Letztes Update am Do, 09.08.2018 18:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Exil-Iraner Nirumand: „Hardliner könnten Rohani stürzen“

Im Interview mit der Tiroler Tageszeitung sprach Nirumand über Trump, die Folgen der US-Sanktionen und die politische Situation im Iran.

Irans Präsident Rohani: Druck von allen Seiten.

© AFPIrans Präsident Rohani: Druck von allen Seiten.



Innsbruck – Die Tiroler Tageszeitung sprach mit dem in Deutschland lebenden Exil-Iraner und Buchautor Bahman Nirumand über die Folgen der wieder in Kraft gesetzten US-Sanktionen, die politischen Beben in Teheran, den Unmut in der iranischen Bevölkerung und die Politik von US-Präsident Donald Trump.

Was bewirken die wieder in Kraft gesetzten US-Sanktionen gegen den Iran? Wird das Land in den Ruin getrieben?

Bahman Nirumand: Sie haben dem Land bereits erheblich geschadet. Richtig schmerzhaft wird es dann im November, wenn die Ölgeschäfte des Iran boykottiert werden sollen.

Und Europa hat keine Chance, dem entgegenzuwirken? Die EU reaktivierte ja ihre Anti-Boykott-Verordnung, um europäische Unternehmen bei Geschäften mit dem Iran zu schützen.

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Nirumand: Europa kann da wenig ausrichten. Eine offene Konfrontation mit den USA wird Europa nicht suchen. Und für europäische Firmen ist der US-Markt wesentlich wichtiger als der iranische. Europa wird seine Versprechen gegenüber Teheran nicht einhalten können.

Aber China und Russland könnten einspringen.

Nirumand: Schon heut­e ist der iranische Markt mit chinesischen Artikeln überschwemmt. Und auch Russland hat zuallererst seine Interessen im Visier.

Die US-Sanktionen sollen Irans Wirtschaft massiv schaden und damit die Führung in Teheran in Bedrängnis bringen. Kann Präsident Hassan Rohani dem wachsenden Druck standhalten?

Nirumand: Der Druck auf Rohani wird von außen und von innen immer stärker. Sollte der wirtschaftliche Niedergang sich fortsetzen, wird Rohani dem Druck wohl nicht standhalten können. Dann wird er zurücktreten müssen. Die Hardliner schielen auf die Wiedererringung der Macht, die sie dann mit Haut und Haaren verteidigen werden. Die Revolutionsgarden haben Geld und Macht. Der Sturz der Gemäßigten wäre eine gefährliche Entwicklung, die in einem Krieg enden könnte. So könnte es in Syrien oder im Libanon zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und Israel kommen. Bei einer militärischen Eskalation droht der gesamte Nahe Osten zu explodieren. Trump hätte mit seiner Politik dann genau das Gegenteil von dem erreicht, was er verkündet hat.

Im Iran gehen die Menschen wieder auf die Straße, um gegen Korruption und Misswirtschaft zu protestieren. Sind diese Proteste vergleichbar mit jenen der Grünen Revolution im Jahr 2009, als Hunderttausende gegen das Regime auf die Straße gingen.

Nirumand: Die Menschen im Iran sind angesichts der wirtschaftlichen Misere sehr unzufrieden, das Leben ist teilweise unerträglich. Aber mit den Protesten der Grünen Revolution von 2009, als die Massen gegen die Wiederwahl von Präsident Ahmadinejad auf die Straßen gingen und der Mittelstand im ganzen Land aufbegehrte, haben die aktuellen Proteste nichts gemein. Es gibt keine politische Agenda, keine Anführer wie Hussein Mussawi und Mehdi Karroubi bei der Grünen Bewegung. Gerade die Jugend im Iran ist sehr unzufrieden und prowestlich orientiert. Aber sie ist nicht organisiert. Und die von den USA hofierten Volksmudschahedin, die im Iran gar keinen Rückhalt haben, sind wahrlich keine Alternative.

Das Interview führte Christian Jentsch


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