Letztes Update am Di, 27.08.2019 16:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verheerende Brände

Indigene über Amazonas-Brände: „Wir kaufen Land und Rechte zurück“

Bei einer Pressekonferenz mit dem Titel „Die Lunge des Planeten brennt“ in Wien forderten Vertreter des indigenen Volks der Huni Kuin die internationale Gemeinschaft auf, „gemeinsam für das Überleben der Menschheit zu kämpfen“ und den Druck auf den brasilianischen Präsidenten zu erhöhen.

Durch die zahlreichen Brände wird auch die Lebensgrundlage von vielen indigenen Völkern im Amazonas gefährdet.

© AFPDurch die zahlreichen Brände wird auch die Lebensgrundlage von vielen indigenen Völkern im Amazonas gefährdet.



Wien – Angesichts der verheerenden Walbrände im Amazonasgebiet haben Vertreter des indigenen Volks der Huni Kuin am Dienstag in Wien zur Unterstützung aufgerufen. „Wir wollen natürlich, dass die indigenen Rechte auf politischer Ebene durchgesetzt werden“, erklärte Mapu Huni Kuin im Rahmen einer Pressekonferenz. Aber nachdem das in naher Zukunft nicht geschehen werde, „kaufen wir unser Land zurück“.

Mapu, der mit seiner 24 Jahre alten Schwester Bismani Huni Kuin angereist ist, ist politischer Anführer einer Gruppe der Huni Kuin und kaufte in dem brasilianischen Bundesstaat Acre unter anderem mit Mitteln aus Europa zehn Hektar Land. Das „bewusste Eintreten“ in das westliche Wirtschaftssystem, so wird der 30-Jährige aus dem Portugiesischem zitiert, sei „momentan eine Garantie, dass die Rechte der Indigenen gewahrt“ werden. Rein rechtlich sollte dies allerdings gar nicht notwendig sein.

In der brasilianischen Verfassung von 1988 haben indigene Völker ein Recht auf fortdauernden Besitz der von ihnen bewohnten Fläche und auf die exklusive Nutzung der dort befindlichen Rohstoffe und Bodenschätze. Außerdem bestimmt die Verfassung, dass die Regierung die Pflicht hat, sie und ihren Besitz zu schützen. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat jedoch stets klar gemacht, dass er in der Amazonas-Region vor allem ungenutztes wirtschaftliches Potenzial sieht und „nicht ein Zentimeter“ mehr als indigenes Reservat abgegrenzt wird.

Bolsonaro stelle Wirtschaft über Recht der Indigenen

Der Regierung des rechtsextremen Staatschefs wirft Mapu Rechtsbruch vor. Erst vergangene Woche habe das Parlament einen „Sondernotstand für die Freiheit der Wirtschaft“ ausgerufen und damit die Wirtschaft über das Recht der Indigenen und der Umwelt gestellt, kritisiert der Huni-Kuin-Anführer. Er selbst, erzählt Mapu, sei schon mehrfach bedroht worden und musste flüchten. Erst im August hätten die Brände ihre „Lebensgrundlage“ zerstört, nun hoffen sie auf finanzielle Unterstützung für die Wiederaufforstung ihres Landes.

Bei der von den Grünen organisierten Pressekonferenz mit dem Titel „Die Lunge des Planeten brennt“ forderte Mapu die internationale Gemeinschaft auf, „gemeinsam für das Überleben der Menschheit zu kämpfen“ und den Druck auf den brasilianischen Präsidenten zu erhöhen, denn dieser müsse „gestürzt und gestoppt“ werden. So müsste etwa verhindert werden, dass Unternehmen in Europa „von der Zusammenarbeit mit der Regierung Bolsonaro profitieren“, sagte er mit Verweis auf das Mercosur-Handelsabkommen. Den indigenen Völkern, so Mapu, „muss mehr zugehört werden, weil wir wissen, wie der Klimawandel gestoppt werden kann.“

Grüne fordern Handelsstopp als Druckmittel

Auch Michel Reimon, Nationalratskandidat der Grünen, fordert von der EU in den Handelsbeziehungen mit dem größten südamerikanischen Land mehr „Abstimmung mit den indigenen Völkern“. Europa sollte sein „großes Druckmittel“ einsetzen: Politisch muss ganz klar sein, Brasilien möchte Handel mit Europa treiben, wenn es das tut, dann muss der Amazonas-Wald stehen bleiben, dass muss eine Bedingung sein, sonst gibt es keine wirtschaftlichen Beziehungen.“ In dem Mercosur-Abkommen, kritisiert der Ex-EU-Abgeordnete, stehe lediglich drinnen, dass beide Länder auf den Klimaschutz achten, ohne verbindliche Konsequenzen. Die Grüne Bundesrätin Ewa Ernst-Dziedzic fordert unterdessen, das AMA-Gütezeichen gentechnikfrei zu machen und sicherzustellen, dass kein Regenwald-Soja mehr in heimischen Trögen landet, die dieses Gütesiegel tragen. Von den 500.000 Tonnen an Soja, die in Österreich landen, sind ihren Angaben nach mehr als 350.000 genmanipuliert.

Am Abend findet vor der brasilianischen Botschaft in der Pestalozzigasse 4 im 1. Wiener Gemeindebezirk eine Kundgebung mit dem Titel „Amazonas brennt - Bolsonaro lenkt“ um 17.00 Uhr statt. (APA)


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