Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.08.2018


blick von außen

Frauen am Sprung

Ob Job, Geld oder Macht: Männer sind bisher dominierend.

Das wird sich jedoch schneller ändern, als so manchem lieb sein mag.

© iStockWenn Bildung das Schlüsselthema der Zukunft ist, dann sind Frauen bereits vorne. Dem Schulsystem entsprechen Mädchen viel besser als Burschen.



Von Johannes Huber

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat sich nach seinem Amtsantritt schon sehr verwundert über die Frage gezeigt, warum in seiner Regierung ein Frauenanteil von 50 Prozent bestehe: „Weil wir das Jahr 2015 schrei­ben“, erwiderte er, als wäre es heutzutage das Selbstverständlichste der Welt. Was es nicht ist. Unter Bundeskanzler Sebastian Kurz ist der Anteil im österreichischen Kabinett zuletzt zwar gestiegen; er beträgt aber nach wie vor nur 37,5 Prozent. Andererseits hat der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez gerade neue Maßstäbe gesetzt. In seiner Regierung sind elf der insgesamt 18 Mitglieder weiblich; das sind fast zwei Drittel. Und auch wenn der Chef noch immer ein Mann ist, dann sind das Verhältnisse, an die sich das „stärkere“ Geschlecht gewöhnen sollte: Sie werden sich schneller durchsetzen, als so manchem Mann lieb sein mag. Auch hierzulande.

Die „drei K“ sind längst nicht mehr so groß und zutreffend wie noch vor ein paar Jahren: „Kinder, Küche, Kirche“ stehen für konservative Rollenzuschreibungen und entsprachen einst auch ziemlich genau der Wirklichkeit. Frauen hatten sich demnach ausschließlich um Familie, Erziehung, Hausarbeit und allenfalls Wertevermittlung zu kümmern. Das Sagen aber hatte der Mann, der seine Autorität vor allem aus der Tatsache schöpfte, dass allein er erwerbstätig war und damit auch für die gesamte Existenzgrundlage sorgte.

Und auch wenn die „drei K“ nicht verschwunden sind, so haben sie sich relativiert. Zumindest Kinder und Küche sind vielen Frauen geblieben. Sie haben sich jedoch auch emanzipiert und Männer in einigen Bereichen hinter sich gelassen.

Wenn Bildung das Schlüsselthema der Zukunft ist, dann sind Frauen bereits vorne. Dem Schulsystem entsprechen Mädchen viel besser als Burschen. Die Erklärungsversuche dafür sind unendlich und reichen von biologischen Vorteilen, wonach ihr Gehirn früher reife, bis hin zu Vorlieben, die ihnen einen Vorteil bescheren. Sie lesen beispielsweise viel mehr. Und zwar nicht, weil sie müssen, sondern weil sie es gerne tun. Dementsprechend schauen die Ergebnisse aus: Mädchen haben im Schnitt bessere Noten, bleiben weniger sitzen, besuchen eher höhere Schulen und bringen es wesentlich zahlreicher zur Matura: 2016 schafften vom Bodensee bis zum Neusiedler See 23.657 Frauen und nur 17.299 Männer die Reifeprüfung.

Die starken Veränderungen zu ihren Gunsten lassen sich auch an den heimischen Universitäten nachvollziehen: Zuletzt gab es 107.285 weibliche und lediglich 97.759 männliche Studierende mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Schaut man 40, 50 Jahre zurück, stellt man fest, dass die Verhältnisse damals nicht nur umgekehrt waren. Sie waren noch viel schlimmer: Der Frauenanteil an den Hochschulen belief sich auf gerade einmal ein Viertel.

An dieser Stelle könnte unter Umständen eingewendet werden, dass Frauen halt leider nur „brotlose“, also geisteswissenschaftliche Studienrichtungen wählen und Männer ganz besonders technische, nach denen sie immer zu einem guten Job kommen würden. Wer das tut, hat jedoch einen sehr engen Bildungsbegriff und übersieht im Übrigen die eine oder andere Entwicklung. Beispiel 1: Frauen sind auch in den Rechtswissenschaften und in der Medizin stärker vertreten. Beispiel 2: Selbst in technischen Studienrichtungen hat sich das Verhältnis Frauen zu Männer seit Anfang der 1970er von eins zu zehn auf eins zu drei verschoben. Nichts spricht dagegen, dass dieser Prozess in absehbarer Zeit endet. Im Gegenteil.

Auch gesellschaftlich tut sich einiges: Frauen lassen sich immer später darauf ein, eine Familie zu gründen. Seit den 1970ern ist das durchschnittliche Erstheiratsalter um knapp zehn Jahre auf über 30 gestiegen. Das entspricht mittlerweile auch beinahe dem durchschnittlichen Gebäralter von 30,7 Jahren; dieses ist ebenfalls gestiegen. Was dahintersteckt? „War es früher die Norm, dass sich Frauen ausschließlich für die Familie aufopferten, so ist das zur Ausnahme geworden“, stellt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier fest. Heute gelte stattdessen: zunächst Selbstverwirklichung und Beruf, erst dann Partnerschaft und Kinder.

Bleibt ein ganz großer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Von Ausnahmen abgesehen sind in den oberen Etagen der Politik, der Wissenschaft, der Bürokratie und der Wirtschaft zumindest in Österreich auch 2018 wesentlich mehr Männer als Frauen anzutreffen. Karriere ist demnach männlich geblieben, wie es damit einhergehend eben auch die höheren Einkommen sind. Die Statistik lässt diesbezüglich keinen Zweifel zu: Männer verdienen durchschnittlich 33.350 Euro brutto im Jahr und damit um die Hälfte mehr als Frauen; sie müssen sich mit gerade einmal 20.706 Euro begnügen.

Dafür gibt es jedoch Erklärungen: Werden allein die Vollzeitbeschäftigten beachtet, ist die Lücke zwischen Männern (42.964 Euro) und Frauen (36.120 Euro) schon wesentlich kleiner. Im öffentlichen Dienst ist sie überhaupt weg. Dass sie in Summe noch immer so groß ist, hat vor allem damit zu tun, dass fast jede zweite Frau nur teilzeitbeschäftigt ist. Und das sind sie wiederum selten aus Lust und Laune, sondern häufig, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt: Die Kinderbetreuung ruft.

Die Kinderbetreuung ist die verhängnisvollste Hürde für Frauenkarrieren: Vor allem außerhalb der Städte ist es schier unmöglich, eine Familie zu haben und weiterhin voll erwerbstätig zu sein: In Tirol zum Beispiel hatte 2017/18 ein einziger von 474 Kindergärten zwölf oder mehr Stunden offen. Ein Drittel schließt schon vor 14 Uhr. In den Sommerferien sind sie durchschnittlich fünf Wochen geschlossen. Damit richtet sich jedes Gerede von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie von selbst. Sie ist nicht gewährleistet.

Davon auszugehen, dass im Laufe der Zeit die Männer vernünftiger werden und massenhaft anfangen, zu Hause zu bleiben, um sich um den Bub oder das Mädchen zu kümmern, das ja auch ihres ist, ist naiv: Meist wäre der Einkommensverlust zu groß.

Womit sich ein Kreislauf schließt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Oder etwa nicht? Doch, das gibt es sehr wohl: Vor allem die demographische Entwicklung führt dazu, dass es zunehmend zu wenig Fachkräfte für Unternehmen sowie Beitragszahler für die Pensionen gibt. Öffentliche und private Kinderbetreuungseinrichtungen werden daher ausgebaut werden müssen. Damit Frauen, die in Summe ohnehin schon über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, mehr arbeiten, verdienen und „nebenbei“ Steuern und Beiträge abliefern können. Das ist im Interesse aller.

Frauen kommt außerdem zugute, dass sie eher in Branchen tätig sind, die eine Perspektive haben. Szenarien, wonach die Digitalisierung sehr viele Jobs beseitigen wird, sind mit Vorsicht zu genießen. Bestehende werden sich verändern, neue entwickeln. Sehr gut schaut’s in jedem Fall für alle Tätigkeiten aus, die so oder so immer mehr gebraucht werden, die mit persönlichen Beziehungen zusammenhängen und daher kaum je ganz durch Roboter ersetzt werden können – in Gesundheit, Pflege, Fitness, Betreuung, Soziales etc. Auch das ist im Sinne der Frauen: Sie können fast nur gewinnen.