Letztes Update am Di, 20.08.2019 12:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Offener Brief

„Ich lag falsch“: Ex-Kommunikationschef Scaramucchi bricht mit Trump

Lange war Anthony Scaramucchi nicht im Weißen Haus. Nach nur elf Tagen war er 2017 von Trump gefeuert worden. Dennoch verteidigte der Finanzmanager den US-Präsidenten bis zuletzt. Nun ist damit Schluss: In einem offenen Brief erklärt Scaramucchi, warum Trump nicht erneut gewählt werden darf.

Anthony Scaramuccis (r.) mit Trumps ehemaliger Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders (l.) im Weißen Haus. (Archivaufnahme, 2017)

© REUTERSAnthony Scaramuccis (r.) mit Trumps ehemaliger Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders (l.) im Weißen Haus. (Archivaufnahme, 2017)



Von Matthias Sauermann

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Washington — „Ich kann nicht länger guten Gewissens die Wiederwahl des US-Präsidenten unterstützen": Mit diesen Worten erklärt Anthony Scaramucchi seine Kehrtwende. Es ist ein bemerkenswerter Bruch eines Exzentrikers mit dem US-Präsidenten, nachdem er diesen trotz seines rekordverdächtigen Rauswurfs aus dem Weißen Haus verteidigt hatte. Und es ist eine Geschichte mit einem Hintergrund.

2017 war der Finanzmanager zum Kommunikationsdirektor ernannt worden. Pressesprecher Sean Spicer und Kabinettschef Reince Priebus nahmen daraufhin aus Protest ihren Hut, Sarah Huckabee Sanders folgte als Pressechefin. Mit eigenwilligen Medienauftritten sorgte Scaramucchi für Aufsehen — was in nur elf Tagen in seinem Rauswurf gipfelte. Er beschimpfte andere Mitarbeiter des Präsidenten Reportern gegenüber obszön, das war Trump offenbar dann doch zuviel.

Zu einem Bruch mit der Politik des US-Präsidenten führte das jedoch nicht. Bis zuletzt. Vor wenigen Wochen meldete sich Scaramucchi wieder zu Wort und zwischen dem Ex-Mitarbeiter und Trump entwickelte sich ein Kleinkrieg, der auch über Twitter ausgetragen wurde. Neueste Episode darin: In einem offenen Brief erklärte Scaramucchi, warum er sich schließlich doch von Trump abwandte. Und appelliert an andere Republikaner, es ihm gleichzutun. Der Artikel kann hier in der Washington Post nachgelesen werden. Die Übersetzung:

Anthony Scaramucchi: Ich lag bei Trump falsch. Hier ist, warum.

Wie Präsident Trump mich am Montag online beschimpfte, war vorhersehbar, nachdem ich öffentlich sagte, dass er nicht für das Amt geeignet ist. Der Tenor seiner Beschimpfung hat mein Denken bestärkt: Ich kann nicht länger guten Gewissens die Wiederwahl des Präsidenten unterstützen.

Das ist kein Damaskuserlebnis: Meine Bedenken haben sich öffentlich über eine Zeit lang verstärkt. Und ich suche nicht nach Absolution. Ich möchte Teil der Lösung sein. Die negativen Aspekte von Trumps Demagogie überwiegen nun deutlich die positiven Aspekte seiner Führung, und es ist zwingend nötig, dass die Amerikaner sich vereinen um zu verhindern, dass er weitere vier Jahre im Amt bleibt.

Als ich mich entschloss, Trumps Kandidatur zu unterstützen und später in seiner Regierung zu arbeiten, war das nicht, weil ich ihm in allem zustimmte oder alle Aspekte seiner Persönlichkeit schätzte. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Ed Koch sagte einst: „Wenn Sie mir in neun von zwölf Punkten zustimmen, geben Sie mir Ihre Stimme. Wenn Sie mit mir in zwölf von zwölf Punkten zustimmen, gehen Sie zum Psychiater."

Meine öffentlichen Lobpreisungen des Mannes haben manchmal über das Ziel hinausgeschossen, aber meine private Einschätzung war verhaltener. Ich dachte, dass Trump, trotz seiner Fehler, einen pragmatischen und unternehmerischen Zugang ins Oval Office bringen könnte. Ich dachte, er könnte der Neustart-Knopf sein, den Washington brauchte, um die parteipolitische Lähmung zu durchbrechen. Ich dachte, dass er inklusiver regieren würde als seine Rhetorik im Wahlkampf vermuten ließ. Und ich dachte naiverweise, dass ich durch den Einstieg in die Administration den Rechtsaußen-Stimmen im Raum etwas entgegensetzen könnte.

Ich lag falsch. Und ja, viele von euch haben mir das damals gesagt.

Auch nachdem ich die Regierung verließ, unterstütze ich den Präsidenten weiter - basierend auf dem Glauben, dass die positiven Resultate seiner Regierungszeit, speziell die Wirtschaft betreffend, die zerstörerischen Effekte seines unpräsidentiellen Verhaltens überwiegen würden. Bemerkenswerterweise hat sein pro-unternehmerischer Regierungsstil die Arbeitslosigkeit für fast jeden Bevölkerungsteil auf Rekordniveau gedrückt und zu Lohnanstieg geführt - selbst wenn seine Taktlosigkeit in den Verhandlungen mit China nun drohen, eine Rezession zu verursachen. Wie dem auch sei, bei der Ja/Nein-Frage nach der Unterstützung des Präsidenten habe ich einen Umkehrpunkt erreicht.

Für diejenigen, die aufgepasst haben, hat sich meine öffentliche Kritik des Präsidenten während der vergangenen zwei Jahre gesteigert. Seine Antwort auf den Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville war abstoßend. Ich war entsetzt darüber, wie Kinder an der südlichen Grenze von ihren Eltern getrennt wurden. Sein Toben über die Medien als „Feind des Volks" war gefährlich und inakzeptabel. Aber der letzte Strohhalm kam im vergangenen Monat, als Trump auf Twitter schrieb, vier Kongressabgeordnete - alle US-Bürger, und drei von ihnen hier geboren - sollten „zurückgehen und dabei helfen, die total zerbrochenen und von Kriminalität infizierten Plätze zu reparieren, von denen sie kamen".

Auch wenn es schwierig und peinlich ist, meine Fehleinschätzungen zuzugeben, glaube ich, dass ich noch immer die Fähigkeit habe, etwas wiedergutzumachen.

Ich wurde beschuldigt, mich nur deshalb gegen Trump zu wenden, weil er sich gegen mich wandte. Wenn das der Fall wäre, dann wäre der Zeitpunkt für den Rachefeldzug gewesen, als ich zustimmte meine Firma zu verkaufen, um in seiner Regierung zu arbeiten, nur um dann als Mann fürs Grobe verwendet und am Ende nach nur elf Tagen als Kommunikationsdirektor gefeuert zu werden. Nur, weil ich unanständige Worte verwendet habe um einem Reporter, dem ich fälschlicherweise vertraut habe, die Wahrheit über schlechte Menschen zu erzählen.

Ich brach mit Trump nicht nur, weil sein Verhalten erratischer und seine Rhetorik noch aufhetzerisch geworden ist, sondern auch, weil er, wie alle Demagogen, unfähig ist, konstruktive Kritik zu akzeptieren. Während wird auf dem Nagelbett liegen, das Trump geschaffen hat, ist es oft schwierig zu sehen, wie sehr sich das Paradigma akzeptablen Verhaltens verschoben hat. Für die Republikanische Partei ist nun die Frage, ob wir damit beginnen wollen, die Sauerei aufzuwischen oder nur die Risse provisorisch zu überdecken.

Ich fordere meine Parteifreunde auf, den Nerv zu haben, öffentlich gegen Trump aufzutreten. Die Kultur der Angst zu bezwingen, die er geschaffen hat. Und mit den Bedenken an die Öffentlichkeit zu treten, die ihr so bereitwillig im privaten Bereich äußert. Haltet an eurem Patriotismus fest, und helft dabei, das Land vor seinen Verwüstungen zu bewahren. Und für die Mitglieder des angeblichen Widerstands, bitte verlasst den Raum an der Ausfahrt für diejenigen, die gewillt sind, ihre Fehler zuzugeben.

Meine persönliche Odyssee hat länger gebraucht als sie es hätte sollen. Aber ich habe keine Bedenken, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Ich bin fest gewillt sicherzustellen, dass die guten Menschen am Ende diejenigen sind, die sie niederschreiben werden.