Letztes Update am So, 04.08.2019 10:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Experte zum Klimawandel: „Wir müssen den Turbo einschalten“

Die Landwirtschaft muss klimaschonender werden: Für den „Klimakiller“ Rind gibt es moderne Technologien, nachhaltige Lebensmittel allein sind zu wenig, sagt Wifo-Experte Sinabell.

Rahmenbedingungen für Lebensraumkorridore: Die Raumordnung soll nicht mehr in Händen der Gemeinden liegen.

© iStockphotoRahmenbedingungen für Lebensraumkorridore: Die Raumordnung soll nicht mehr in Händen der Gemeinden liegen.



Nächste Woche wird der Sonderbericht des Weltklimarates zum Thema Land- und Forstwirtschaft veröffentlicht. Auch wenn in Österreich die Landwirtschaft „nur“ für 8,1 Prozent – weltweit ist es ein Viertel – der klimaschädlichen Treibhausgase verantwortlich ist, besteht dennoch Handlungsbedarf?

Franz Sinabell: Der größte Problembereich in Österreich ist der Verkehr. Im Bereich Landwirtschaft gibt es eine leichte Entspannung, die Emissionen gehen in die richtige Richtung und die Ziele, die wir in Österreich ansteuern, sind sehr ambitioniert. Dennoch müssen wir in allen Sektoren den Turbo einschalten. Mit diesem Schneckentempo erreichen wir die Klimaziele nicht.

Man sagt, Rinder sind die Klimakiller. Sie produzieren in Österreich 4,9 Prozent des klimaschädlichen Treibhaus­gases Methan. Muss der Viehbestand weiter verkleinert werden?

Franz Sinabell: Agrarexperte am Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Forschungsschwerpunkte sind Agrar- und Ernährungsökonomie, Risiko- und Naturgefahrenanalyse, Umwelt- und Ressourcen­ökonomie. Sinabell hat auch einen Lehrauftrag an der Boku.
Franz Sinabell: Agrarexperte am Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Forschungsschwerpunkte sind Agrar- und Ernährungsökonomie, Risiko- und Naturgefahrenanalyse, Umwelt- und Ressourcen­ökonomie. Sinabell hat auch einen Lehrauftrag an der Boku.
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Sinabell: Seit 1990 ist der Rinderbestand rückläufig, was bereits zum Rückgang der Emissionen geführt hat. Natürlich stoßen diese Tiere das meiste Methan aus, aber ich fände es keine gute Idee, wenn wir ein Drittel der Rinder – bildlich gesagt – aus dem Land werfen. Es gibt intelligentere Lösungen, um die Belastungen zu reduzieren. Es gibt neue Technologien in der Stallhaltung und in der Almwirtschaft. Auch haben z. B. hocheffiziente Milchkühe einen deutlich geringeren CO2-Fußabdruck als weniger leistungsstarke Rassen.

Ist regional immer nachhaltiger und klimaschonender?

Sinabell: Regional ist dann besser, wenn es um saisonale Produkte geht. Bei der Milch zum Beispiel greift es zu kurz. Wir produzieren Milch zu besseren Bedingungen als vielfach im Ausland. Es wäre daher nicht gut, wenn unsere Nachbarn aus Gründen der Regionalität nicht mehr auf unsere Milch zurückgreifen würden. Man muss sich die Klimabilanz daher für jedes einzelne Produkt ansehen.

Ist der CO2-Abdruck von Bioprodukten immer kleiner?

Sinabell: Beim Bioanbau wird kein Mineraldünger verwendet, womit natürlich Emissionen vermieden werden, gleichzeitig sind aber die Erträge niedriger. Es kann also sein, dass im Endeffekt konventionell hergestelltes Brot weniger Emissionen verursacht als Biobrot. Aber man weiß auch, dass Konsumenten, die vermehrt zu Bioprodukten greifen, auch sonst umweltfreundlicher leben. Sie fahren u. a. mit dem Rad statt mit dem Auto zum Einkaufen. Es sind also viele Faktoren, die hier zusammenkommen, und die gilt bei der Klimabilanz zu berücksichtigen.

Es liegt am Konsumverhalten, ob die Emissionen zurückgehen?

Sinabell: Das Konsumverhalten ist DER Schlüssel. Natürlich löst nicht jeder Einzelne mit seinem Verhalten die Probleme der ganzen Welt, aber es ist die Summe der kleinen Anteile, die man zum Klimaschutz beitragen kann. Ernährt man sich mehr auf pflanzlicher Basis, hinterlässt man einen kleineren CO2-Fußabdruck als mit tierischen Produkten. Aber es bringt nichts, wenn man das ganze Jahr streng vegan ist und dennoch einmal im Jahr nach New York fliegt. Es muss sich das Konsumverhalten in seiner Gesamtheit ändern.

Welche politischen Maßnahmen braucht es?

Sinabell: Es ist die Aufgabe des Staates, die Rahmenbedingungen zu setzen. Es wäre effizienter, alle Treibhausgasemissionen zu bepreisen, als dieser Instrumentenmix, den man jetzt einsetzt. Das hätte automatisch zur Konsequenz, dass Fleisch z. B. im Vergleich zu anderen Lebensmitteln etwas teurer wird und fliegen um ein Vielfaches teurer.

Wie könnte man parallel dazu Naturräume schaffen, die dem Klima nützen?

Sinabell: Ergänzend zur Besteuerung sollte es einen Bonus geben, wenn man Kohlenstoff speichert. Das würde Anreiz geben, feuchte Wiesen, die entwässert sind, zu renaturieren. Aber die zertifizierte Bodenschutzspeicherung ist derzeit eher noch ein Gedankenexperiment.

Problemstellen: Was Experten sagen

Naturräume in Gebieten intensiver Landnutzung

Aufgrund der intensiven Landnutzung und der starken Fragmentierung ist in Europa die Gefahr besonders groß, Biodiversität zu verlieren. In Österreich – sowohl bundesweit als auch in einzelnen Bundesländern – gibt es zahlreiche Projekte und Studien, die zeigen, wo die wichtigen lebensraumverbindenden Achsen (Korridore) liegen. Eine zukunftsfähige Politik muss handeln und geeignete Rahmenbedingungen für die Rettung der Lebensraumkorridore schaffen. Ein sektorübergreifender, gesamtheitlicher Ansatz mit Bundeskompetenzen für „Ökologische Raumplanung und Naturschutz“ ist dringend notwendig. Es braucht rechtliche Grundlagen genauso wie wirksame finanzielle Anreize. Raumplanung muss auf eine übergeordnete Ebene gehoben werden. (Ingrid Hagenstein, Naturschutzbund)

Mischwald statt Fichtenmonokultur in Tirol

Mit dem Klimawandel muss und wird sich auch der Tiroler Wald verändern. Österreichs häufigste Baumart, die Fichte, wird weiter eine wichtige Rolle spielen, allerdings nicht mehr in dem Ausmaß wie gegenwärtig. Vor allem der Anteil an Fichtenreinbeständen in den tieferen und mittleren Höhenstufen muss stark zu Gunsten eines Bergmischwaldes reduziert werden. Das Stichwort lautet Verjüngung, bei der junger Wald aus den Samen der Altbäume vor Ort nachwächst. Diese sind genetisch bestens an die Bedingungen vor Ort angepasst. Belassen werden auch Biotopbäume wie seltene Ebereschen im Wald, deren Astlöcher und Höhlen die Vögel nutzen können. Gleichzeitig werden zahlreiche Tümpel für seltene Amphibien wie Alpenkamm-Molch angelegt. (Rudolf Freidhager, Vorstand Österreichische Bundesforste).

Landwirtschaft verursacht fast gesamten Ammoniakausstoß

In Österreich werden jährlich 62.000 Tonnen Ammoniak emittiert, 93,4 Prozent davon stammt aus der Landwirtschaft (Umweltbundesamt). Ausschlaggebend sind vor allem: Stallsituation, Wirtschafdüngerlagerung und Ausbringung organischer Düngemittel (Gülle, Jauche und Festmist). Hauptursache ist die Rinderhaltung, die für 56 % der Gesamt­emissionsmenge verantwortlich ist. Die Regionen mit den höchsten Ammoniakemissionen aus der Weidehaltung liegen im Westen Österreichs (Bludenz/Bregenzer Wald, Lungau, Oberkärnten, Osttirol und Tiroler Oberland).

In der Ausgestaltung der Ställe liegt das größte Einsparungspotenzial, 20 Prozent der Emissionen können hier vermieden werden.

Die Almwirtschaft schafft zusätzliche Weidefläche für das Vieh im Sommer, produziert hochqualitative Lebensmittel, prägt die Kulturlandschaft und fördert die Biodiversität. Gut durchdachtes Weidemanagement ist ein geeignetes Mittel, um möglichst viele Flächen auf den Almen in einer Intensität zu beweiden, die dem Standort angepasst ist. Ergänzend braucht es Pflegemaßnahmen. (Judith Drapela-Dhiflaoui, Umweltdachverband)

Zu wenig EU-Budget für Nachhaltigkeit

Obwohl ihre positiven Auswirkungen (Sicherung der Bodenqualität, Stärkung der Biodiversität und des Tierwohls, Bekämpfung des Klimawandels) unbestritten ist, wächst der Druck auf ökologisch nachhaltige Landwirtschaft uneingeschränkt.

Eigentlich sollte die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU Umweltprobleme in der Landwirtschaft auf internationaler Ebene bewältigen und die europäische Agrarwirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig machen. Die Realität sieht anders aus. Deutlich zu wenig GAP-Budget fließt in Maßnahmen für den Artenschutz oder die Förderung der kleinstrukturierten umweltgerechten Landwirtschaft. Die Ziele der EU-Biodiversitätsstrategie oder die Pariser Klimaziele werden wir damit aus heutiger Perspektive weit verfehlen. Für die nächste GAP-Periode 2021–2027, über die derzeit verhandelt wird, fordern wir eine deutlich höhere Finanzierung der ökologisch relevanten Maßnahmen, mehr Anstrengungen im Bereich der Biodiversität und die Schaffung finanzieller Anreizkomponenten. (Gerald Pfiffinger, Geschäftsführer Umweltdachverband)