Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.04.2019


Weltpolitik

„Clown“ will „Schokokönig“ in Ukraine vom Thron stoßen

Amtsinhaber Poroschenko und sein Herausforderer Selenskyj lieferten sich vor der Präsidentenstichwahl ein Rededuell im Olympiastadion.

Duell auf großer Bühne: Poroschenko und Selenskyj standen sich im riesigen Fußballstadion gegenüber.

© AFPDuell auf großer Bühne: Poroschenko und Selenskyj standen sich im riesigen Fußballstadion gegenüber.



Kiew – Unmittelbar vor der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine kommenden Sonntag haben sich die beiden Kandidaten gestern Abend eine hitzige Debatte vor Zehntausenden Menschen im Olympiastadion in Kiew geliefert. Amtsinhaber Petr­o Poroschenko – der 53-jährig­e frühere Geschäftsmann machte sein Vermögen in der Süßwarenindustrie und ist im eigenen Land daher als „Schokoladenkönig“ bekannt – und der Schauspieler und Stand-up-Komiker Wolodymyr Selenskyj, der in seiner eigenen TV-Serie einen Präsidenten spielt, gingen auf der Bühne in der Arena mit 70.000 Plätzen schnell in den Angriffsmodus über. Die krisengeschüttelte Ex-Sowjetrepublik sei heute das ärmste Land unter „dem reichsten Präsidenten“, sagt­e Selenskyj. „Ich bin nicht Ihr Opponent, ich bin Ihr Urteil“, betonte er. Er wolle nur ein­e Amtszeit regieren und dafür sorgen, dass die korrupt­e Machtelite verschwinde. Mehrere Fernsehsender übertrugen die Debatt­e – auch in Russland.

Poroschenko, der selbstsicher und mit einem Lächeln auftrat, wies Vorwürfe der Korruption zurück. Der Präsident warnte davor, das von Russland bedrohte Land dem zwar „talentierten Schauspieler“, aber politisch völlig unerfahrenen Selenskyj zu überlassen. „Wir stehen heute vor äußeren Herausforderungen, die vom Präsidenten Mut, Kraft und internationale Erfahrung erfordern“, sagte er. Poroschenko bezeichnete seinen Herausforderer als unfähig, den russischen Aggressor zu besiegen.

Mehr als 10.000 Sicherheitskräfte waren nach offiziellen Angaben auf dem Stadiongelände im Einsatz, um einen reibungslosen Ablauf in der Arena mit 70.000 Plätzen zu garantieren. Die Debatte dauerte etwa eine Stunde. Beobachter gingen nicht davon aus, dass die Debatte Einfluss auf den Ausgang der Wahl hat. Am Nachmittag hatte Poroschenko, dem eine Niederlage droht, in Kiew seine Anhänger auf dem Unabhängigkeitsplatz versammelt, um für seine Wiederwahl zu werben. Der 41-jährige Selenskyj hatte den ersten Wahlgang am 31. März mit deutlichem Vorsprung gewonnen. Er gilt weiter als haushoher Favorit. Insgesamt sind 30 Mio. Wahlberechtigte aufgerufen, ein neues Staatsoberhaupt für die kommenden fünf Jahre zu bestimmen.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) fordert unterdessen eine dauerhafte Waffenruhe im Kriegsgebiet im Osten. Beide Seiten hätten die Pflicht, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen, erklärte der amtierende OSZE-Vorsitzende, der slowakische Außenminister Miroslav Lajcák, gestern. (dpa, APA, TT)