Letztes Update am Mi, 23.01.2019 18:01

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Vorwurf der „Nazi-Methoden“: Salvini verteidigt Flüchtlingslager-Räumung

535 Personen müssen das Aufnahmezentrum unweit von Rom verlassen. Die Schließung sorgt für Proteste gegen Italiens Innenminister Matteo Salvini.

Italiens Innenminister Matteo Salvini.

© AFP/PIZZOLIItaliens Innenminister Matteo Salvini.



Rom – Vor der geplanten Schließung Ende Jänner hat die Räumung von Italiens zweitgrößtem Flüchtlingslager nahe Rom begonnen. Oppositionspolitiker kritisierten den Ablauf der Räumung scharf, die nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa bis Samstag andauern soll. Nachdem am Dienstag bereits 30 Menschen aus dem Asylheim in Castelnuovo di Porto ausziehen mussten, wurden am Mittwoch weitere 75 Asylsuchende in Busse gesetzt und in andere Zentren gebracht.

300 der rund 500 Bewohner des Komplexes sollen anderweitig untergebracht werden. Die restlichen 200 Bewohner des Heims haben einen Aufenthaltsstatus, der durch das sogenannte „Sicherheits-Dekret“ des italienischen Innenministers Matteo Salvini, eine Verschärfung der Asylregeln, nunmehr entfällt. Sie verlieren damit Asylrechte – unter anderem auf eine kostenlose Unterbringung – und könnten dadurch obdachlos werden. Sollten sie keiner Abschiebung einwilligen, droht ein Abrutschen in die Illegalität.

„Familien werden getrennt“

„Männer, Frauen und Kinder werden auf eine Art aufgeteilt, die an Nazi-Lager erinnert, Familien werden getrennt“, sagte Roberto Morassut von der Demokratischen Partei am Dienstag im Parlament.

„Kinder, die hier in die Schule gehen, müssen die Ortschaft verlassen. Junge Migranten, die hier einen Integrationsprozess begonnen haben, wissen nicht, wohin sie gehen werden“, kritiserte auch der Bürgermeister von Castelnuovo, Riccardo Travaglini. Gefährdet seien auch die 107 Arbeitsplätze jener Organisation, die die Flüchtlingseinrichtung betreibt. Für die Genossenschaft sind unter anderem Ärzte, Psychologen und Lehrer tätig.

Salvini: „Akt des gesunden Menschenverstands“

Salvini wies den Vorwurf von „Nazi“-Methoden zurück. Die Räumung sei ein „Akt gesunden Menschenverstands und guter Verwaltung“, sagte der Politiker der Lega Nord dem staatlichen Sender RAI. „Ich hatte mich verpflichtet, große Migranteneinrichtungen, die Probleme verursachen, zu schließen, und das tun wir. Wer ein Recht auf einen Verbleib in Italien hat, landet nicht auf der Straße“, versicherte er.

Menschenrechtsaktivisten protestierten gegen die Schließung des Flüchtlingslagers mit einem Sit-in. „Jesus war ein Flüchtling, wir sind alle Flüchtlinge“, war auf einem Plakat vor dem Eingang der Einrichtung zu lesen, die seit ihrer Gründung über 8000 Migranten beherbergt hat. Das Zentrum für Asylsuchende war von Papst Franziskus am Gründonnerstag 2016 besucht worden. Dort vollzog der Heilige Vater an einigen Migranten den traditionellen Ritus der Fußwaschung, der an eine Geste Jesu beim Letzten Abendmahl erinnert. (TT.com, APA)