Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 25.08.2019


Alpbach

Die Gefahr für die Freiheit der Menschen

Um Freiheit und Sicherheit geht es heuer in Alpbach. Mit Obama in einer Gastrolle und Van der Bellen als Popstar.

Regentropfen zum Empfang in Alpbach: Österreichs UNO-Botschafter Jan Kickert (l.) und Forums-Präsident Franz Fischler mit der Präsidentin der UNO-Generalversammlung, Maria Fernanda Espinosa Garces.

© EFA/Andrei PungovschiRegentropfen zum Empfang in Alpbach: Österreichs UNO-Botschafter Jan Kickert (l.) und Forums-Präsident Franz Fischler mit der Präsidentin der UNO-Generalversammlung, Maria Fernanda Espinosa Garces.



Von Floo Weißmann

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Alpbach – Niemand Geringerer als Barack Obama hat am Samstagabend die Politischen Gespräche in Alpbach eröffnet. In gewisser Weise zumindest.

Der Künstler Alexander Deutinger trägt zu Beginn Teile der Rede über Krieg und Frieden vor, die der damalige US-Präsident vor zehn Jahren bei der Verleihung des Friedensnobelpreises gehalten hat. „Wir sind nicht bloß Gefangene des Schicksals. Was wir tun, zählt“, sagt Deutinger als Obama.

Irgendwann beginnt er mit lustigen Verrenkungen. Mal lungert er mit gespreizten Beinen am Stuhl, mal hoppelt er, während er weiter vorträgt. Die Anleitung dazu kommt von seiner Partnerin Marta Navaridas auf einer kleinen Bühne an der Rückseite des Saals. Er kontrolliert die Worte, sie die Bewegung.

„Ich weigere mich anzuerkennen, dass Verzweiflung die letzte Antwort auf die Wechselfälle der Geschichte darstellt“, trägt Deutinger vor, und dabei steigt er von der Bühne und schüttelt den Ehrengästen in der ersten Reihe die Hände.

„Wir können verstehen, dass es Krieg geben wird und uns dennoch für Frieden einsetzen“, schließt Obama, der Denker im Amt des Präsidenten.

Und intellektuell-professoral geht es weiter. Der israelische Philosoph und Psychologe Carlo Strenger redet über „Freiheit und Sicherheit“, das Leitthema der diesjährigen Politischen Gespräche. Er ortet eine Krise der liberalen Demokratie. „Immer weniger Menschen haben das Gefühl, dass der Liberalismus sie mit Sicherheit, Zugehörigkeitsgefühl und Respekt ausstattet“, sagt Strenger.

Der Philosoph warnt: Die größte Gefahr für die liberale Demokratie kommt nicht von außen, etwa durch muslimische Einwanderer, sondern von innen. „Freiheit braucht enorme Disziplin“, sagte Strenger. Gemeint ist die Einhaltung von Regeln, die den Einzelnen schützen – auch vor Übergriffen des Staates oder der Tyrannei der Mehrheit.

Als Denkerin präsentiert sich in Alpbach auch Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein. Die Hoffnung von 1989 habe sich nicht erfüllt, klagt sie. Weniger als die Hälfte aller Staaten seien volle Demokratien, und auch in Teilen Europas ortet die Kanzlerin bedenkliche Tendenzen.

Besonders sorgt sie sich um die Digitalisierung. Zu den Opfern der Anschläge von 9/11 gehörten große Teile der Privatsphäre, sagt Bierlein. Es dürfe aber keinen Handel zwischen Terrorismusbekämpfung und dem Schutz der Menschenrechte geben, zitiert sie den früheren UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Der Staat habe sowohl Freiheit als auch Sicherheit zu schützen.

Weniger zurückhaltend gibt sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der sich in Alpbach zu einer Art Popstar gemausert hat. „Die Illusion der Rückkehr zu nationaler Souveränität bewirkt das Gegenteil von dem, was die Nationalisten behaupten“, sagt er. „Wir werden ja sehen, wie das Experiment Vereinigtes Königreich ausgeht.“

Als größte Bedrohung für Freiheit und Sicherheit sieht der Bundespräsident die Klimakrise. Wenn die Menschheit zugrunde geht, dann sei „nebensächlich, ob Russland oder die USA die längeren Raketen haben“. Gäbe es nicht die Fridays-for-Future-Bewegung, „würde ich heute nicht so fröhlich vor Ihnen stehen“. Er erhält Standing Ovations.

Kampf gegen den Klimawandel nennt auch Maria Fernanda Espinosa Garces, Präsidentin der UNO-Generalversammlung, als erste Priorität. Sie hält ein Plädoyer für mehr internationale Zusammenarbeit und lobt Österreich für seinen Beitrag. „Unsere Welt steht in Flammen“, warnt sie mit Blick auf die Brände im Amazonas-Gebiet. Und sie zitiert den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Mit Espinosa schließt sich der Kreis zu Obama, dem überzeugten Multilateralisten und leidenschaftlichen Mahner, sich nicht zynisch zurückzulehnen, sondern zu handeln.