Letztes Update am Fr, 07.09.2018 10:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anonymer Beitrag

Ein Präsident, der wankt und nicht fällt: Presse zu Trump-Artikel

Die Administration von US-Präsident Donald Trump wird wieder einmal von einem Skandal erschüttert. Diesmal scheint das Störfeuer aus den eigenen Reihen zu kommen – und von hochrangiger Stelle. Internationale Medien kommentierten die Affäre am Freitag gemischt.

© REUTERSUS-Präsident Donald Trump war der Zorn über den Artikel der New York Times anzusehen.



Washington – Ein anonymer Gastbeitrag für die New York Times, den laut Angaben der Zeitung ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter anonym verfasste, schlägt weiter hohe Wellen. Die Times betonte mehrfach, nur die Autoren der Meinungsseiten würden den wahren Autor kennen. Die Journalisten, die üblicherweise die Politik in Washington betreuen, wüssten demnach nicht Bescheid. Indes lief innerhalb der Trump-Administration fieberhaft die Suche nach dem Schuldigen.

Internationale Zeitungen kommentieren die Affäre am Freitag:

Die Welt (Berlin):

„Es mehren sich die Zerfallserscheinungen. Die vielen engen Vertrauten Trumps, die in den vergangenen Wochen vom FBI umgedreht wurden, sind ein Beleg dafür, dass nun ein hochrangiges Mitglied seiner Regierung anonym eine vernichtende Abrechnung veröffentlicht, ist ein weiteres Indiz. Es erinnert an den letzten Akt von Shakespeares ‚Macbeth‘.

Was den Präsidenten derzeit noch schützt, ist der konservative Echoraum aus Fox-News und anderen. Erst wenn diese Mauer zu bröckeln beginnt, ist Trump ernsthaft in Gefahr. Oder wenn der Souverän, der Trump ins Amt gewählt hat, den Daumen senkt und etwa bei den Midterms massiv ins demokratische Lager abwandert und die Republikaner zum Umdenken zwingt. Bis dahin bleibt Trump der Präsident, der andauernd wankt – und doch nicht fällt.“

Frankfurter Allgemeine (Frankfurt):

„Man mag es den Widerständlern abnehmen, dass es ihnen allein um das Wohl des Landes geht; Trump verachtet Grundprinzipien der politischen Ordnung Amerikas. Aber sind diese Leute dennoch befugt, die Regierung in die ‚richtige‘ Richtung zu führen, weil sie die Richtung, die Trump einschlägt, wie viele andere für falsch halten?

Man kann und muss es bedauern, aber Trump ist nun einmal von rund 63 Millionen Wählern zum Präsidenten gewählt worden, den Autor und die anderen Widerständler hat niemand gewählt. Trumps Wähler werden die Geschichte vom ‚tiefen Staat‘, der die Erlösung des amerikanischen Volkes verhindere, nun erst recht glauben.“

Neue Zürcher Zeitung (Zürich):

„Die Argumentation, dass Trumps eigene Mitarbeiter sich illoyal verhalten und seine Politik nicht umgesetzt hätten, könnte sich Trump in einem neuen Wahlkampf 2020 sogar zunutze machen. Unerfüllte Versprechen gegenüber seinen Anhängern könnte er dann seinen internen Widersachern anlasten, die verhindert hätten, dass er seine Vorstellungen hat umsetzen können. Es wäre für ihn eine geschickte Taktik, um eigene Fehler zu verschleiern.“

De Telegraaf (Amsterdam):

„Ein konventioneller Präsident hätte den Sturm über sich hinwegziehen lassen. Aber Trump entfesselt ihn weiter, ruft Hochverrat, erhebt sich zum Richter und weiß dabei, dass seine treuen Anhänger all das lieben werden. Es ist jedoch ein Problem für Trump, dass sich die Anschuldigungen häufen. Mehr und mehr Mitarbeiter kündigen selbst oder werden in die Wüste geschickt. Da ist sogar der Job eines Fußballtrainers in der Eredivisie (niederländische Liga) sicherer. All das passiert einem Präsidenten, der stets damit angab, die besten Mitarbeiter auszusuchen. Und obendrein gehen die Untersuchungen zu Trumps ‚Russland-Connection‘ weiter.“

El Mundo (Madrid):

„Wenn es stimmt, dann hat es eine beunruhigende Tragweite. Einem großen Teil der öffentlichen Meinung gilt der Bericht als glaubwürdig, nach so vielen Skandalen, die während der eineinhalb Jahre Trumps im Weißen Haus ans Licht gekommen sind. (...) Allerdings wird mit der Veröffentlichung eines Artikels, den kein Autor unterschrieben hat, der für seinen Inhalt und somit seinen Wahrheitsgehalt verantwortlich zeichnet, eine rote Linie überschritten, die den Glauben der Bürger in den Journalismus untergräbt.

Die einflussreichste Zeitung Amerikas experimentiert hier mit einer gefährlichen Verschiebung von informativer Arbeit hin zu reinem Aktivismus; diese Kompetenzüberschreitung gibt leider denen Munition, die wie Trump eine Verleumdungskampagne gegen die Presse organisieren und sie beschuldigen, ‚der Feind des Volkes‘ zu sein, wenn sie der größte Verbündete gegen Despotismus sein sollte.“

Politiken (Kopenhagen):

„Donald Trump ist ein demokratisch gewählter Präsident. Die Methoden der Beamten sind das Gegenteil, zutiefst undemokratisch. Wenn sie der Meinung sind, dass der Präsident nicht für das Amt geeignet ist, müssen sie den Vizepräsidenten und die Mehrheit der Minister dazu bringen, dass er vom Kongress abgesetzt wird. Das sind die demokratischen Regeln in den USA, und selbst wenn wir die Absichten der Beamten verstehen, riskieren sie, dass die Demokratie das erste Opfer wird. Und die große Mehrheit der amerikanischen Wähler, die Trump als ihren Freiheitskämpfer gegen die Machtelite in Washington sieht, wurde gerade zu weiteren Kämpfen angefeuert. Trump kam demokratisch an die Macht. Er muss auf demselben Weg davon entfernt werden.“

La Montagne (Clermont-Ferrand):

„Trotz all der Dolche, die ihm in den Rücken gestoßen wurden, und trotz der Kugeln, die er sich selbst in den Fuß schießt, trotz (...) der ungefilterten Tweets – trotz alledem lebt (US-Präsident Donald) Trump immer noch (...). Es gibt wenig Chancen, dass dieser Artikel ihm den Todesstoß versetzt, wenn alles andere von ihm abprallt. (...) (Trump scheint) wie durch ein Wunder geheilt dank der Gunst der Bürger, die für die immer lauter werdenden Warnungen unempfänglich geworden sind. Das ist noch beunruhigender.“