehen, von denen die USA ausgeschlossen sind, und das System der globalen Kooperation so funktionsfähig zu erhalten, wie es ihnen möglich ist. Und zwar solange, bis die Vernunft hoffentlich in das Weiße Haus zurückkehrt. Das zurückliegende Wochenende hat eine Welt in Verwirrung gezeigt, in der Amerika sich seiner Verantwortung verweigert hat. Der Rest der Welt sollte daraus Konsequenzen ziehen.“

De Tijd (Brüssel):

„Nach dem Streit um das Klimaabkommen, um die NATO und nun beim G-7-Gipfel bleibt die Frage, wie zu reagieren ist. Erstaunen, Wut und dergleichen reichen nicht aus. US-Präsident Donald Trump folgt nur seiner eigenen Agenda. Und das ist absolut nicht lustig für Europa. Eine deutliche Antwort bleibt jedoch aus. Gut, Levi‘s, Jack Daniels und Harley Davidson werden hier in Kürze teurer. Aber ist das eine echte Gegenmaßnahme? Was geschieht, wenn Trump die Autos anpackt?

Jeder weiß, dass das Deutschland und Japan im Herzen treffen würde. Und dieser Schritt erscheint unvermeidlich, wie alle gut informierten US-Medien berichten. Aus verschiedenen Gründen will Trump die bestehende Ordnung umkrempeln. Der US-Präsident ist unzuverlässig, chaotisch und unberechenbar. Aber er ist und bleibt der US-Präsident. Es genügt nicht, empört zu sein. Wenn europäische Regierungschefs etwas unternehmen wollen, dann ist jetzt der Moment dafür gekommen. Das Stadium von Verhandlungen ist vorbei.“

Die Welt (Berlin):

„Der G-7-Gipfel in Quebec zeigt, dass Präsident Trump nun ganz zu sich gefunden hat. Der Eklat ist deshalb auch kein Ausrutscher, sondern nur ein Vorbote dessen, was Europa in Zukunft erwartet. Die USA haben sich in Quebec als westliche Führungsmacht verabschiedet. Es ist deshalb an der Zeit, dass die EU zusammen mit anderen westlichen Nationen an einem Plan B arbeitet. Wir leben nun in einer anderen Welt, und Europa muss sich möglichst rasch auf die neue Zeit einstellen.“

Süddeutsche Zeitung (München):

In dieser historischen Stunde darf die (deutsche ) Bundeskanzlerin (Angela Merkel) nicht zögern. Sie sollte sich den großen Europäer Helmut Kohl zum Vorbild nehmen und den Schulterschluss mit Frankreich wagen. Es ist höchste Zeit für eine große Geste und viele kleine Annäherungen. Nur als Teil eines schlagkräftigen Europas hat Deutschland überhaupt eine Chance, sich gegen Trump und weitere Herausforderungen zu behaupten.

Frankfurter Allgemeine:

Für Trump zählen allein die Handelsüberschüsse – und die Autos aus deutscher Produktion auf amerikanischen Straßen sind ihm der größte Dorn im Auge. Man sollte sich nichts vormachen. So richtig es ist, eine Zuspitzung des Handelsstreits zu vermeiden, so wenig wird man dadurch erreichen, dass man sich vor Trump in den Staub wirft. Er hat es auf Eskalation angelegt, und davon wird er sich nicht dadurch abbringen lassen, dass die Europäer, gut gemeint, Studien erstellen, ob europäische Exporte in die Vereinigten Staaten tatsächlich deren nationale Sicherheit gefährden. Damit gibt man einem haltlosen Argument unverdient Glaubwürdigkeit. Was von Trumps ‚Idee‘ zu halten ist, Zölle und Barrieren ganz abzuschaffen, kann man daran sehen, was er von TPP und TTIP hält: nichts.

Nepszava (Budapest):

„Es wundert niemanden mehr, dass das traditionelle (westliche) Bündnissystem bröckelt. Dass ein unberechenbarer Mensch den mächtigsten Staat der Welt lenkt, birgt für Angela Merkel dennoch ein einziges Positivum: Der Schwerpunkt (der globalen Architektur) verlagert sich zunehmend nach Deutschland. Immer mehr Akteure der Weltpolitik betrachten die deutsche Bundeskanzlerin als stabilisierenden Faktor. Von ihr erwarten sie sich Lösungen. Innerhalb der EU wertet dies die führende Rolle Berlins noch mehr auf. Die ungarische Regierung (unter dem rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban) wäre besser beraten, den Berliner Löwen nicht weiter (durch anti-europäisches Verhalten) zu reizen.“ (APA/dpa/AFP)


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