Letztes Update am Mo, 08.10.2018 17:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Präsidentenwahl

Fan der Militärdiktatur greift in Brasilien nach der Macht

Nach seinem deutlichen Sieg am Sonntag geht Jair Bolsonaro als Favorit in die Präsidenten-Stichwahl am 28. Oktober. Sein Kontrahent Fernando Haddad warnt vor einer Gefahr für die Demokratie.

Jair Messias Bolsonaro kam im ersten Wahlgang auf 46,2 Prozent der Stimmen. Für die Stichwahl am 28. Oktober hat er damit sehr gute Chancen.

© Jair Messias Bolsonaro kam im ersten Wahlgang auf 46,2 Prozent der Stimmen. Für die Stichwahl am 28. Oktober hat er damit sehr gute Chancen.



Von Brad Brooks, Reuters

Brasilia – 1993 schockieren die Worte des Kongressabgeordneten Jair Bolsonaro die noch junge Demokratie in Brasilien. „Ja, ich bin für die Diktatur!“, ruft er im Plenum. „Mit dieser unverantwortlichen Demokratie werden wir niemals die tiefgreifenden nationalen Probleme lösen.“ 25 Jahre später greift der Ex-Fallschirmjäger und Armee-Hauptmann nach dem Präsidentenamt in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft.

Seine Chancen stehen gut. Die erste Wahlrunde am Sonntag hat er klar gewonnen. In der Stichwahl in drei Wochen trifft er auf den Kandidaten der linken Arbeiterpartei, Fernando Haddad. Brasilien ist in Bolsonaros Augen ein dysfunktionaler Staat, in dem nur jemand mit harter Hand für Ordnung sorgen kann. Gewaltverbrecher? Bolsonaro sagt: „Alle erschießen“. Politische Gegner? – „Sie auch.“ Korruption? Ein Militärputsch könnte nach Bolsonaros Worten den Sumpf trockenlegen, wenn die Justiz es nicht schafft. Die Wirtschaft? Bolsonaro will staatliche Unternehmen privatisieren, damit sich Politiker dort nicht länger bedienen können.

Sexismus, Rassismus, Homophobie

„Wir können Kriminelle nicht wie menschliche Wesen behandeln, die Respekt verdienen“, erklärt Bolsonaro im August. Einige Tage später greift er auf einer Wahlkampfveranstaltung nach dem Stativ eines Kameramanns und tut so, als würde er damit um sich feuern: „Wir werden alle Unterstützer der Arbeiterpartei erschießen“, ruft er der jubelnden Menge zu. Später lässt sein Wahlkampfteam mitteilen, es habe sich um einen Scherz gehandelt.

Eine Verurteilung der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 kommt dem heute 63-Jährige noch immer nicht über die Lippen. Überhaupt setzt er eher auf harsche Töne als auf Versöhnung. Im Visier des Rechtsaußen stehen Frauen, Homosexuelle, Schwarze und die Ureinwohner des Landes. Einer Abgeordneten sagte er einst, sie verdiene es noch nicht einmal, von ihm vergewaltigt zu werden. Er wird auch zitiert mit der Äußerung, ihm wäre es lieber, wenn sein Sohn stürbe als dass er sich als schwul outen könnte.

"Frauen gegen Faschismus", steht auf diesem Plakat, das sich gegen Bolsonaro richtet.
"Frauen gegen Faschismus", steht auf diesem Plakat, das sich gegen Bolsonaro richtet.
- imago stock&people

Kontrahent Haddad: „Demokratie in Gefahr“

Bei vielen Brasilianern schrillen die Alarmglocken bei Bolsonaros Worten, der in seiner fast 30-jährigen politischen Laufbahn bereits neun Parteien angehörte. Bei einer Wahlkampfveranstaltung im September wurde er von einem offenbar psychisch gestörten Mann niedergestochen und schwer verletzt.

Kontrahent Haddad appellierte vor der Stichwahl an die Brasilianer, ihn zu unterstützen, da sonst die Demokratie in Gefahr sei. „Bei dieser Wahl steht viel auf dem Spiel“, rief er seinen Anhängern zu. „Wir müssen alle Demokraten in Brasilien einen.“

Häufig als „Trump Brasiliens“ bezeichnet

Von vielen wird er mit Blick auf den US-Präsidenten als „Trump Brasiliens“ bezeichnet – nicht zuletzt wegen seiner Präsenz in den sozialen Netzwerken. Beraten ließ er sich auch vom früheren Chefstrategen Donald Trumps, Steve Bannon.

Anhänger Bolsonaros verbrennen in der Nacht auf Sonntag einen Wahlcomputer. Bolsonaro streute das Gerücht, dass es zu Manipulationen gekommen sein soll.
Anhänger Bolsonaros verbrennen in der Nacht auf Sonntag einen Wahlcomputer. Bolsonaro streute das Gerücht, dass es zu Manipulationen gekommen sein soll.
- AFP

Mit Trump gemeinsam hat Bolsonaro auch die gezielten Tabu-Brüche, die besonders bei den Frustrierten und gesellschaftlich Abgehängten gut ankommen. Brasilien leidet immer noch an den Folgen einer schweren Rezession, rund 13 Millionen der mehr als 200 Millionen Einwohner sind arbeitslos. Schwere Gewaltverbrechen und Drogenkriminalität sind in allen Landesteilen auf der Tagesordnung, die Politikerriege ist in diverse Korruptionsskandale verstrickt.

Anhänger wünschen sich, dass Bolsonaro aufräumt

Viele Brasilianer erhoffen sich, dass Bolsonaro aufräumt. „Er ist nur der Beginn des Umbruchs, den wir alle wollen“, hofft der 26-jährige Student Raphael Enohata. Wenn Bolsonaro Bestechung eindämme und korrupten Politikern den Garaus mache, gebe es bereits bei der nächsten Präsidentenwahl viel mehr Kandidaten, die die Interessen des Landes über ihre eigenen stellten.

„Gott hat mich in dieses Rennen geschickt“, sagte Bolsonaro nach der Nominierung durch seine rechtskonservative Sozial-Liberale Partei. „Meine Mutter hat mir den Zweitnamen ‚Messias‘ gegeben. Aber ich allein werde nicht der Erlöser Brasiliens sein. Wir werden es alle gemeinsam retten.“


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

News-Blog: US-Präsident Trump
News-Blog: US-Präsident Trump

Senatorin Harris bewirbt sich um Präsidentschaft, Shutdown weiter aktiv

Die US-Regierung steht wegen des “Shutdowns“ weiter still. Der US-Präsident beharrt auf seiner Mauer, die Demokraten halten das für undenkbar. Alles zur US-P ...

Symbolfoto.Migration
Migration

WHO: Gesundheitszustand von Geflüchteten leidet in Aufnahmeländern

Durch ein Leben in ärmeren Verhältnissen werden Migranten und Geflüchtete anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Schlaganfall.

US-Präsident Donald Trump setzt auf Falschaussagen und Beleidigungen.Präsident unter Druck
Präsident unter Druck

Halbzeit für Trump: Chaos-Jahre in Washington

Fast 8000 Falschaussagen hat der amtierende US-Präsident Donald Trump in den vergangenen zwei Jahren bereits gemacht. Rund 550 Ziele hat er sich für Beleidig ...

In einer Ansprache im Weißen Haus am Samstag bot Trump an, rund eine Million Migranten in den USA drei Jahre lang vor einer Abschiebung zu schützen.USA
USA

“Shutdown“: Demokraten lehnen Trumps Kompromissvorschläge ab

Seit Wochen sind 800.000 US-Bundesangestellte ohne Lohn. Die Lage ist für viele dramatisch, weil der US-Haushalt blockiert ist. Präsident Trump verspricht ei ...

Diese Demonstranten verkleideten sich als verwundete Marianne - die Nationalfigur Frankreichs. Frankreich
Frankreich

Erneut zehntausende „Gelbwesten“ in Frankreich auf der Straße

Die Demonstranten erteilten dem Angebot von Staatschef Emmanuel Macron zu einem „Bürgerdialog“ eine Absage und forderten seinen Rücktritt.

Weitere Artikel aus der Kategorie »