Letztes Update am Fr, 19.10.2018 10:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Auftritt in Innsbruck

Edward Snowden in Tirol: Nur noch kurz die Welt retten

Edward Snowden begeisterte via Liveschaltung das Publikum in Innsbruck und Tausende Zuseher im Netz. Die Botschaft war klar, jeder Einzelne könne etwas ändern: „Fürchtet euch nicht, seid bereit.“

Edward Snowden gestern Abend live in der Innsbrucker Dogana.

© TT/De MoorEdward Snowden gestern Abend live in der Innsbrucker Dogana.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Am Ende des Abends, nach einem eineinhalbstündigen Gespräch, gab es für Edward Snowden Standing Ovations. 1500 Zuseher, großteils Studenten, hingen im Innsbrucker Kongresshaus an den Lippen des Whistle­blowers und ehemaligen CIA-Mitarbeiters. Snowdens Enthüllungen legten die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten offen. Gestern war er live in Innsbruck zugeschaltet; vor weißem Hintergrund, damit nichts auf seinen Aufenthaltsort hinweisen kann, beantwortete er die Fragen von MCI-Rektor Andreas Altmann, den Zusehern im Saal und den mehr als 10.000, die allein via Live-Stream auf tt.com dabei waren.

Bis kurz vor Beginn der Veranstaltung hätten die Verhandlungen mit Snowden gedauert, um sicherzustellen, dass er trotz Live-Streams nicht ortbar sein werde, erzählt Altmann. „Der technische Aufwand war enorm.“ Snowden hält sich im Exil in Russland auf. Seine Frau Lindsay sei an seiner Seite, erzählt er. Ob er es denn wieder machen würde, wollte eine Zuseherin wissen. „Diese ganze Exil-Geschichte war Glück, nicht großartige Planung. Lindsay hat das alles aus dem Fernsehen erfahren. Und stellen Sie sich vor: Sie hat gesagt, dass sie sich da erneut in mich verliebt habe.“

MCI-Rektor Andreas Altmann – hier mit Snowden-Anwalt Robert Tibbo – führte durch den Abend.
MCI-Rektor Andreas Altmann – hier mit Snowden-Anwalt Robert Tibbo – führte durch den Abend.
- Foto TT / Rudy De Moor

Snowden ermunterte das Publikum, nicht zu warten, bis jemand etwas tue, sondern es selbst zu tun. „Einer muss der Erste sein.“ Jeder könne etwas ändern, auch wenn es nur ein kleiner Beitrag sei. „Bewegt, überzeugt, unterstützt Menschen. Zusammen können wir ein Fundament für eine bessere Zukunft bauen“, meinte der Whistleblower. „Es mag weh tun, etwas zu unternehmen, aber du bist in der Lage, die Welt zu retten.“

Snowdens Rettung lag in der Hand von Flüchtlingen in Hongkong. Sie hatten ihn auf seiner Flucht aufgenommen und ihm „die Tür geöffnet“. Der gestrige Abend stand auch im Zeichen der Spendenaktion fortherefugees.com. Ziel sei es, mehrere tausend Euro zu sammeln, damit die betroffenen Familien bis Weihnachten gut über die Runden kämen, so Altmann. Der Anwalt der Familien, Robert Tibbo, war es auch, der vor eineinhalb Jahren die Leitung zwischen Altmann und Snowden legte. Ob er denn nach seinem Engagement für Snowden noch ungehindert reisen könne, wollte eine Zuseherin von Tibbo wissen. Der gab eine sehr diplomatische Antwort. Hongkong sei ein sehr schwieriger Ort geworden. „Also reise ich viel an Orte, an denen ich lieber bin.“

Christina Schwaha (APA) und Floo Weißmann (TT) präsentierten die Fragen des Publikums.
Christina Schwaha (APA) und Floo Weißmann (TT) präsentierten die Fragen des Publikums.
- Foto TT / Rudy De Moor

Wie es denn Snowden damit gehe, wenn Menschen sorglos mit ihren Daten umgingen, wo er, Snowden, doch so viel riskiert habe, um darauf aufmerksam zu machen, lautete eine der fast 200 Fragen. Telefone würden registriert, abgehört und die Informationen gespeichert, warnte Snowden. „Regierungen und der Kommerz haben eines der effizientesten Überwachungssysteme geschaffen.“ Der Kampf gegen den Terrorismus würde als Legitimation dafür vorgeschoben, sagte der Amerikaner. Es gebe einen klügeren und einen weniger klugen Umgang mit Daten, meinte Snowden. Osama bin Laden habe seit 1998 kein Handy mehr besessen. „Und zwar aus dem Grund, weil die USA eine Rakete an den Platz abfeuerten, an dem er tags zuvor telefoniert hatte.“

Snowden hätte noch viel länger erzählen können. Die Aufmerksamkeit im Saal war ihm garantiert. „Fürchtet euch nicht, seid bereit“, gab er den Studenten mit.

Der Event zum Nachschauen

Livestream und TT-Ticker im Internet: http://liveblog.tt.com/live/snowden

Snowden mit eindringlichen Appellen: „Unsere Freiheit steht am Spiel“: http://bit.ly/2RYj2XX

Reaktionen aus Publikum: „Und plötzlich hat man den Menschen zur Story“: http://bit.ly/2yswJ98


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

News-Blog: US-Präsident Trump
News-Blog: US-Präsident Trump

Senatorin Harris bewirbt sich um Präsidentschaft, Shutdown weiter aktiv

Die US-Regierung steht wegen des “Shutdowns“ weiter still. Der US-Präsident beharrt auf seiner Mauer, die Demokraten halten das für undenkbar. Alles zur US-P ...

Symbolfoto.Migration
Migration

WHO: Gesundheitszustand von Geflüchteten leidet in Aufnahmeländern

Durch ein Leben in ärmeren Verhältnissen werden Migranten und Geflüchtete anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Schlaganfall.

US-Präsident Donald Trump setzt auf Falschaussagen und Beleidigungen.Präsident unter Druck
Präsident unter Druck

Halbzeit für Trump: Chaos-Jahre in Washington

Fast 8000 Falschaussagen hat der amtierende US-Präsident Donald Trump in den vergangenen zwei Jahren bereits gemacht. Rund 550 Ziele hat er sich für Beleidig ...

In einer Ansprache im Weißen Haus am Samstag bot Trump an, rund eine Million Migranten in den USA drei Jahre lang vor einer Abschiebung zu schützen.USA
USA

“Shutdown“: Demokraten lehnen Trumps Kompromissvorschläge ab

Seit Wochen sind 800.000 US-Bundesangestellte ohne Lohn. Die Lage ist für viele dramatisch, weil der US-Haushalt blockiert ist. Präsident Trump verspricht ei ...

Diese Demonstranten verkleideten sich als verwundete Marianne - die Nationalfigur Frankreichs. Frankreich
Frankreich

Erneut zehntausende „Gelbwesten“ in Frankreich auf der Straße

Die Demonstranten erteilten dem Angebot von Staatschef Emmanuel Macron zu einem „Bürgerdialog“ eine Absage und forderten seinen Rücktritt.

Weitere Artikel aus der Kategorie »