Letztes Update am Fr, 29.06.2018 15:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gedenkfeier

Van der Bellen betont Österreichs Mitverantwortung an NS-Verbrechen

Bei der Gedenkfeier im Vernichtungslager Maly Trostenez hielt der Bundespräsident fest, dass nach dem Zweiten Weltkrieg „der Wille zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich mehr als zögerlich“ gewesen sei.

Doris Schmidauer und Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Freitag anlässlich der Gedenkfeier im Vernichtungslager Maly Trostenez (v.l.).

© APA/BUNDESHEER/ KARLOVITSDoris Schmidauer und Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Freitag anlässlich der Gedenkfeier im Vernichtungslager Maly Trostenez (v.l.).



Minsk, Wien – Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Freitag in Weißrussland Österreichs Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus unterstrichen. Bei der Eröffnung einer Gedenkstätte im NS-Vernichtungslager Maly Trostenez sagte Van der Bellen laut Redetext, auch Österreicher hätten sich an den Gräuel der Nationalsozialisten beteiligt.

In dem Lager waren auch mehr als 10.000 Österreicher umgekommen. Es handelte sich um bis zu 13.000 österreichische Juden, die nach Weißrussland deportiert und dort ermordet worden waren. Zwischen 1942 und 1944 wurden bei Maly Trostinez nahe der weißrussischen Hauptstadt Minsk 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet, darunter neben Juden auch sowjetische Kriegsgefangene oder Partisanen. Die Opfer wurden zumeist im nahegelegenen Wald von Blagowschtschina und ab 1943 im Wald von Schaschkowka erschossen oder vergast.

Am Nachmittag Treffen mit Weißrusslands Lukaschenko

Bei der Gedenkfeier im Beisein seiner Amtskollegen Alexander Lukaschenko aus dem Gastgeberland, mit dem am Nachmittag noch ein separates Treffen auf dem Programm stand, und Frank-Walter Steinmeier (Deutschland) hielt der Bundespräsident fest, dass nach dem Zweiten Weltkrieg „der Wille zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich mehr als zögerlich“ gewesen sei.

Der Wortlaut der Moskauer Deklaration von 1943 sei lange dazu missbraucht worden, „um Österreich, das man nur als das erste Opfer Hitlerdeutschlands wahrnehmen wollte, aus der Verantwortung zu nehmen.“ Heute aber stehe Österreich zu seiner Mitverantwortung.

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Belarus (Weißrussland) und seine Bevölkerung hätten durch Nazideutschland ebenfalls „unaussprechliche Leiden“ erdulden müssen, erinnerte Van der Bellen. Die Geschichte von Maly Trostenez und seinen Opfern sei aber im Gegensatz zu anderen Lagern („Die Leute kennen Auschwitz, und das ist wichtig“) allzu lange ein weißer Fleck auf der Landkarte westeuropäischer Erinnerung gewesen.

Jedoch sei das „Vergessen und Verdrängen „in den letzten Jahren einem erstarkenden Willen zum Erinnern und Aufarbeiten gewichen“, meinte Van der Bellen. „Nicht nur in Österreich, sondern in Europa, wo es immer wieder länderübergreifende Zusammenarbeit zum Lernen aus der Geschichte gibt.“ Van der Bellen sprach Präsident Lukaschenko – der 63-Jährige steht seit fast 24 Jahren an der Staatsspitze von Belarus – in diesem Zusammenhang „besonderen Dank“ aus für die Möglichkeit, „hier gemeinsam bei der Aufarbeitung der schwierigen Vergangenheit zusammenzuwirken“.

Österreichische Birke als Denkmal für die Opfer

Zuvor hatte der Bundespräsident mit der Pflanzung einer Birke den Grundstein für ein österreichisches Denkmal für die Opfer von Maly Trostinez gelegt. „Möge diese Birke stehen für das Licht, mit dem wir die dunklen Winkel unserer Vergangenheit erhellen“, so der Bundespräsident. In Maly Trostenez seien mehr jüdische Österreicherinnen und Österreicher ermordet worden, „als in irgendeinem anderen Vernichtungslager“, erinnerte Van der Bellen auch im Beisein von Altbundespräsident Heinz Fischer und dessen Ehefrau Margit Fischer. Ihre Familie hatte während des Zweiten Weltkriegs Opfer zu beklagen, die ihr Leben in Maly Trostenez ließen.

„Am Beispiel dieser Vernichtungsstätte wird auch auf besondere Weise deutlich, wozu die menschliche Natur fähig ist“, warnte Van der Bellen. „Männer, Frauen, Kinder, die noch einige Tage zuvor in den Straßen Wiens unsere Nachbarinnen und Nachbarn waren, wurden hier ihrer letzten Habseligkeiten beraubt, in den Wald von Blagowschtschina zu vorbereiteten Gruben getrieben, an deren Rand sie sich aufstellen mussten, und mit Genickschuss ermordet. Den Lärm der Schüsse überdeckten ihre Mörder, unter ihnen auch Österreicher, mit Lautsprechermusik.“

17 Überlebende aus Wien

Von den Tausenden Wienerinnen und Wienern, die hierher deportiert wurden, überlebten gerade einmal 17 „diese Hölle“, betonte der Bundespräsident dem Redemanuskript zufolge. Dass der „Schreckensort“ Maly Trostenez und die Namen der Toten nicht endgültig dem Vergessen anheimfielen, sei letztlich aber nicht das Verdienst der Politik gewesen.

Bezüglich der österreichischen Opfer sei dies vielmehr einer „privaten Initiative von Österreicherinnen und Österreichern und dem Engagement einiger weniger zu verdanken“, erinnerte der ehemalige Grünen-Chef und hob „die großartige Arbeit von Waltraud Barton und ihres Vereins IM-MER“ sowie das Engagement des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus hervor.

Waltraud Barton habe mit Ihrer Initiative „nicht nur die Namen der Opfer ihrer eigenen Familie bewahrt, sondern darüber hinaus dem kollektiven Gedächtnis Österreichs einen wertvollen Dienst erwiesen“, sprach der Bundespräsident seinen expliziten Dank aus. „Dass der unbeirrbare Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern die Schritte zur Umsetzung dieses Denkmals angestoßen hat, macht einmal mehr deutlich, was eine engagierte und entschlossene Zivilgesellschaft bewirken kann.“

Erst dieses Engagement habe einen Neubeginn in der österreichischen Erinnerung an die Toten von Maly Trostenez ermöglicht. Es stimme nachdenklich, „dass wir erst heute hier gemeinsam stehen, um den Grundstein für dieses Denkmal zu legen“, meinte der Bundespräsident. „Erst heute, das heißt fast 77 Jahre nach den ersten Deportationen von Wiener Jüdinnen und Juden nach Minsk.“ (APA)