Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.08.2018


Blick von Außen

Ende einer Illusion: Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968

© www.picturedesk.comEin junger Mann aus Prag klettert auf einen Panzer der Sowjets.



Von Michael Gehler

Vorgeschichte

Die Tschechoslowakei erlebte bereits Anfang der 1950er-Jahre eine schwere Krise. Die zentralistische Planwirtschaft produzierte ökonomische Stagnation. Schauprozesse wie gegen Rudolf Slánský prägten das politische System. Ein notwendiger Währungsumtausch führte zum Entzug privater Altguthaben und Konten auch von vertriebenen Deutschen und Ungarn. Am 1. Juni 1953 gab es Proteste in mehreren Städten. Der größte Aufstand fand in Pilsen statt, der dem 17. Juni in der DDR vorausging. Armee, Grenzschutz, Polizei und Volksmilizen aus Prag stellten die Ordnung wieder her. Die stalinistische KPC-Führung lehnte nach Staatspräsident Klement Gottwald (1948—1953) eine Aufarbeitung der Säuberungen ab. Die sozialistische Verfassung von 1960 schränkte zudem Kompetenzen der Slowakei ein.

Intellektuelle Kritik

Die neue Deutung des verfemten Werks von Franz Kafka durch Literaten bezüglich der Entfremdung des Arbeiters — auch im Sozialismus — ließ in den 1960er-Jahren ein Umdenken erkennen. Die Zeitschrift Literární noviny sah sich daher staatlicher Kontrolle ausgesetzt. Pavel Kohout und Václav Havel durften nicht für den Schriftstellerverband kandidieren. Anhaltende Sanktionen gegen Künstler befeuerten noch breitere Proteste, wobei sich die Kritik am ideologischen Dogmatismus entzündete.

Führungswechsel

Im Oktober 1967 ließ Staats- und Parteichef Antonín Novotný Studentenproteste gewaltsam zerschlagen, was parteiintern Kritik auslöste. Zu Beginn 1968 nahm der Streit zwischen Dogmatikern und Reformern in der KPC zu. Der slowakische Reformkommunist Alexander Dubcek löste Novotný als Ersten Parteisekretär ab. Im März wurde der General Ludvík Svoboda Staatspräsident und Oldrich Cerník Ministerpräsident. Bei Fortsetzung der Allianz mit der UdSSR und Wahrung des Parteimonopols strebten die Reformer eine Demokratisierung und Liberalisierung der Gesellschaft an. Dubcek sprach von einem Sozialismus „mit menschlichem Antlitz". Der Ökonom Ota Sik zeigte einen dritten Weg zwischen sozialistischer Marktwirtschaft und staatlicher Wirtschaftsplanung auf.

Weitere Forderungen

Das KP-Aktionsprogramm vom 5. April forderte Abbau des Zentralismus, Beseitigung des Parteimonopols und Personenkults, Forschungs-, Presse- und Redefreiheit, die Rückkehr zum Mehrparteiensystem, Wirtschaftsreformen, Rehabilitierung der Stalin-Opfer sowie staatsrechtliche Gleichstellung der Slowakei. Intellektuelle signierten ein „Manifest der zweitausend Worte" im Juni. Moskau verfolgte argwöhnisch das Geschehen. Dubcek dosierte daher die Reformen, um Kritik der Verbündeten im Zaum zu halten — vergeblich.

Widerständige „Bruderstaaten"

Im Mai und Juni trafen sich die Staats- und Parteichefs von Bulgarien, der DDR, Polen, Ungarn und der UdSSR in Dresden sowie Anfang August auch mit Vertretern der CSSR in Bratislava. Trotz Signalen der Entspannung nach außen gab es interne Absprachen und Vorbereitungen für eine Militärintervention. KPdSU-Chef Leonid Iljitsch Breschnew versuchte sie zwar noch zu verhindern, zumal er eine politische Lösung bevorzugte. Er mochte Dubcek, duzte ihn und bat inständig, das Parteimonopol wiederherzustellen, aber der Reformprozess war bereits im Gange.

Der Einmarsch

In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten zirka 500.000 Soldaten aus der UdSSR, Polen, Ungarn und Bulgarien in die CSSR ein. Es war die größte Militäraktion nach dem Krieg in Europa. Treibende Kräfte waren Wladyslaw Gomulka, János Kádár, Walter Ulbricht und Todor Schiwkow, die die Breschnew-Doktrin mit ihrer „Bruderhilfe" und militärischem Beistand zur Unterbindung der „Konterrevolution" legitimierten. Rumäniens Staatspräsident Nicolae Ceausescu verurteilte hingegen die Intervention und blieb ihr fern. Albanien trat sogar aus dem Warschauer Pakt aus.

DDR Gewehr bei Fuß

Die Nationale Volksarmee (NVA) stand an der Nordgrenze mit zwei Divisionen bereit. Marschall Iwan Jakubowski, Oberkommandierender des Warschauer Pakts, wollte aber keine DDR-Beteiligung. Keine Erinnerung sollte an den deutschen Einmarsch vor 30 Jahren aufkommen. Eine NVA-Nachrichteneinheit befand sich jedoch im Führungsstab der Invasionstruppen. Die NATO hielt sich ganz zurück.

Politischer und ziviler Widerstand

Dubcek war mit seiner Regierung verhaftet, in die UdSSR verbracht und durch den Moskau-treuen Gustáv Husák ersetzt worden. Die KPC verurteilte auf einer außerordentlichen Versammlung den Einmarsch und bestätigte Dubcek im Amt. Die Bevölkerung übte sich nahezu kollektiv im zivilen Ungehorsam: Orts- und Straßenschilder wurden übermalt, Wegweiser in die falsche Richtung verdreht, Nachschubzüge auf Abstellgleise geleitet und die Besatzer mit Plakaten verhöhnt. Piratensender riefen erfolgreich zum gewaltlosen Widerstand auf. Die Intervention forderte dennoch mehr als 90 Tote und über 300 Schwerverletzte.

Diktat der Sowjets

Am 23. August wurde Svoboda in den Kreml einbestellt, um mit Dubcek und seiner Regierung zu „verhandeln". Im geheimen „Moskauer Protokoll" drei Tage später wurde das in die UdSSR verschleppte KP-Politbüro gezwungen, dem Abbau der Reformen zuzustimmen. Neuere Forschungen zeigen eine weit größere Verstrickung der reformkommunistischen Führung mit der sowjetischen Regierung als bisher angenommen. Es war eine Kapitulation. Der bei seiner Rückkehr noch mit Jubel empfangene Dubcek konnte nicht verbergen, dass der „Prager Frühling" vorbei war.

Ängstliches Wien und mutiger ORF

Die Bundesregierung vermied alles, was die UdSSR provozierte. Neben Koordinationsproblemen zwischen Bundeskanzler Josef Klaus und Bundespräsident Franz Jonas spielte auch das „Anschluss"-Trauma eine Rolle. Innenminister Franz Soronics erinnerte sich: „1938 war die Regierung schachmatt gesetzt worden."

Am 21. August wurde daher in Wien beschlossen, „dass der Bundeskanzler im Notfall nach Tulln zu bringen wäre, der Vizekanzler in seinen Urlaubsort fahren sollte und der Bundespräsident nach Mürzsteg". Vor Ort blieben nur der Außen-, Verteidigungs- und Innenminister. Die Sowjetunion verletzte mehrfach Österreichs Luftraum und agierte propagandistisch gegen seine Medien. Der ORF hatte nämlich unter Gerd Bacher als Informationsdrehscheibe für Europa und die Welt anhaltend kritisch und intensiv über die Vorgänge beim Nachbarn berichtet.

Die Folgen

Zehntausende Menschen, v. a. Facharbeiter und Intellektuelle, verließen die CSSR. Nach Österreich flohen fast 100.000 Menschen, wobei ein weit geringerer Teil blieb. Viele Urlauber kehrten nicht mehr zurück. Husák führte die KP nun mit harter Hand. Knapp 500.000 Mitgliedern wurde das Parteibuch entzogen. Am 16. Januar 1969 verbrannte sich der Student Jan Palach aus Protest gegen die Besatzung auf dem Wenzelsplatz und einen Monat später sein Kommilitone Jan Zajíc. Nur die Föderalisierung der CSSR sollte als Reform gelingen. Breschnew wahrte die sowjetische Suprematie. Der demonstrative Schulterschluss des „Ostblocks" zielte auch in Richtung Peking, um sich gegen Chinas Hegemonialansprüche zu stellen.

„Normalisierung"

Im April 1969 musste Dubcek seine Funktion an Husák und im Januar 1970 Cernik seine an Lubomir Strougal abtreten. Nach Unterzeichnung eines neuen „Freundschaftsvertrages" mit der UdSSR im Mai 1970 kam es zu massenhaften Entlassungen, politischen Prozessen und innerparteilichen Säuberungen. Viele Reformanhänger emigrierten in den Westen. Bürgerrechtsgruppen formierten sich allmählich im Zeichen der KSZE-Schlussakte von Helsinki vom 1. August 1975, so die „Charta 77".

Fazit

Der 21. August 1968 reiht sich in die Geschichte der unterdrückten Massenerhebungen im Sowjetimperium ein. Auch wenn in ihrer Zeit gescheitert, waren sie doch moralische Siege und Vorboten der Freiheitsrevolutionen von 1989. Die Ernüchterung, Enttäuschung und Verbitterung über den gescheiterten „Prager Frühling" zählen zu den tieferliegenden Ursachen für das fehlende Zutrauen in einen glaubwürdig reformierbaren Sozialismus im Europa am Ende des Kalten Kriegs.

Zur Person

Michael Gehler (Österreichische Akademie der Wissenschaften) ist seit 2006 Jean-Monnet-Professor für Vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim.

gehler@uni-hildesheim.de