Letztes Update am Di, 27.08.2019 23:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Waldbrände

Streit um G7-Hilfe: Bolsonaro fordert Entschuldigung, Gouverneure fürchten Sanktionen

Brasiliens Präsident ist sauer: In der Debatte um die Waldbrände in der Amazonasregion fühlt er sich von den reichen Industrieländern übergangen. Bevor er die Millionen-Hilfe für die Löscharbeiten annehmen will, fordert der Rechtspopulist ein Zeichen. Nun bekommt er Kontra von den Gouverneuren seines Landes.

Die Beleidigungen gegen ihn sollten zurückgenommen werden, bevor er die Hilfe von 20 Millionen US-Dollar annehme, so Bolsonaro.

© AFP/BRAZILIAN PRESIDENCYDie Beleidigungen gegen ihn sollten zurückgenommen werden, bevor er die Hilfe von 20 Millionen US-Dollar annehme, so Bolsonaro.



Brasilia – Wegen seiner umstrittenen Umweltpolitik bekommt der rechte Präsident Jair Bolsonaro in Brasilien nun Kontra von den Gouverneuren. Die regionalen Regierungschefs des Amazonasgebiets fürchten wegen des Streits um die verheerenden Waldbrände und das Hilfsangebot der G-7-Staaten internationale Wirtschaftssanktionen und einen schweren Imageschaden.

„Wenn sich Brasilien auf internationaler Ebene isoliert, setzt es sich ernsten Handelssanktionen gegen unsere Produzenten aus“, sagte der Regierungschef des Bundesstaates Maranhão, Flávio Dino, am Dienstag bei einem Treffen der Gouverneure mit Bolsonaro.

Der Staatschef hatte zuvor eine Entschuldigung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gefordert, bevor er die von den Industrieländern angebotene Hilfe bei den Löscharbeiten annehmen will. Er warf Macron vor, ihn als Lügner bezeichnet und die Souveränität des Amazonasgebiets infrage gestellt zu haben.

Mehr als 82.000 Brände wüten seit Jänner im Amazonas-Gebiet.
Mehr als 82.000 Brände wüten seit Jänner im Amazonas-Gebiet.
- AFP

„Ich denke, jetzt sollten wir uns um unsere Probleme kümmern und der Welt der Umweltdiplomatie ein Zeichen geben, denn sie ist fundamental für die Landwirtschaft. Sonst erleiden wir einen schweren Imageschaden, der bereits jetzt allen Anlass zu Sorge gibt“, sagte der Gouverneur von Pará, Hélder Barbalho.

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Bolsonaro gilt eigentlich als Freund der Agrarindustrie. Weil wegen seiner Umweltpolitik nun aber einige europäische Länder bei der Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur auf die Bremse treten, sorgen sich mittlerweile auch die brasilianischen Landwirte um ihr Geschäft.

20 Millionen US-Dollar von G7 zugesagt

Die G7-Staaten hatten Brasilien bei ihrem Gipfel in Biarritz eine Soforthilfe von 20 Millionen US-Dollar (rund 17,9 Millionen Euro) zugesagt, um die Löscharbeiten in der Waldbrandregion zu unterstützen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Amazonasregion wegen deren Bedeutung für den globalen Klimaschutz zudem als „Gemeingut“. Außerdem warf er Bolsonaro vor, ihn beim Gipfel der großen Industrie- und Schwellenländer (G20) in Osaka im Hinblick auf Zusagen zum Umweltschutz angeschwindelt zu haben.

„Um mit Frankreich, das die besten Absichten hat, zu sprechen oder irgendwas anzunehmen, muss er diese Äußerungen zurücknehmen“, forderte Bolsonaro. Zuvor hatte sein Präsidialamtschef Onyx Lorenzoni nach der Interpretation eines Blogs im Nachrichtenportal G1 nahegelegt, dass Brasilien die Hilfe nicht annehmen wolle. Das Geld sei möglicherweise besser in Europa angelegt, sagte Lorenzoni demnach.

Regierung will selbst über Verwendung der Mittel entscheiden

Bolsonaro bestätigte dies zunächst nicht. „Habe ich das gesagt?“, fragte er die Journalisten vor seiner Residenz auf Nachfrage. „Habe ich gesprochen? Hat Jair Bolsonaro gesprochen?“ Der brasilianische Umweltminister Ricardo Salles hatte die Hilfszusage der G7 zuvor begrüßt. Er machte allerdings deutlich, dass die Regierung in Brasilia selbst über die Verwendung der Mittel entscheiden werde.

Macron bedauerte die zögerliche Haltung der Brasilianer. Das Hilfsangebot sei ein Zeichen der Freundschaft, nicht der Aggressivität, sagte er. Zudem solle die Unterstützung nicht nur Brasilien zugutekommen, sondern der gesamten Amazonasregion. Wegen seines Überseedepartments Französisch-Guyana in Südamerika begreife sich Frankreich selbst als ein Amazonas-Land.

Umweltschutzverbände begrüßten die Soforthilfen zwar, gaben aber zu bedenken, dass die G7-Staaten wegen ihrer Handelspolitik mitverantwortlich für die Brände seien. Die weltweite Nachfrage nach Rindfleisch und Soja aus Brasilien befeuert nach Einschätzung von Greenpeace die jüngsten Brandrodungen.

Rund 2500 Soldaten derzeit im Einsatz

Unterdessen intensivierten die Einsatzkräfte die Löscharbeiten in den Waldbrandgebieten. Rund 2500 Soldaten, 15 Flugzeuge und Hubschrauber sowie zehn Schiffe seien an dem Einsatz beteiligt, teilte das Verteidigungsministerium mit. In einigen Gebieten seien die Brände teilweise bereits zurückgedrängt worden. „Ist es schwer? Ja, aber es ist nicht außer Kontrolle geraten“, sagte Verteidigungsminister Fernando Azevedo.

In Brasilien wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren. Seit Jänner stieg die Zahl der Feuer und Brandrodungen im größten Land Südamerikas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nach den jüngsten Angaben der brasilianischen Weltraumagentur INPE um 80 Prozent auf mehr als 82.000 Brände. Viele Feuer wurden offenbar von Farmern auf abgeholzten Flächen gelegt, um neue Weideflächen und Ackerland für den Soja-Anbau zu schaffen. Weil es derzeit sehr trocken ist, greifen die Brände auch auf noch intakte Waldgebiete über. (APA/AFP)

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